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Magna Mater  Drucken E-Mail
Bcher: Belletristik Science-Fiction
Geschrieben von Jana Witte   
Dienstag, 14. August 2012

Magna Mater

Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: Februar 2012
ISBN: 978-3-570-10125-4
Preis: 18,99 EUR

240 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
6.1

Wertung:
6.1
von 10
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Zum Inhalt:

E. W. Heine entfhrt uns in eine Welt, in der alles abgeschafft wurde, was ein friedliches Zusammenleben jahrhundertelang behinderte: die Religionen, die Kriege und auch die Liebe. In der neuen Welt herrscht nur noch die reine Vernunft. Und ber allem wacht ein mchtiger Orden, an dessen Spitze die Magna Mater, die groe Mutter, steht. Doch eine Ordensfrau wei, dass sich hinter der prchtigen Maske der Magna Mater eine Lge verbirgt. Wie konnte es in dieser Idealwelt dazu kommen? Die Ordensfrau widersetzt sich mutig allen Regeln und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit ...

Meinung:

Nach Romanen und Sachbchern, in denen sich Ernst Wilhelm Heine historischen Themen widmete, beschftigt sich der Autor in "Magna Mater" mit der Zukunft. Dabei erlaubt Heine dem Leser gleich zu Beginn seines Romans einen Blick auf das Ende der Handlung und schrt so die Neugier auf die Entwicklungen, die zu dieser Situation gefhrt haben. Erzhlt wird die Geschichte aus der Perspektive der lteren Ordensfrau, die gerade an der Einsetzung der neuen Fhrerin - der Magna Mater - ihres Frauenordens teilnimmt.

Aus allen Ecken des Inselstaates Seeland sind die Ordensfrauen angereist und keine von ihnen darf erfahren, dass die Erzhlerin die Mutter der maskierten "Magna Mater" ist. Der Leser fragt sich natrlich, warum dieses Wissen statt mit Stolz mit Grauen verbunden ist und ahnt eine Tragdie. Schlielich ist die Erzhlerin Mitglied eines reinen Frauenordens, der keusch lebt. Die Frage, wie dies alles zusammenpasst, und weitere beantwortet E. W. Heine im Laufe der Geschichte.

Die Ich-Erzhlerin lsst den Leser an ihren persnlichen Erinnerungen teilhaben. Verbunden mit diesen erfhrt man mehr ber das Gesellschaftssystem und die Philosophie, die auf Seeland herrschen. Man unterdrckt mit Drogen den Sexualtrieb und weitere aggressive Triebe, die in der Vergangenheit unter anderem zu Kriegen fhrten. Auch die Religionen wurden - wie die Erzhlerin erklrt - abgeschafft, sodass nun die Vernunft regiert.

Die Ordensfrauen und deren Oberhaupt, die Magna Mater, sind die Bewahrer der Vergangenheit und der Gesellschaft. Sie wissen um die Nutzung der biologischen Keimenergie, die andere Energieformen ersetzt hat. Die Ordensmitlieder erziehen und lehren die brigen Bewohner Seelands, die sogenannten Blhenden. Sie werden nicht von Mttern ausgetragen und geboren, sondern in Aufzuchtstationen ins Leben gehoben. Ihr Sexualtrieb wird unterdrckt, sodass sie knstlich im vorpubertren Status, jung und blhend, verbleibend. Sie genieen ein unbeschwertes Leben zwischen Arbeit und Entspannung, bis ihr Leben mit 40 Jahren endet.

Auch die Erzhlerin war eine Blhende, bis sie im Kindesalter von einer Ordensschwester als Schlerin ausgewhlt wurde. Sie ist nicht in der Lage, sich dieser Wahl zu widersetzen und das ihr vermittelte Wissen um die Vergangenheit und ihre daraus resultierende Verantwortung muss sie sprichwrtlich mit ihrem Leben bezahlen. Denn im Gegensatz zu den Blhenden durchluft sie eine normale Entwicklung. In einer Gesellschaft, deren Ziel das Wohl der Blhenden ist, wird sie den ganz normalen Alterungsprozess durchlaufen. Doch das ist der Lauf der Dinge und als sie eines Tages die junge Blhende Merim sieht, entschliet sie sich, sie als Novizin zu sich zu nehmen. Und diese Entscheidung hat weitreichende Folgen.

