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Hellboy 1: Saat der Zerstörung  Redaktionstipp
Comics: Amerika Horror & Mystery
Geschrieben von Manuel Tants   
Donnerstag, 2. Oktober 2008

Hellboy 1: Saat der Zerstörung

Zeichner: Mike Mignola

Originaltitel: Mike Mignola's Hellboy: Seed of Destruction
Reihe: Hellboy
1. Band der Reihe

Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Erschienen: August 2006
ISBN: 978-3-936480-08-5
Preis: 18,00 EUR

148 Seiten
Inhalt
9.0
Zeichnungen
10.0
Verarbeitung
9.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
9.3

Wertung:
9.3
von 10


Zum Inhalt:

Der Vorweihnachtsabend 1944. Auf einer schottischen Insel vollzieht ein Magier im Auftrag der Nationalsozialisten ein düsteres Ritual mit dem Ziel, die drohende Kriegsniederlage durch ein Bündnis mit den Mächten der Finsternis im letzten Moment abzuwenden. Ein glücklicher Zufall will es, dass der heraufbeschworene Abgesandte der Hölle jedoch in den Händen der Alliierten landet: Hellboy.
Ein halbes Jahrhundert später trifft Hellboy, inzwischen Ermittler einer Sondereinheit gegen paranormale Bedrohungen, erneut auf den Mann, der ihn rief und der ihn nun endgültig für seine apokalyptischen Pläne einsetzen will ...

Meinung:

Was macht ein Comiczeichner, der in einer von strahlenden Superhelden dominierten Branche eigentlich nichts anderes als groteske Monster zeichnen will? Er entwirft einfach einen "Helden", der selbst ein Monster ist, zumindest optisch. "Hellboy" hat nicht nur einen (bewusst) albernen Namen, sondern trägt auch fast alle Merkmale seiner höllischen Herkunft wie etwa Hufe, einen Schweif, Hörner auf der Stirn (bzw. deren Stümpfe) und nicht zuletzt seine mächtige steinerne Faust offen zur Schau.

Doch so monströs Hellboy auch aussehen mag, im Grunde ist er nichts weiter als ein ganz normales, wenngleich extrem robustes Mitglied der Arbeiterklasse, dessen Job bei der "Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen" (B.U.A.P.) zufälligerweise darin besteht, allen nur erdenklichen übersinnlichen Bedrohungen für die Menschheit die Flausen auszutreiben - meist, indem er großzügig ein paar kräftige rechte Haken austeilt und sie mit flapsigen Einzeilern garniert. Unterstützt wird er dabei von entsprechend schrägen Kollegen wie dem Fischmenschen Abe Sapien und der Pyrokinetikerin Liz Sherman. Und so kümmert die B.U.A.P. sich regelmäßig um lästige Kobolde, Hexen und Untote aller Art - oder, wie im vorliegenden Band, um aggressive Froschmonster und 30 Meter hohe Tentakelberge.

Denn nachdem Trevor Bruttenholm, Hellboys Ziehvater und Mitbegründer der B.U.A.P., nach einer gescheiterten Arktis-Expedition zwar mit schweren Gedächtnislücken, aber immerhin als einziger Überlebender zurückkehrt, machen Hellboy und Konsorten sich auf den Weg zum Anwesen der Familie Cavendish, unter deren Leitung die Reise in die Kälte stand. In dem verfallenen Gemäuer entdecken sie nicht nur die Wurzeln eines Fluchs, der den Cavendish-Clan seit neun Generationen belastet, sondern auch einige Ungereimtheiten, die auf ein noch viel größeres Unheil deuten und Hellboy obendrein an die unangenehme Rolle erinnern, die ihm bei seiner Beschwörung ursprünglich zugedacht war - ein Thema, mit dem er sich in den vergangenen 50 Jahren nur höchst ungern auseinandergesetzt hat.

