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100 Bullets 2: Die zweite Chance  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Comics: Amerika Krimi & Thriller
Geschrieben von Manuel Tants   
Sonntag, 10. August 2008

100 Bullets: Die zweite Chance

Zeichner: Eduardo Risso

Originaltitel: Split Second Chance
Übersetzt von: Claudia Fliege

Reihe: 100 Bullets
2. Band der Reihe

Verlag: Vertigo
Format: Softcover
Erschienen: Januar 2008
ISBN: 978-3-8660-7491-0
Preis: 19,95 EUR

228 Seiten
Inhalt
9.0
Zeichnungen
9.0
Verarbeitung
8.0
Preis/Leistung
9.0
Gesamtwertung
8.9

Wertung:
8.9
von 10
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Zum Inhalt:

"Die zweite Chance", der zweite Band von Brian Azzarellos und Eduardo Rissos gefeierter Krimi-Serie "100 Bullets", gewährt uns noch tiefere Einblicke in diese erbarmungslose Welt aus Straßenkriminalität und organisierter Vergeltung. Mit einem scheinbar einfachen Geschenk - einer Kanone und 100 Schuss Munition, die nicht zurückzuverfolgen sind - bietet der geheimnisvolle Agent Graves den Machtlosen, denen Unrecht geschah, die Chance zur Rache. Aber jenseits der Entscheidung, ob man den Abzug drückt oder nicht, stellt sich bald eine noch tiefer greifende Frage: Wer macht das möglich - und warum?

Meinung:

Im Band "Die zweite Chance" erhält der Leser endlich tiefere Einblicke in die Hintergründe um Agent Graves, Agent Shepherd, die so genannten "Minutemen" und den Geheimbund namens "Trust". Zuerst jedoch erlebt der Leser, wie der abgehalfterte Spieler Chucky eine alte Rechnung mit einem Jugendfreund begleicht. In der darauf folgenden kurzen Episode wird Lono vorgestellt, der früher einmal für Graves gearbeitet hat, inzwischen aber eher einer tickenden Zeitbombe gleicht. Auch der Eisverkäufer Cole Burns hat einen guten Grund, sich mit einem vermeintlichen Freund und Kollegen anzulegen. Viel wichtiger ist jedoch, dass es einige sehr bedeutsame Details aus seiner Vergangenheit gibt, die er inzwischen vergessen hat. Zum Glück kennt Agent Graves die richtigen Methoden, um Cole auf die Sprünge zu helfen. Nach einer weiteren kurzen Rache-Episode um eine Kellnerin, deren Tochter verschwunden ist, gibt es in "Parlez Kung Vous", dem letzten Handlungsbogen des Bands, schließlich ein Wiedersehen mit der abgebrühten Dizzy Cordova. Sie wird von Agent Shepherd nach Paris geschickt und trifft dort einen Journalisten, der ihr viele Zusammenhänge aufzeigt und am Ende sogar selbst zu neuen Erkenntnissen gelangt.

Nach und nach fügen sich also die ersten Puzzleteile der Geschichte zusammen, und der Leser stellt überrascht fest, dass vermeintlich irrelevante Nebenszenen aus den vergangenen Geschichten von bedeutsamer Tragweite für den Gesamtzusammenhang sind. Nun sind groß angelegte Verschwörungen und mysteriöse Geheimbünde, die jenseits aller Gesetze stehen, beileibe keine neue Idee im Thriller-Genre. Doch obwohl im zweiten Band der Reihe bereits viele Zusammenhänge klarer erscheinen, wird auch auf diesen über 200 Seiten gerade einmal an der Oberfläche der Welt von "100 Bullets" gekratzt, denn dem Leser steht in den Folgebänden noch die Offenbarung zahlloser weiterer Details und Informationshäppchen bevor.

Es gibt nur wenige Geschichten dieser Art, die ein derart komplexes Geflecht an Figuren aufweisen, sich dabei aber nicht in den eigenen Fallstricken verheddern. Hier kommt Brian Azzarello ganz eindeutig der Umfang seiner auf einhundert Einzelhefte angelegten Reihe zugute, der es ihm ermöglicht, den Leser so lange im Unklaren zu lassen, bis die nächste - entweder subtil vorbereitete oder aus heiterem Himmel hereinbrechende - Enthüllung ansteht. Doch trotz ihrer großzügig bemessenen Laufzeit wird die Geschichte knallhart, fesselnd und in sparsamen, aber extrem pointierten Dialogen präsentiert, die keine überflüssige Silbe enthalten und zum Besten gehören dürften, was der Autor je geschrieben hat. Und so viele Möglichkeiten die Prämisse mit dem Koffer für die perfekte Rache, der keine weiteren Sühneaktionen folgen können, auch bietet: Je weiter die Serie voranschreitet, desto weiter rückt dieser Aspekt in den Hintergrund - und der Leser ist dankbar dafür, dass Azzarello umso mehr die Gelegenheit nutzt, um auf die wahren Kernfragen der Handlung einzugehen: Wie ist es überhaupt möglich, dass Agent Graves so großzügig die Koffer mit den "magischen Kugeln" in der Welt verteilen kann? Und wird er dabei nur von einem entgleisten Sinn für Gerechtigkeit angetrieben? Oder verfolgt er insgeheim ganz andere Ziele?

