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Als Gott die Großmutter holte  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Konstanze Tants   
Sonntag, 20. Dezember 2009

Als Gott die Großmutter holte

Originaltitel: Kol Beit zarich Mirpesset
Übersetzt von: Helene Seidler

Verlag: List
Erschienen: Juni 2008
ISBN: 978-3-548-60834-1
Preis: 8,95 EUR

288 Seiten
Inhalt
5.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
5.3

Wertung:
5.3
von 10
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Zum Inhalt:

In dem Einwandererviertel in Haifa, wo Rina mit ihrer Schwester aufwächst, herrscht Tag und Nacht lebhaftes Treiben. Sätze in den verschiedensten Sprachen fliegen hin und her, jeder scheint jeden zu verstehen. Später in der Fremde vermisst Rina diese Lebendigkeit schmerzlich. Sie kehrt zurück nach Israel, um die verlorene Welt ihrer Kindheit für ihre Tochter zu retten.

Meinung:

In ihrem Roman "Als Gott die Großmutter holte" beschreibt die Autorin Rina Frank auf der einen Seite eine recht unbeschwerte Kindheit, die ihre Hauptfigur Rina in einem Einwandererviertel in Haifa erlebt, und auf der anderen Seite die Liebesgeschichte zwischen der inzwischen erwachsenen Protagonistin und ihrem spanischen Ehemann. Vergleicht man die persönlichen Daten der Autorin mit ihrer Hauptfigur, dann wird deutlich, dass "Als Gott die Großmutter holte" sehr biografisch geprägt ist - und dies ist auch eins der größten Probleme bei diesem Roman.

Sehr liebevoll und lebendig wird Rinas Kindheit in der Stentonstraße in Haifa beschrieben. Zu viert lebt sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Seffi in einem Zimmer einer großen Wohnung in einem ehemals arabischen Viertel. In den restlichen Zimmern wohnen weitere Verwandte des Mädchens. Umrandet wird die Wohnung von einem großen Balkon, der Ausblick auf die Straße und das Leben der Nachbarn gewährt.

So ist es für Rinas Familie und ihre Nachbarn ganz selbstverständlich, alles über einander zu wissen, und liebenswerte Traditionen wie das gemeinsame Teppichklopfen am Donnerstagabend vermischen sich mit dem Wissen, dass die meisten Männer in dieser Straße regelmäßig ihre Frauen schlagen. Rina und Seffi wachsen in einer seltsamen Mischung aus Geborgenheit und einer Lieblosigkeit zwischen den Eltern auf. Warum das Verhältnis ihrer Eltern so gestört ist, wird von Rina erzählt, die beschreibt, wie sich die beiden kennen lernten und warum sie überhaupt geheiratet haben.

In einem sehr starken Kontrast zu dieser zwar nicht einfachen, aber überaus lebendigen und warmen Kindheit stehen die Passagen, die von Rinas Weg als Erwachsene erzählen. Aufgrund der Tatsache, dass die Autorin Rina in diesen Teilen nur noch als "die Frau" und ihren zukünftigen Gatten nur als "den Mann" bezeichnet, entsteht von vornherein eine unangenehme Distanz zu diesen Menschen, die der Leser auch im Laufe des Romans nicht überbrücken kann.

Von Anfang an ist klar, dass Rina und ihr zukünftiger Mann nicht zueinander passen. Während sie durch die Kindheit in der Stentonstraße gelernt hat, für sich selbst einzustehen und ihren Platz im Leben zu erkämpfen, gehört er zu einer reichen jüdischen Familie in Barcelona. Ohne bislang auch nur eine Herausforderung im Leben gemeistert zu haben, ist er zu weich und zu nachgiebig, um einen gleichwertigen Partner für Rina darzustellen.

Doch in ihrer Verliebtheit nimmt Rina diese Charakterschwäche nicht wahr, heiratet ihn und versucht sich an das Leben in Spaniens Oberschicht zu gewöhnen. Schnell fehlen ihr die Wärme und Spontaneität, die ihr bisheriges Leben ausgemacht haben. Als sie dann auch noch ein Kind erwartet, setzt sie ihren Mann darüber in Kenntnis, dass sie ihre Tochter in Israel zur Welt bringen und aufziehen will. Aber so groß Rinas Probleme in Spanien waren, so sehr fällt es ihm schwer, sich an das Leben in Israel zu gewöhnen.

Während Rina Frank die Kindheit in der Stentonstraße und das Leben ihrer Familie und Nachbarn atmosphärisch schildert, bleiben diese stimmigen Beschreibungen in den anderen Teilen des Buches auf der Strecke. Schnell beschleicht den Leser der Verdacht, dass es der Autorin wirklich nur darum ging, ihre Biografie in einen Roman zu verpacken, statt eine eigenständige und fesselnde Geschichte zu erzählen. So rufen die Elemente, die sich mit der erwachsenen Rina beschäftigen, beim Leser eher das bittere Gefühl hervor, zwei Menschen dabei zuschauen zu müssen, wie sie mit ihrer Dummheit ihre Ehe kaputt machen.

Immerhin bilden die Schilderungen des Lebens in Haifa einen einigermaßen angemessenen Ausgleich für diese deprimierenden Passagen. Hier bekommt der interessierte Leser einen faszinierenden Einblick in das Leben in Israel in den 60er-Jahren. Besonders fallen einem dabei die Dinge auf, die wie Kleinigkeiten am Rande erwähnt werden, wie der Umgang der Familie mit dem Sechstagekrieg oder die Tatsache, dass Rinas Familie in einem ehemaligen arabischen Viertel lebt.

Fazit:

Rina Franks "Als Gott die Großmutter holte" hinterlässt beim Leser ein sehr zwiespältiges Gefühl. Denn obwohl die Teile der Geschichten, in denen die Kindheit der Hauptfigur in einem Einwandererviertel in Haifa beschrieben wird, sehr atmosphärisch und interessant zu lesen sind, stehen die restlichen Elemente in einem unangenehmen Kontrast dazu. Sehr distanziert und mit einer spürbaren Kälte beschreibt die Autorin die erwachsene Rina und ihren Versuch, zusammen mit ihrem spanischen Ehemann eine Familie zu gründen. Auch sprachlich fallen diese Passagen deutlich ab - und sorgen leider dafür, dass man keinerlei Interesse mehr am Schicksal des früher so lebenslustigen Mädchens hat.
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