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Hellboy 4: Sarg in Ketten  Redaktionstipp
Comics: Amerika Horror & Mystery
Geschrieben von Manuel Tants   
Montag, 27. Oktober 2008

Hellboy 4: Sarg in Ketten

Autor: Mike Mignola
Zeichner: Mike Mignola

Originaltitel: Mike Mignola's Hellboy: The Chained Coffin and Others
Reihe: Hellboy
4. Band der Reihe

Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Erschienen: August 2006
ISBN: 978-3-936480-24-5
Preis: 19,80 EUR

200 Seiten
Inhalt
9.0
Zeichnungen
10.0
Verarbeitung
9.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
9.3

Wertung:
9.3
von 10
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Zum Inhalt:

Die unheimliche Ruine einer Kirche in East Bromwich, England. Getrieben von quälenden Zweifeln an seiner Bestimmung ermittelt Hellboy in eigener Sache an jenem Ort, an dem fünfzig Jahre zuvor sein irdisches Leben begann. In einer Nacht voller Schrecken trifft der diabolische Jäger des Übernatürlichen hier nicht nur auf Geister und Dämonen, sondern auch auf das Geheimnis eines Sargs in Ketten. Der größte Horror jedoch offenbart sich ihm, als er seinen eigenen Ursprüngen ins Auge blickt ... In weiteren Fällen des Bandes bekommt es Hellboy unter anderem mit der Baba Jaga und einer äußerst geschwätzigen irischen Leiche zu tun. Ein grauenhaftes Blutbad auf dem Balkan bringt ihn auf die Fährte der "Wölfe von St. August" und die aberwitzigen Allmachtsfantasien eines Jahrhunderte alten Homunkulus schließlich in wahrhaft kolossale Bedrängnis.

Meinung:

Nach zwei langen Geschichten und einer Crossover-Sammlung stellt "Sarg in Ketten" die erste Hellboy-Kurzgeschichten-Anthologie dar. In diesen überschaubareren Abenteuern zeigt Mike Mignola auch einmal eine etwas heiterere Seite seines Helden aus der Hölle. Den Auftakt des Bandes macht dann auch gleich "Der Leichnam" - nicht nur eines der beliebtesten, sondern zweifellos auch eines der lustigsten Abenteuer aus dem Hellboy-Kanon. Jahrelang galt gerade diese Kurzgeschichte als beispielhaft dafür, dass viele von Hellboys frühen Fällen eher für sich allein stehenden Anekdoten glichen. Erst in jüngster Zeit hat sich herausgestellt, dass sogar ein Charakter aus dieser amüsanten Story entscheidende Bedeutung für Hellboys Schicksal haben wird.

Doch wie dem auch sei, für sich betrachtet ist "Der Leichnam" in der Tat vor allem ein leichtfüßiger Spaß: Die ursprüngliche Veröffentlichungsform in zweiseitigen Häppchen hat dazu geführt, dass die Pointen und absurden Wendungen mit enorm hoher Frequenz auftreten, und das macht Hellboys Aufgabe, einen verstorbenen Lebemann durchs nächtliche Irland zu schleppen, um ein geeignetes Grab für ihn zu finden, für den Leser äußerst kurzweilig. Auch die Story "Die Eisenschuhe", die ebenfalls in Irland spielt, bleibt dieser Stimmung treu und präsentiert ein wunderbar merkwürdiges Ereignis aus Hellboys frühen Tagen als B.U.A.P.-Agent.

Die übrigen Geschichten des Bandes sind dann zwar nicht mehr ganz so heiter, aber das Qualitätsniveau bleibt weiterhin hoch: In "Die Baba Jaga" erfährt man, wie Hellboys jahrzehntelange Feindschaft mit der gleichnamigen russischen Hexe ihren Anfang nahm. "Weihnachten in der Unterwelt" hat wenig mit Festtagsstimmung zu tun, sondern stellt eine herrlich melancholische Geistergeschichte dar. In "Sarg in Ketten" schließlich begibt sich Hellboy nach all den apokalyptischen Andeutungen, die er sich von vielen seiner übersinnlichen Gegner in letzter Zeit anhören musste, zum ersten Mal seit 50 Jahren wieder an den Ort seiner Geburt und erlebt dort eine ausgesprochen verstörende Vision, die die Worte seiner Feinde unangenehm glaubwürdig wirken lässt.