Doch die spannende Geschichte und die vielschichtigen Charaktere sind nur ein Teil dessen, was dieser Serie ihre Durchschlagskraft verleiht. Denn gerade die Arbeit des argentinischen Zeichners Eduardo Risso trägt bedeutend zur Wirkung von "100 Bullets" bei: Sein Stil ist vor allem von großzügigen Schattenflächen geprägt und erinnert in dieser Hinsicht ein wenig an die Zeichnungen von Mike Mignola oder Frank Miller, weist im Vergleich dazu aber deutlich rundere Formen auf, wodurch er viel Eigenständigkeit gewinnt. Mitunter arbeitet Risso ebenso ökonomisch wie Azzarello, verzichtet gänzlich auf Details im Hintergrund und lässt nur die nötigsten Gesichtszüge der Akteure aus der Finsternis ragen. Gelegentlich jedoch spielen sich abseits der Protagonisten sogar vollständige Nebengeschichten ab, die die Haupthandlung entweder subtil illustrieren oder aber konterkarieren. Die zum Teil ungewöhnlicher Perspektiven vermitteln zudem perfekt die Unberechenbarkeit der Figuren in diesem undurchsichtigen Spiel.

Im Gegensatz zu "Jonny Double", der ersten gemeinsamen Arbeit von Azzarello und Risso, die ganz klar der klassischen Hard-Boiled-Literatur verpflichtet war, verfällt "100 Bullets" niemals darauf, einfach nur sattsam bekannte Standards aus diversen Noir-Geschichten aufzuwärmen, sondern fühlt sich durchweg modern und ausgesprochen souverän an. Das ist besonders hervorhebenswert, da das Genre der Krimi- und Thriller-Comics in jüngerer Zeit doch eher durch eine gewisse Rückwärtsgewandheit geprägt war, wie vielerlei Werke von Frank Millers "Sin City" über den bereits genannten "Jonny Double" bis hin zur kürzlich Eisner-geadelten "Criminal"-Reihe von Ed Brubaker belegen. Alle diese Titel bieten zweifellos absolut hochwertige und spannende Unterhaltung. Doch keiner von ihnen kann die radikale Vielschichtigkeit und bis ins Letzte durchkonzipierte Raffinesse von "100 Bullets" aufweisen.

"Die zweite Chance" ist eine Neuveröffentlichung des bereits vor einigen Jahren auf Deutsch erschienenen US-Hefte 6 bis 14, die damals im Speed-Verlag die zweite Hälfte des zweiten Bands sowie die Ausgaben 3 und 4 füllten. Die aktuelle Aufteilung des Materials bei Panini orientiert sich nicht nur an den US-Sammelbänden, sondern macht auch für den Leser deutlich mehr Sinn, da man in dieser geballten Form die komplizierten Verknüpfungen wesentlich besser verfolgen kann. Die gelungene Übersetzung von Claudia Fliege wurde leicht überarbeitet beibehalten. Für einen derart umfangreichen Sammelband, der auf hochwertigem Papier erscheint, ist der Preis zudem erstaunlich günstig. Zum Vergleich: Alle übrigen Panini-Ausgaben der Serie, die die gleiche Seitenzahl aufweisen, kosten 5 Euro mehr.

Fazit:

"100 Bullets" fing bereits stark an, doch im zweiten Band beginnt die Serie erst richtig damit, an Fahrt aufzunehmen. Die ersten Querbezüge werden deutlich und setzen die bisherigen Episoden rückwirkend in Beziehung zueinander, so dass der Leser endlich eine Ahnung davon erhält, welche Entdeckungen im weiteren Verlauf der Reihe noch auf ihn warten könnten. Zwar lassen sich die einzelnen Handlungsstränge auch als unabhängige Kurzgeschichten betrachten; angesichts der komplexen Figurenkonstellation und der in "Die zweite Chance" immer noch weitgehend undurchsichtigen Hintergründe entgeht dem Quereinsteiger dabei aber leider allzu oft die wahre Tragweite des Geschehens. Nur den treuen Lesern, die bereit sind, der kompletten Serie zu folgen, erschließt sich, welch wundervoll grausames Gesamtbild aus stets treffenden Dialogen, erschütternden Schicksalen und wuchtigen Bildern Azzarello und Risso hier gemeinsam geschaffen haben, bevor sie es in passgenaue Puzzleteile zerschnitten und vor uns ausgestreut haben.

 
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