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M - Eine Stadt sucht einen Mörder  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Comics: Amerika Krimi & Thriller
Geschrieben von Manuel Tants   
Montag, 22. Februar 2010

M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Autor: Jon J Muth
Zeichner: Jon J Muth

Originaltitel: M
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Erschienen: Juni 2009
ISBN: 978-3-941248-20-5
Preis: 25,00 EUR

208 Seiten
Inhalt
8.0
Zeichnungen
9.0
Verarbeitung
9.0
Preis/Leistung
9.0
Gesamtwertung
8.6

Wertung:
8.6
von 10
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Zum Inhalt:

Ein Kindermörder geht in Berlin um und versetzt die Stadt in Hysterie. Jeder verdächtigt jeden, und Öffentlichkeit und Politik fordern von der ratlosen Polizei endlich Fahndungsergebnisse. So leidet auch die Unterwelt Berlins unter der paranoiden Stimmung, denn sie wird nun von regelmäßigen Kontrollen und Razzien der in blinden Aktionismus verfallenen Ordnungshüter heimgesucht. Für die Diebe, Gauner und Bettler der Stadt ist der naheliegende Ausweg aus dieser Misere, den Mörder kurzerhand selbst dingfest zu machen, damit sie endlich wieder in Ruhe ihren eigenen Geschäften nachgehen können.

Meinung:

Fritz Langs erster Tonfilm, "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", stellt unbestritten einen Meilenstein der Kinogeschichte dar. Der Regisseur schob dem immer noch vorherrschenden Overacting aus der Stummfilm-Ära endgültig einen Riegel vor und lieferte mit der beinahe dokumentarisch wirkenden Schilderung der Jagd auf einen Kindermörder ein Meisterwerk ab, das in optischer wie inhaltlicher Hinsicht auch heute noch zu begeistern vermag. Beinahe nebenbei legte der Film aus dem Jahre 1931 zudem die Basis für heute alltäglich wirkende TV-Formate wie "CSI", indem er erstmals detailliert die mühsame Ermittlungsarbeit der Polizei schilderte. Obendrein ist der beinahe 80 Jahre alte Film beklemmend aktuell, wenn man sieht, wie schnell Bürger und Medien auch heute noch dazu bereit sind, sich in Vorverurteilungen und Denunziation zu ergehen.

Im Jahre 1991, also genau 60 Jahre nach Entstehung des Films, veröffentlichte Jon J Muth (bekannt durch "Sandman", aber auch als Illustrator und Autor von Kinderbüchern wie "Ein Pandabär im Garten") seine Comic-Adaption dieses Meisterwerks des deutschen Kinos. Um dem visuellen Stil des Schwarzweiß-Films möglichst nahe zu kommen, entschied Muth sich, den Film beinahe Szene für Szene mit Freunden, Verwandten und angeheuerten Schauspielern nachzustellen. Die dabei entstandenen Fotografien dienten dann wiederum als Grundlage für Bilder, die er zuerst mit einem Silberstift skizzierte und schließlich mit Graphit, Kohlestaub, Pastell- und Ölfarben ausarbeitete. Dementsprechend herrschen in dem Comic Sepia- und Grauschattierungen vor, die nur selten von vereinzelten Farbakzenten durchbrochen werden. Die Illustrationen bewegen sich dabei nah am Fotorealismus, wirken aber leicht verwaschen und körnig, was sehr zur Atmosphäre beiträgt und den Bildern oft auch überraschend viel Dynamik verleiht.

Inhaltlich hält sich der Comic recht eng an die filmische Vorlage, allerdings gibt es auch einige durchaus signifikante Abweichungen: Die offensichtlichste dürfte eine kurze Zusatz-Szene sein, in der Muth dem Leser einen Einblick in das Seelenleben des Kindermörders gewährt. Dadurch erscheint der Täter - mehr noch als in seinem "Schlussplädoyer" - nicht nur als seelenloses Ungeheuer, sondern als menschliches Wesen, das beim Betrachter sogar Mitgefühl erwecken kann. Doch nicht nur in dieser Passage hat Muth sich bewusst vom eher dokumentarischen Stil der "Neuen Sachlichkeit" Fritz Langs abgewandt, wie z.B. die vielfältigen visuellen Symbole belegen, die er etwa durch den gelegentlichen gezielten Einsatz kräftiger Farben hinzugefügt hat.

So präsentiert Jon J Muth die Geschichte in seiner "Graphic Novel" ausgesprochen subjektiv - ein Effekt, der auch der zweimaligen bildlichen Neuinterpretation zuzuschreiben sein dürfte, die der Stoff und die Bilder bei der Entstehung des Comics durchlaufen haben. Trotz der persönlicheren Herangehensweise Muths an den Stoff bleiben aber die gesellschaftlichen und moralischen Fragen, die "M" schon als Film aufwarf und bewusst unbeantwortet ließ, auch im Comic konsequent erhalten: Liegt das Böse im bestialischen Kindermörder selbst? Oder ist es die Umwelt, die Täter vom Schlage eines Hans Beckert erst entstehen lässt?

Der wie gewohnt hochwertig ausgestattete Hardcover-Band erscheint nicht im für den Verlag typischen A5-Format, sondern ist ein wenig größer ausgefallen. Eine besondere Aufwertung erhält die deutsche Ausgabe von "M" durch das umfangreiche redaktionelle Zusatzmaterial: In einem Nachwort des Künstlers wird der Entstehungsprozess des Comics detailliert erläutert. Zudem erhält der Leser eine Einleitung von Filmkritiker Georg Seeßlen, der kenntnisreich Fritz Langs "M - Eine Statdt sucht einen Mörder" in seine Entstehungszeit einordnet, sowie einen äußerst lesenswerten Essay von Jochen Ecke, der einen tief gehenden Vergleich zwischen Film und Muths Adaption zieht. Diese zusätzlichen Beiträge machen den Band sowohl für Comic-Liebhaber als auch für Bewunderer von Fritz Lang gleichermaßen interessant.

Fazit:

Jon J Muths "M" ist gleichzeitig eine Hommage als auch ein bewusster Gegenentwurf zum Meisterwerk von Fritz Lang. Bewusst subjektiv filterte der Comic-Künstler die bewegten Bilder des Films zuerst in imitierten Szenen-Fotos, bevor er sie in seinem lebhaften, verwaschen-realistischen Stil nachmalte, um dadurch die distanzierte Sachlichkeit des Originals zu durchbrechen. Dieses gelungene Experiment dürfte vor allem Kennern des Films zu einer frischen Perspektive auf den Stoff verhelfen. Die gewohnt hochwertige und sorgfältige Aufmachung, die der Cross-Cult-Verlag dem Band verliehen hat, wird der Bedeutung dieses Werks voll und ganz gerecht.

 
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