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Die kleine Alice  Drucken E-Mail
Bcher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Magnus Rohleder   
Freitag, 7. November 2008

Die kleine Alice

Originaltitel: The Nursery "Alice"
bersetzt von: Walter E. Richartz

Verlag: Diogenes
Erschienen: November 2008
ISBN: 978-3-257-01132-6
Preis: 12,90 EUR

72 Seiten
Inhalt
3.0
Preis/Leistung
6.0
Gesamtwertung
3.3

Wertung:
3.3
von 10
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Zum Inhalt:

Die kleine Alice hat einen merkwrdigen Traum: Sie folgt einem sprechenden weien Kaninchen in eine von lauter skurrilen Gestalten bevlkerte unterirdische Welt, in der einige seltsame Naturgesetze gelten. Auf ihrer Suche nach einem Weg zurck in die reale Welt erlebt Alice viele Abenteuer. Unter anderem schrumpft sie zum Zwerg, wchst zur Riesin, macht die Bekanntschaft einer Wasserpfeife rauchenden Raupe, erlebt eine sehr eigenartige Teeparty und trifft auf ein ganzes Volk lebender Spielkarten, das von der grausamen Herz-Knigin regiert wird.

Meinung:

"Die kleine Alice" erschien erstmals im Jahr 1890 und somit 25 Jahre nach Lewis Carrolls Originalwerk "Alice im Wunderland". Aufgrund der Begeisterung, mit der die Abenteuer von Alice in Grobritannien von Jung und Alt aufgenommen wurden, enschloss sich Carroll zu einer Adaption seiner Geschichte fr ein ganz besonders junges Publikum, nmlich Kinder zwischen 0 und 5 Jahren. Auch wenn diese das Buch noch nicht selbst lesen knnten, sollten sie darin blttern, es zerfleddern, Eselsohren hineinmachen, es mit sich herumtragen und einfach lieben. Zu diesem Zweck wurden die Episoden der ursprnglichen Geschichte berarbeitet und stark gekrzt, was teilweise sehr auf Kosten des roten Fadens durch die Geschichte geht.

Der von Carroll verwendete Erzhlstil ist gewhnungsbedrftig. Aufgrund der Ausrichtung auf ganz kleine Kinder schrieb er die Geschichte in eine Form um, die dem freien Erzhlen eines Erwachsenen gegenber einem Kind gleichen soll. So ist der Text gespickt mit rhetorischen Fragen und Anreden an das Kind. Stndig wird die Handlung durch Einschbe, wie z.B. "Was erlebte Alice wohl als Nchstes? Du kommst sicher nicht darauf, also muss ich es dir wohl wieder erzhlen." unterbrochen. Bereits die erste dieser Fragen, ob es nicht eigenartig sei, dass da ein sprechendes Kaninchen mit einer Uhr in der Hand durch die Gegend laufe, fllt beim Lesen unangenehm auf. Sptestens nach der fnften Buchseite werden diese "Was dann passierte, kannst du dir sicher nicht vorstellen"-Einschbe geradezu lstig. Abgesehen davon, dass sich diese Fragen einem Kind beim Zuhren gar nicht wirklich stellen, wird ihm damit fortwhrend eingeredet, es knne sich ja ohnehin nicht vorstellen, wie es weitergehe. Auch wird dem Vorleser ein Pseudo-Dialog aufgezwungen, den er in dieser Form normalerweise gar nicht fhren wrde und mchte.

An einigen Stellen wird das Kind durch den Erzhler aufgefordert, eine fr den weiteren Verlauf wichtige Figur oder einen Gegenstand auf den enthaltenen Illustrationen zu suchen, und damit folgt die berleitung zu einem weiteren heiklen Thema:

Die aus dem Originalwerk bernommenen Illustrationen von John Tenniel wirken in der heutigen Zeit etwas antiquiert und befremdlich. Sie stammen nun mal aus dem vorletzten Jahrhundert, als kleine Kinder zum Ausgehen noch in schicke Matrosenanzge gesteckt wurden und sich ber viele Jahre hinweg an einem Schaukelpferd erfreuen konnten, welches im Vergleich mit den heute erhltlichen wohlgenhrten, niedlichen und flauschigen Ponys aussah wie ein ausgemergelter alter Gaul. Wer die Alice-Geschichte bisher nur aus der Walt-Disney-Verfilmung kennt und hnlich skurrile, jedoch durchwegs niedlich und sympathisch angelegte Cartoon-Figuren erwartet, wird mit Sicherheit bitter enttuscht werden. Tenniels Bilder bestechen dagegen durch ihren Detailreichtum und, soweit es die Darstellung von Tieren betrifft, eine groe Realittsnhe. Die Figuren mit menschlichem Aussehen erinnern dagegen an Karikaturen, mit kleinen Krpern, groen Kpfen und fiesen, teilweise sogar abstoenden Gesichtern. Verglichen mit den heute in Kinderbchern blicherweise anzutreffenden netten Figuren in frhlichen Farben, wirken diese Bilder durchwegs finster und fr kleine Leser mglicherweise sogar bedrohlich.

Insofern ist "Die kleine Alice" vermutlich ein Buch, das heute hauptschlich von Groeltern mit besten Absichten an ihre kleinen Enkel verschenkt wird und ab dann - trotz der hochwertigen Aufmachung als Halbleinen-Hardcover - ein tristes und staubiges Dasein in einem elterlichen Bcherregal fristet - gleich neben dem "Struwwelpeter" und dem Sammelband mit den weniger bekannten Geschichten von Wilhelm Busch.

Fazit:

"Die kleine Alice" ist Lewis Carrolls vor etwa 120 Jahren unternommener Versuch, sein erfolgreiches Kinder- und Erwachsenenbuch "Alice im Wunderland" fr Kinder von 0 bis 5 Jahren zu adaptieren. Die einzelnen Episoden wurden extrem gekrzt und in Form einer Art schriftlicher Live-Erzhlung verfasst. Durch die stndige Einstreuung rhetorischer Fragen soll das zuhrende Kind vermutlich bei Laune gehalten werden. Dazu wird ihm immer wieder klar gemacht, dass es sich ja nicht mal im Entferntesten vorstellen knne, wie interessant die Geschichte gleich weitergehen werde. Die eigentliche Handlung tritt dabei leider so weit in den Hintergrund, dass es sich tatschlich nicht lohnt, im Voraus einen Gedanken an die mglicherweise folgende Szene zu verschwenden.

Die zahlreichen Illustrationen stammen aus einer Zeit, in der es noch blich war, Figuren sehr detailliert, aber auch mit bertrieben deutlicher Herausstellung ihrer Charaktereigenschaften zu zeichnen. Auf die Zielgruppe der ganz kleinen Kinder bezogen, wirken diese Bilder in heutiger Zeit leider berhaupt nicht mehr ansprechend und erfreulich, sondern vielmehr dster und unter Umstnden sogar bedrohlich. Somit handelt es sich bei "Die kleine Alice" letztlich um ein einstmals erfolgreiches Kinderbuch, das aufgrund seiner viel zu kurz kommenden Handlung und der durch die alten Bilder erzeugten ungemtlichen Atmosphre wohl kaum noch seinen Weg in die Herzen allzu vieler Kinder finden drfte.
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