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Der Tanz der Kraniche  Drucken E-Mail
Bcher: Belletristik Liebe & Romantik
Geschrieben von Jana Witte   
Mittwoch, 16. November 2011

Der Tanz der Kraniche

Verlag: Knaur
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3-426-50765-0
Preis: 9,99 EUR

576 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
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Zum Inhalt:

Stralsund, Ende des 19. Jahrhunderts: Wenn es nach dem Willen ihrer Eltern ginge, wrde die junge Ida sich einen Mann suchen, dem sie eine brave Ehefrau ist. Doch Ida hat ganz andere Trume: Sie will Knstlerin werden. Ida setzt ihren Kopf durch und erkmpft sich Zeichenstunden bei einem anerkannten Lehrer. Dies fhrt sie auf die kleine Insel Hiddensee, die auf dem besten Weg ist, zur Knstlerkolonie zu werden. Auch Ida kann sich dem Zauber der wild-romantischen Landschaft nicht entziehen - ebenso wenig wie der Anziehungskraft des berhmten Malers Klausen. Doch der ist verheiratet ...

Meinung:

Auch in ihrem zweiten Roman kehrt die deutsche Autorin Judith Kern an die Ostseekste zurck. Dieses Mal geht es jedoch auf die Insel Hiddensee, auf der sich in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts eine Knstlerkolonie bildete. Ida, die Protagonistin des Romans "Der Tanz der Kraniche" will eine ernsthafte Knstlerin werden. Als sie in einer Zeitschrift ein Bild des bekannten Malers Herbert Klausen entdeckt, fhlt sie sich in ihrem knstlerischen Empfinden bestrkt. So findet sie die Kraft, sich ihrem Vater entgegenzustellen, der die noch nicht volljhrige Ida lieber in Haushaltsdingen unterrichtet und gut verheiratet wissen will.

Das Mdchen nimmt bei einem in Stralsund lebenden Maler Unterricht und lernt dort auch den charismatischen und verheirateten Herbert Klausen kennen, der es nicht nur als Knstler, sondern auch als Person fasziniert. Idas Vater erlaubt ihr sogar, den Sommer allein auf Hiddensee zu verbringen, um dort zu malen und ihre Fertigkeiten zu schulen, bevor sie im Herbst das Lehrerinnenseminar beginnen wird. Auf der Insel trifft sie auch die junge Berliner Knstlerin Anna, die ihre Freundin wird, sowie Wilhelm und Stanislaus. Als Anna im Herbst die noch immer nicht volljhrige Ida fr ein paar Tage zu einer Austellung nach Berlin einldt und ihr Vater die Erlaubnis verweigert, fhrt sie dennoch und kehrt lange nicht nach Hause zurck. Ida lernt die Berliner Knstlerszene kennen und nimmt Malunterricht. Und sie sieht Herbert Klausen wieder.

Zwar ist Idas Rebellion gegenber ihrem Vater grundstzlich fr den Leser nachvollziehbar, dennoch wirkt ihre Entscheidung, gar nicht aus Berlin zurckzukehren etwas berraschend. Idas Charakter erscheint nicht kohrent. Sie liebt ihre Familie, kmpft um den Zeichenunterrichtung und kann ihren Vater auch berzeugen. Dann fhrt sie unerlaubt zu einer Ausstellung nach Berlin, was nachvollziehbar geschildert ist, und bleibt gleich dort. Sie versucht nicht einmal, auch nicht schriftlich, ihrer Familie etwas zu erklren und ffnet sogar vterliche Post nicht. Dieses Kopf-in-den-Sand-Stecken passt nicht zu den uerungen ihrer Freunde, dass Idas Charakter tief und kraftvoll sein soll. Ihre Ausbrche in Streitgesprchen anderer wirken leider platziert - ebenso wie die bewundernden, auf Ida gerichteten Kommentare der brigen Beteiligten.

