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Der dünne Mann  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Dienstag, 13. Mai 2008

Der dünne Mann

Originaltitel: The Thin Man
Übersetzt von: Tom Knoth

Verlag: Diogenes
Erschienen: Januar 2008
ISBN: 978-3-257-23707-8
Preis: 6,00 EUR

232 Seiten
Inhalt
9.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
8.8

Wertung:
8.8
von 10
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Zum Inhalt:

Der Erfinder Clyde Wynant ist seit Monaten verschwunden, als seine Geliebte Julia Wolf ermordet wird. Nach kurzer Zeit stehen der Polizei eine Menge Verdächtige zur Auswahl, doch keinen von ihnen können sie als Mörder festnageln. Jetzt soll Nick Charles die Sache in die Hand nehmen. Der ehemalige Detektiv war zwar mit seiner Frau Nora nur nach New York gereist, um die Weihnachtsfeiertage ungestört vor der lästigen Verwandtschaft verbringen zu können, doch nun wird er von allen Seiten bedrängt, sich des Falls anzunehmen.

Meinung:

Dashiell Hammett gilt zusammen mit Raymond Chandler als Begründer der amerikanischen hardboiled novels und vor allem sein Buch "Der Malteser Falke" dient als das Stilbeispiel für diese Erzählform. Mit seinem letzten Roman, den der Autor 1934 schrieb, verlässt er ein wenig seine düstere und melancholische Welt des Verbrechens und begibt sich in eine Stilrichtung, die eher an bekannte Screwball-Komödien erinnert.

So verwundert es auch nicht, dass der Regisseur W.S. Van Dyke den Roman "Der dünne Mann" erfolgreich mit William Powell als Nick Charles und Myrna Loy als Nora verfilmte. Daraus wurde aufgrund des großen Erfolgs zwischen 1936 und 1947 eine ganze Filmreihe, bei der zum Glück durchgehend die beiden Schauspieler des ersten Teils für die Hauptrollen verpflichtet werden konnten.

In dem Roman "Der dünne Mann" hat Nick Charles seine Tätigkeit als Detektiv schon längst aufgegeben und widmet sein Leben seiner gut betuchten Frau Nora. Da aber jeder Mensch, dem er begegnet, davon ausgeht, dass er in die Ermittlungen rund um das Verschwinden von Clyde Wynant und den Mord an Julia Wolf verwickelt ist, wird Nick Charles auch von allen Seiten mit Informationen und Spekulationen versorgt. Je mehr der ehemalige Detektiv über den rätselhaften Fall erfährt, desto intensiver beschäftigt er sich damit und bleibt dabei der Polizei immer ein paar Nasenlängen voraus.

Auch seine Frau Nora lässt dieser Fall nicht unberührt. Abgesehen davon, dass sie sich mit Wynants Tochter Dorothy angefreundet hat, möchte sie doch auch zu gerne mal ihren Mann bei seinen Ermittlungen beobachten. Gerade durch das Zusammenspiel dieser beiden Charaktere kommt es zu den unterhaltsamsten und spritzigsten Dialogen, bei denen dem Leser ein intelligentes Paar gezeigt wird, das die Schwächen des anderen kennt und ihm vielleicht gerade deshalb so zugetan ist.

Die exzentrische Familie von Clyde Wynant sorgt ebenfalls für eine Menge faszinierender Gespräche. Seine geschiedene Frau Mimi und ihr neuer Ehemann sind darauf aus, dass Nick Charles den Erfinder für sie aufspürt, da sie auf eine finanzielle Zuwendung hoffen. Tochter Dorothy versucht verzweifelt, aus ihrer verrückten Familie auszubrechen, während ihr Bruder Gilbert ein morbides Interesse an Kriminalfällen entwickelt hat.

Auf der Seite der Polizei hingegen erlebt der Leser eine Menge Hilflosigkeit und Unfähigkeit. Der ermittelnde Beamte Guilt hat keine Ahnung, was er von der ganzen Sache halten soll, und muss sich mit unfähigen Untergebenen und unwilligen Zeugen voller kleiner und großer Geheimnisse herumschlagen. Auch Guilt würde am liebsten die ganze Angelegenheit in die Hände von Nick Charles legen und ist doch von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Menschheit geplagt, durch das eine effektive Zusammenarbeit mit dem Detektiv verhindert wird.

Doch das größte Geheimnis hinter dem Kriminalroman liegt in der Figur des dünnen Mannes, dem verschwundenen Erfinder Clyde Wynant. Bei seiner Familie löst er extreme Reaktionen aus, bei seinem Anwalt Verwirrung und bei der Polizei Frustration. Für Nick Charles steht von vornherein fest, dass der Erfinder einfach schlicht und ergreifend verrückt ist, und die Briefe von Wynant, die im Verlauf der Handlung auftauchen, scheinen diesen Eindruck nur zu bestätigen. Ob er aber auch verrückt genug ist, um mehrere Menschen zu ermorden, müssen Nick und Nora noch herausfinden.

Über siebzig Jahre nach seiner Veröffentlichung beschreibt "Der dünne Mann" eine längst verschwundene Welt. Der Leser liest von Flüsterkneipen, in denen während der Prohibition von Gangstern Alkohol verkauft wurde, von Polizisten, die mit Willkür und Gewalt ihre Ermittlungen führen, und von einer maroden Gesellschaft, die lebt, als gäbe es kein Morgen. Durch die gesamte Geschichte führt ein schmerzlicher und heutzutage immer noch aktueller Zynismus, der ein stetes Leben im Rausch als einzige Möglichkeit aufzeigt, wenn man als intelligenter Mensch bestehen will.

Erträglich wird eine solch desolate Weltsicht durch das Zusammenspiel von Nick und Nora Charles. Die Art und Weise, in der sie miteinander umgehen, legt eine Leichtigkeit über das Geschehen, die dem Leser während der gesamten Lektüre des Romans ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Hier nimmt Hammet der Geschichte die Hoffnungslosigkeit und Melancholie, die seine anderen Werke als hardboiled novels auszeichnen, und schwelgt dafür in anregendem Wortwitz.

Fazit:

Dashiell Hammett unterhält auch noch über siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung mit seinem Roman "Der dünne Mann". Auch wenn das Amerika, das der Autor in seinen Erzählungen zu beschreiben pflegte, längst der Vergangenheit angehört, ist der Zynismus, mit dem die Protagonisten auf ihre Welt blicken, auch heute noch aktuell. Nick und Nora Charles gehören zu den Romanfiguren, die dem Leser schnell sympathisch werden und deren Wortwitz den eigentlichen Kriminalfall fast in den Hintergrund rücken lassen. Trotzdem kommt der Mord an Julia Wolf nicht zu kurz und sorgt während der Lektüre für eine kleine Herausforderung der Ermittlungsfähigkeiten des Lesers.

 
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