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Der große Schlaf  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Sonntag, 8. Juni 2008

Der große Schlaf

Originaltitel: The Big Sleep
Übersetzt von: Gunar Ortlepp

Verlag: Diogenes
Erschienen: Januar 2008
ISBN: 978-3-257-23703-0
Preis: 6,00 EUR

201 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
8.0

Wertung:
8.0
von 10
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Zum Inhalt:

Zuerst scheint es für Philip Marlowe nur ein ganz normaler Auftrag zu sein. Der alte General Sternwood wird mit Wechseln erpresst, die seine Tochter Carmen unterschrieben hat. Der Privatdetektiv soll mit dem Erpresser verhandeln und das Problem mit möglichst wenig Aufsehen für die Familie Sternwood lösen. Doch bei der Erledigung seines Jobs stolpert Philip Marlowe über Leichen, kommt mit Schwerverbrechern ins Gehege und muss die Töchter des Generals vor ihrer eigenen Dummheit retten.

Meinung:

Mit "Der große Schlaf" erschien im Jahr 1939 der Roman, der als Anfang der hardboiled novel gilt. Zum ersten Mal betrat die Figur des Philip Marlowe die Bühne der Literatur. Noch ist der Privatdetektiv nicht so ausgebrannt und desillusioniert wie in seinen späteren Fällen - und doch hat er schon zu viel vom Leben gesehen, um noch an das Gute im Menschen glauben zu können.

Nach dem Studium begann Philip Marlowe als Ermittler für den Distriktsstaatsanwalt zu arbeiten, doch aufgrund seiner Unfähigkeit, als Befehlsempfänger zu agieren, verlor er den Job auch recht schnell wieder. Nun schlägt er sich als Detektiv durchs Leben. Für 25 Dollar pro Tag plus Spesen kümmert er sich um die dreckige Wäsche derjenigen, die ihn sich leisten können, und folgt dabei nur noch seinen eigenen Moralvorstellungen.

Schon bei seinem ersten Gespräch mit General Sternwood - das wunderbar stimmungsvoll von Raymond Chandler beschrieben wurde - vermutet Marlowe hinter seinem Auftrag mehr als nur die Verhandlungen mit einem Erpresser. Der alte Herr erzählt fast beiläufig von seinem verschwundenen Schwiegersohn, dem Schnapsschmuggler Rusty Regan, fordert den Privatdetektiv aber nicht auf, diesen zu suchen.

Trotzdem scheint bei jedem Ermittlungsschritt die Frage nach dem verschwundenen Regan mitzuschwingen - schon allein dadurch, dass keiner der von Marlowe Befragten ihm glaubt, nicht hinter dem Schmuggler her zu sein. In einer trübsinnigen Welt voller Dunkelheit und Regen macht sich der Detektiv auf, die Probleme der Familie Sternwood zu lösen. Dabei begegnet er dem organisierten Verbrechen ebenso wie privaten Perversionen und kommentiert das Gesehene stets in der für ihn typischen lakonischen Art.

Fast siebzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung beschreibt dieser Roman eine Welt, die schon längst vergangen zu sein scheint und die in Büchern und Filmen gern romantisiert wird. Doch nicht von Raymond Chandler und seiner Figur Philip Marlowe. Ihr zynischer Blick auf das Hollywood der 30er Jahre legt schonungslos die Abgründe des menschlichen Handelns offen. Nur selten trifft der Privatdetektiv auf Personen, die sich so wie er ein Gefühl für Recht und Ordnung erhalten haben. Und so wie es für Marlowe klar ist, dass er mit seinem ehrlichen Handeln zu einer aussterbenden Art gehört, so ist auch dem Leser bewusst, dass die wenigen ehrbaren Menschen im Umfeld des Detektivs neben den verruchten Gestalten in ihrer Welt nicht bestehen können.

In der heutigen Zeit wirken Marlowe und seine Gegenspieler wohl nicht mehr so gewaltig wie im Amerika der 30er Jahre. Der Leser der Neuauflage von "Der große Schlaf" hat in Romanen und Filmen schon deutlich Schlimmeres gesehen als die Verbrechen, mit denen sich der Privatdetektiv herumschlagen darf. Doch trotzdem beeindruckt dieser Krimi auch heute noch zutiefst. Raymond Chandler beschreibt Philip Marlowes Welt in einer wunderbar trockenen und klaren Sprache. Ohne jegliche Beschönigung und damit überaus eindringlich, verfolgt der Leser jeden Schritt, den der Detektiv bei seinen Ermittlungen geht. Im Kontrast dazu stehen sehr schöne bildhafte Beschreibungen, die nicht nur zeigen, wie gut der Autor und seine Figur zu beobachten wissen, sondern auch, dass - trotz sämtlicher Desillusioniertheit - tief in ihnen auch noch ein Funken Romantik schlummert.

Bei aller Begeisterung für das Genre, die Figur des Philip Marlowe und die unnachahmliche Sprache Raymond Chandlers, sollte nicht unterschlagen werden, dass dieser Krimi auch seine kleinen Längen hat. Gerade die Phase zwischen der Lösung des Auftrags und den weiteren Ermittlungen des Detektivs erfordert vom Leser ein bisschen Durchhaltevermögen. Doch wer sich hier von der Stimmung des Buches über die Durststrecke hinwegtragen lässt, wird mit einem spannenden und überraschenden Ende belohnt.

Fazit:

"Der große Schlaf" von Raymond Chandler ist ein Krimiklassiker, den man einfach gelesen haben sollte. Der Roman gilt als Grundstein der hardboiled novel und selbst wenn er stellenweise etwas altmodisch wirkt, so kann sich der Leser auch fast siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung noch an der einzigartigen Sprache des Autors erfreuen. Der Zynismus Philip Marlowes und eine beeindruckende düstere Atmosphäre verbinden sich mit einem spannenden und überraschenden Kriminalfall zu einer einzigartigen Geschichte, die den Leser - trotz ein paar Längen - so schnell nicht wieder loslassen wird.

 
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