E. W. Heine stellt in "Magna Mater" ein gesellschaftliches Gedankenexperiment an, dessen Setting allerdings ein paar Schwchen aufweist. Eine davon ist die Ansiedlung der Geschichte in Seeland, offenbar ein aus mehreren Inseln bestehendes Archipel, auf dem der Orden wirkt. Auch ergibt sich aus der Geschichte, dass Seeland und der Orden der Magna Mater bereits seit ein paar Generationen existieren. Auf den ersten Blick erscheint das Setting praktisch, hat man doch so einen quasi abgeschlossenen Ort, dessen Gesellschaft schon lnger funktioniert.

Andererseits ist es aber schwer nachzuvollziehen, dass offenbar hufig auftretende Seebeben ber die Jahrzehnte hinweg nicht zu Frhwarnsystemen oder Notfallplnen gefhrt haben, um besonders die Kinderstation zu schtzen. Auch erscheint es unwahrscheinlich, dass jahrelang keine Kommunikation zwischen den weit verstreut liegenden Husern eingerichtet wurde, die von einer Schwester allein oder mit ihrer Novizin bewohnt werden. Angesichts der Tatsache, dass die Ordensschwestern im Gegensatz zu den Blhenden eine normale Reifeentwicklung durchlaufen und dass der Orden die Aufrechterhaltung der Vernunft propagiert, erscheint diese Organisation geradezu fahrlssig.

Es fllt auch schwer, Sympathie fr die Protagonistin zu entwickeln. Das liegt hauptschlich daran, dass ihr Verhalten in Bezug auf ihre eigene Erziehung, Ethik und berzeugung nicht stimmig wirkt. Vielmehr fhlt es sich so an, als sei das Verhalten ebenso wie die von auen auftretenden Strfaktoren je nach Bedarf an die Romanhandlung angepasst worden. So wirkt die Emotionalitt der Erzhlerin im Zusammenhang mit ihrer Novizin an sich natrlich, allerdings kommt bereits hier wieder das Setting mit den vereinzelten Schwesternhusern ohne Kommunikation ins Spiel.

Spter rettet die Protagonistin einen Mann vor dem Ertrinken, der - fr sie problemlos erkennbar - kein Blhender ist. Selbst wenn man ihr den Schock und die Verwirrung zurechnet, erscheint es seltsam, dass sie bei ihrer jahrelangen Erziehung und Konditionierung den Orden nicht unterrichtet. Auch die sich aus dieser Rettung ergebenden Ereignisse fhren die Protagonistin trotz ihrer verinnerlichten Werte immer weiter vom Weg ab, wobei die vom Autor gelieferte Erklrung nicht vollstndig berzeugt. Und all dies passiert, ohne dass andere Ordensschwestern etwas mitbekommen, was unter anderem erneut mit dem Setting zu tun hat.

Dennoch: Die hinter "Magna Mater" steckenden Ideen sind reizvoll. Der Leser wird motiviert, sich unter anderem mit den Fragen zu beschftigen, wie sich die Situation im Hinblick auf Ideologie und Religion tatschlich darstellt oder wie ethisch und moralisch das System in Seeland ist. Es ist interessant, ber E. W. Heines fiktive Gesellschaft nachzudenken, auch angesichts unserer Vergangenheit und Gegenwart. Trotz dieser anregenden Aspekte von "Magna Mater" kann man allerdings nicht darber hinwegsehen, dass Romanhandlung und Charakterentwicklung nicht harmonieren.

Fazit:

Obwohl "Magna Mater" von E. W. Heine im Hinblick auf die charakterliche Gestaltung der Protatonistin und das Setting nicht vollstndig berzeugen kann, stellt der Roman ein anregendes Gedankenexperiment dar. Unabhngig von den Zweifeln an der inneren Motivation der Protagonistin und den uerst praktischen ueren Bedingungen wird der Leser durch das Konstrukt gefordert. So kann man ber die Logik und Notwendigkeit nachdenken, zur Befriedung der Menschen den Sexualtrieb zu unterdrcken. Oder man beschftigt sich mit der Frage, ob die im Roman dargelegte Philosophie der Vernunft mehr Ideologie oder gar Religion ist. Bei all den interessanten Anstzen ist es bedauerlich, dass es dem Autor nicht gelungen ist, das Gedankenexperiment in ein realistischeres Umfeld zu integrieren.
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