Bei "Saat der Zerstörung", erstmals erschienen im Jahre 1994, handelt es sich um die einzige Hellboy-Geschichte, die aus der Ich-Perspektive erzählt wird. Das ist auf Ko-Autor John Byrne zurückzuführen, dessen Einfluss auf die Geschichte sich nach Aussage beider Schreiber ansonsten aber sehr in Grenzen hielt. Der lakonische Tonfall des rothäutigen Helden unterstreicht den angestrebten Pulp-Stil jedenfalls gekonnt und illustriert, dass Hellboys Nähe zu den klassischen Hard-Boiled-Detektiven nicht bei seinem Trenchcoat endet. Zusätzlich werden in dieser Geschichte einige Horrorklassiker von H.P. Lovecraft anzitiert, und Mignola scheut sich ebenfalls nicht, als Standardschurken überzeichnete Klischee-Nazis einzusetzen. Doch auch der Humor kommt nicht zu kurz und rettet die Handlung davor, angesichts pathosgetränkter Schurken-Monologe ungewollt ins Peinliche abzugleiten. So wird die huldvolle Verneigung vor den Groschenheft-Vorbildern immer wieder durch ein Augenzwinkern ins rechte Licht gerückt.

Die grafischen Einflüsse, die man in Mignolas auf den ersten Blick eckig und abstrakt anmutenden Zeichnungen ausmachen kann, reichen von Albrecht Dürer über Jack Kirby bis zum expressionistischen Film der 1920er Jahre - vor allem die Arbeit mit Schatten, die kaum ein Zeichner so beherrscht wie Mignola, orientiert sich stark an den Meisterwerken von Fritz Lang und F.W. Murnau. Hinzu kommt sein unfehlbares Gespür für die Körperhaltung der Akteure sowie den Bild- und Seitenaufbau. So verleiht Mignola statischen Momenten das nötige Gewicht, fängt aber ebenso mühelos die Dynamik explosiver Actionszenen ein. Im Vorwort des Bandes übertreibt Robert Bloch keineswegs, wenn er sagt, dass jedes einzelne Panel es wert wäre, separat gerahmt und als eigenes Kunstwerk betrachtet zu werden.

Daher kann man es Cross Cult gar nicht hoch genug anrechnen, dass die deutsche Hellboy-Veröffentlichung auf die Kolorierung des Originals verzichtet und den Comic in purem Schwarzweiß präsentiert. Dadurch erhöht sich die Kraft der Bilder noch einmal deutlich, und auch die Verkleinerung auf das A5-Format schadet ihnen keineswegs. Um dem grandiosen Inhalt einen angemessenen Rahmen zu bieten, hat der Verlag zudem ein ganz eigenes Veröffentlichungsformat geschaffen, das seither zum Markenzeichen des Unternehmens geworden ist: Mit seinem Hardcover-Einband und dem kräftigen Papier macht der Comic schon vor dem Aufschlagen einen hochwertigen Eindruck. Als Ergänzung gibt es in der deutschen Ausgabe einige exklusive Inhalte wie etwa einen informativen Essay über den Helden und seine Entstehung sowie eine Galerie mit Hellboy-Illustrationen deutscher Zeichner.

Fazit:

"Hellboy" gehörte bereits mit dem Band "Saat der Zerstörung" zu den herausragendsten Comics, die der US-amerikanische Markt zu bieten hat. Das ist natürlich zum Teil ein Verdienst der einzigartigen Ästhetik, die Mike Mignolas Zeichnungen ausstrahlen. Doch auch der Schreibstil und die Dialoge suchen ihresgleichen, denn all die scheinbar so widersprüchlichen Versatzstücke, aus denen sich die Handlung zusammensetzt, fügen sich am Ende zu einem erstaunlich harmonischen Gesamtbild zusammen. Zu Mignolas größten Stärken, sowohl beim Zeichnen als auch beim Schreiben, gehört das Talent, aus einer Vielzahl von Zitaten etwas ganz Eigenes zu erschaffen, das dem Leser einerseits vertraut ist, andererseits aber in der Kombination völlig unerwartet und frisch wirkt - und damit so viel mehr ist als die Summe seiner Teile. Auch wenn der erste Band sich durch die Ich-Perspektive ein wenig von den Folgebänden abhebt, wartet "Saat der Zerstörung" bereits mit all den Vorzügen auf, die die Serie bis in die Gegenwart prägen werden.