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Solar  Drucken E-Mail
Bcher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Jana Witte   
Mittwoch, 27. Oktober 2010

Solar

Originaltitel: Solar
bersetzt von: Werner Schmitz

Verlag: Diogenes
Erschienen: September 2010
ISBN: 978-3-257-06765-1
Preis: 21,90 EUR

416 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
6.1

Wertung:
6.1
von 10
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Zum Inhalt:

Michael Beard ist Physiker - und Frauenheld. Er hat den Nobelpreis erhalten, doch ist er alles andere als nobel: Im Beruf ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus, privat hlt es ihn auf Dauer bei keiner Frau. Bis die geniale Idee eines Rivalen fr Zndstoff in seinem Leben sorgt. In "Solar" geht es nicht nur um Sonnen-, sondern auch um kriminelle Energie.

Meinung:

Der Brite Ian McEwan ist ein international bekannter Autor, der in seiner schriftstellerischen Laufbahn mit diversen Preisen fr englischsprachige Literatur ausgezeichnet wurde. In der bersetzung von Werner Schmitz, der bereits Werke von beispielsweise Paul Auster, Philip Roth und Ernest Hemingway aus dem Englischen bertragen hat, erschien nun mit "Solar" das neunzehnte Buch von Ian McEwan.

Der Nobelpreistrger fr Physik Michael Beard ist in London an einem Forschungsinstitut fr erneuerbare Energien beschftigt. Neue wissenschaftliche Anstze hat er seit seinem Einstein-Beard-Theorem, fr das er den Nobelpreis erhielt, nicht entwickelt. Der Protagonist interessiert sich mehr fr gut dotierte Stellen und hat schon lange den Anschluss an den aktuellen Stand der Forschung verloren. Die am Institut arbeitenden engagierten Nachwuchsphysiker schchtern ihn mit ihrem wissenschaftlichen Wissen und ihren Debatten ein. Und da ihn das Thema Klimawandel im Gegensatz zu Geld, seiner Ehefrau und seinen Geliebten sowie Essen und Ansehen nicht nachhaltig interessiert, kmmert Beard sich mehr um die Verwaltung und Finanzierung von Projekten.

Alles luft in gewohnten Bahnen - bis seine Ehefrau sich die gleiche Freiheit nimmt wie er und ihn betrgt: Zunchst mit dem Handwerker Tarpin, dann mit dem Nachwuchsphysiker Aldous von Beards Institut. Dieser hat eine interessante Methode zur Realisierung der knstlichen Photosynthese entwickelt und Beard zur Kenntnis bersandt. Dann kommt Aldous zu Tode und Beard nutzt die sich ihm bietenden Chancen, sowohl in Bezug auf Aldous' Todesfall, als auch auf dessen Arbeit.

McEwans Protagonist vereint eine derartige Anhufung von Charakterfehlern in sich, dass man nur den Kopf schtteln kann. Er ruht sich auf seiner wissenschaftlichen Arbeit aus und zehrt von seinem Ansehen, das durchaus bei der Beschaffung von Geldern hilfreich ist. Beard hat Affren, ist sowohl egozentrisch als auch egoistisch und kann kein Ma halten. Er stiehlt und betrgt und vermeidet trotz seiner Arbeit eine intensivere Beschftigung mit der Umwelt und der Politik. Und obwohl Beard keineswegs die Selbsterkenntnis fehlt, ndert er sich nicht.

Dennoch erscheint der fiktive Michael Beard in der Gesamtheit seiner Charakterschwchen real, auch wenn man diese Erkenntnis im ersten Impuls zurckweisen mchte. In dem Roman wird zum Beispiel daran erinnert, dass der Idealismus und die Neutralitt von Wissenschaft und Forschung gefhrdet sind, wenn die notwendigen finanziellen Mittel direkt oder indirekt von Grounternehmen kommen. Und so ungern der Leser es zugeben mag, erscheinen ihm doch manche von Beards Ansichten und Verhaltensweisen vertraut. Ian McEwan hlt dem Leser einen Spiegel vor - und lsst ihm zugleich Raum, selbst ethische und moralische Lehren zu ziehen.

Die Realitts- und Aktualittsbezge von "Solar" helfen jedoch nicht dabei, einen Einstieg in den Roman zu finden. Ian McEwan gelingt Beards Einfhrung als Negativheld so grndlich, dass man als Leser berlegt, ob man berhaupt mehr ber ihn erfahren will. Auch der grundstzlich interessante und gut recherchierte berufliche Hintergrund zehrt an der Konzentration des Lesers. Die Verwendung von indirekter Rede bei der Wiedergabe von Debatten, Referaten und wissenschaftlichen Ausfhrungen verlangsamt den Text und vom Autor eingebrachte Ironie wird leicht berlesen. Dass der Schriftsteller es anders kann, zeigt sich unter anderem bei der Kartoffelchipsepisode im Zug, in der er sehr unterhaltsam eine Art Wettessen zwischen Beard und einem Mitreisenden schildert.

Man ahnt, dass es Ian McEwan in dem Roman um mehr geht als um Beard und die Wissenschaftspolitik. Diese Handlungsbgen htten schlielich auch in jedem anderen Forschungsbereich funktioniert. Der Autor hat sich aber dazu entschlossen, seinen Protagonisten in ein Institut fr erneuerbare Energien zu stecken und ihn mit einem Entwurf zur knstlichen Photosynthese in Versuchung zu bringen. Aber es geht seinem Protagonisten nicht darum, Klimavernderungen entgegenzuwirken oder die Umwelt zu erhalten, sondern um den Gewinn von Ansehen und Profit. Diese Antihaltung des Protagonisten kann zwar eine emotionale Reaktionen des Lesers kontra Beard/Profit und zugleich pro Aldous/Umweltbewusstsein provozieren, muss sie aber nicht. Zwar wird natrlich jeder Leser selbst wissen oder entscheiden, wo er in dieser Frage steht, dennoch wnscht man sich, dass Ian McEwan seine Ansichten zur Klimawandelfrage in diesem Roman deutlicher offenbart htte.

An dieser Stelle helfen auch die Nebenfiguren nicht weiter. Denn obwohl zum Beispiel Melissa, mit der Beard 2009 eine Beziehung hat, stolz auf seine angebliche Umweltarbeit ist, wird sie als Charakter vom Autor nicht vollstndig herausgearbeitet. Man lernt sie nur durch und ber Beard kennen. Die wenigen direkten Gesprche mit Melissa lassen sie nicht eigenstndig hervortreten. Der Leser erhlt weder in Melissas Innenleben wirklich Einsicht noch in das der weiteren Nebenfiguren. Der Roman lebt durch Michael Beard, sein Ego und seine Dramen. Alles andere, ob nun die Nebenfiguren oder die Ansichten und Debatten zur Wissenschaftspolitik und zum Klimawandel, tritt zurck und wird zur Kulisse.

Fazit:

In Ian McEwans "Solar" wird dem Leser vieles geboten: Die Ergrndung der menschlichen Psyche anhand des Protagonisten Michael Beard -, physikalische Darlegungen, philosophisch angehauchte Betrachtungen, ein Blick auf die Wissenschaftspolitik und Pro- und Kontraargumente zum Klimawandel. Doch hinter dem wortwrtlich berdimensionalen Beard treten die brigen Themen nur punktuell zutage, sei es whrend der gemeinsamen Fahrt von Aldous und Beard oder bei der Arktiskonferenz. Und so wird wohl auch nur die Figur des Michael Beard vor einem verschwommenen Hintergrund aus Nebencharakteren und Handlungsstrngen in der Erinnerung des Lesers prsent bleiben.
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