Nach diesen zum Teil recht kurzen Abenteuern bietet der Band noch zwei etwas längere Geschichten. Die erste davon, "Die Wölfe von St. August", führt Hellboy und seine Kollegin, die Volkskundlerin Kate Corrigan, in ein Dorf auf dem Balkan, über dem ein schrecklicher Fluch liegt. Dort beginnt das ungleiche Paar seine spannende Ermittlungsarbeit, die mit subtilem Horror beginnt und in einer grandios inszenierten Actionsequenz gipfelt. Nebenbei sei bemerkt, dass Kate Corrigan, die nach dieser Geschichte zum B.U.A.P.-Stammpersonal hinzustieß, in der Welt der US-Comics eine echte Ausnahmefigur darstellt. In welcher anderen Serie erlebt man schon Frauen Ende vierzig in tragenden Rollen?

"Fast ein Gigant" bildet den Abschluss des Bandes und schließt zugleich inhaltlich den Bogen zum zweiten Hellboy-Band, "Der Teufel erwacht", dessen Handlung nahtlos fortgeführt wird: Während Liz Sherman mit dem Tod ringt, ist der Homunkulus, der ihr das für sie lebensnotwendige Feuer gestohlen hat, weiterhin auf freiem Fuß. Bei Hellboys Jagd auf das von Menschenhand geschaffene Wesen entfaltet sich eine Geschichte, die nicht nur so manchen grotesken Moment für den Leser bereithält, sondern vor allem eine gewisse Schwermütigkeit und Tragik ausstrahlt.

Mike Mignola ist in der glücklichen Lage, all die grausigen, lustigen oder schrägen Situationen, auf die er beim Umarbeiten bestehender Sagen und Märchen aus aller Welt stößt und dann mit Ideen seiner eigenen verschrobenen Fantasie vermengt, stets in die passenden Bilder umsetzen zu können. Seien es idyllische Landschaftsansichten oder verfallene Gebäude; seien es kolossale Ungeheuer, zarte Feenwesen oder einfach nur eine bescheidene russische Bäuerin: Die Ästhetik der leicht abstrakten Zeichnungen lässt Fantastisches überzeugend real wirken, während Alltägliches einen Hauch von mystischer Verwunschenheit verliehen bekommt. So fügen sich in Mignolas Bildern stets alle Elemente zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

Als redaktionelles Extra weist "Sarg in Ketten" neben der schon obligatorischen Galerie mit Illustrationen deutscher und internationaler Künstler eine Checkliste mit allen bis September 2003 in den USA erschienenen Hellboy-Geschichten auf, ggf. ergänzt um einen Verweis auf eine deutsche Veröffentlichung. Darüber hinaus glänzt der Band mit der erhabenen Aufmachung, die fast allen Veröffentlichungen des Verlags zuteil wird: Die Schwarzweiß-Seiten des soliden A5-Hardcovers machen den Eindruck, als seien sie für die Ewigkeit geschaffen.

Fazit:

Die Kurzgeschichten in "Sarg in Ketten" bieten einen umfassenden Überblick über das, was die Abenteuer von Hellboy ausmacht: Horror wie in "Die Wölfe von St. August", eine gewisse Melancholie wie in "Fast ein Gigant" und unverbrauchter Humor wie in "Der Leichnam". Das alles wird wie immer mit der richtigen Prise Action garniert, die in den ausdrucksstarken Zeichnungen Mignolas bestens zur Geltung kommt. Auf den ersten Blick mag den einzelnen Episoden zwar der übergreifende Zusammenhang fehlen, doch das ist wahrlich kein Manko, denn als Autor beherrscht Mike Mignola auch die Form der anekdotenhafte Kurzerzählung wie kaum ein Zweiter, und so gehören einige der hier enthaltenen Abenteuer zweifellos zu den Glanzpunkten in Hellboys Karriere.