Was der Autorin bei ihrer Protagonistin nicht so recht gelingt, macht sie bei ihren brigen Charakteren wieder wett: Da ist die junge selbststndige Anna, die ihren eigenen Weg in der Malerei und in der Liebe geht, auch wenn es schmerzt. Dann gibt es Stanislaus, der leidenschaftlich in der Liebe und in der Kunst ist und keinem Streitgesprch aus dem Weg geht, oder Wilhelm, der eigenwillige, eremitenhafte Dichter. Und dann ist da natrlich noch der joviale, sich modern gebende und doch konservative Knstler Herbert.

Judith Kern wei die Leserin mit ihrer Geschichte durchaus zu fesseln. Neben den zwischenmenschlichen Begebenheiten kann man besonders ihre Liebe zur See und zur Insel in den Beschreibungen spren. Wunderbar fngt sie das morgendliche Licht am Bodden ein, wie der Ort Neuendorf vor Idas Augen in Sicht kommt, die Stille wirkt und sich Wind auf der Haut anfhlt.

Es ist sprbar, dass Judith Kern fr "Tanz der Kraniche" intensiv recherchiert hat. Allerdings fhrt das auch dazu, dass neben der Liebesgeschichte viele nebenschliche Dinge zur Sprache kommen. Eine strkere Konzentration der Handlung auf bestimmte Aspekte, wie zum Beispiel Ida und ihr knstlerisches Schaffen, htte dem Roman besser getan. Fr einen Entwicklungsroman einer Knstlerin wird bis zur Mitte des Romans wenig ber ihren knstlerischen Reifeprozess, ihre kreativen Bemhungen und ihre Bilder gesagt. Als Ida auf Hiddensee malt, will sie ihre Bilder nicht zeigen, auch in der Anfangszeit in Berlin nicht. Dabei bleiben nicht nur Idas Freunde, sondern ebenfalls die Leser auen vor, und zwar auch bei dem schpferischen Akt. Selbst das Ausstellungsbild taucht auf einmal in der Diskussion zwischen Ida und ihren Freunden auf, ohne dass man etwas etwas ber seine Erschaffung erfhrt. Die von Judith Kern vorgenommenen erzhlerischen Zeitsprnge wirken sich hier negativ aus.

Fr ein Buch ber die Knstlerszene, die sich auf Hiddensee entwickelt, verlagert sich das Geschehen zu hufig auf Ida und ihre persnlichen Beziehungen zu ihren Eltern, Anna und natrlich auch Herbert. Fr einen Roman, der Idas Leben als Knstlerin und Frau beschreibt, ist ihr Charakter hingegen nicht durchgngig konsequent entwickelt.

Nach dem Lesen wird man das Gefhl nicht los, dem Roman htte aus struktureller inhaltlicher Sicht ein intensiveres Lektorat gut getan - und ebenso aus dem sprachlichen Blickwinkel. Denn auch wenn zeilenlange Halbstze durchaus Dringlichkeit und Intensitt von Textpassagen betonen: zu hufig genutzt, wird das Gegenteil erreicht. Der Text wird durch dieses Aneinanderreihen und den intensiven Gebrauch von Bindewrtern sperrig. Und als Leser fragt man sich zudem, ob Judith Kern wirklich Kthe Kruse meinst, wenn in dem Roman von einer offiziellen Preisvergabe fr deren Kohlezeichnung in Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts die Rede ist. Bei Kthe Kruse denkt man unwillkrlich an die Puppenherstellerin, whrend sich Kthe Kollwitz als Zeichnerin einen Namen machte.

Fazit:

"Der Tanz der Kraniche" ist Judith Kerns zweiter Roman, mit dem sie erneut an die Ostsee zurckkehrt. Dieses Mal erzhlt sie von der jungen Stralsunderin Ida, die von der Insel Hiddensee, der Malerei und besonders von dem Knstler Herbert Klausen fasziniert ist. Judith Kern verfolgt Idas knstlerischen und persnlichen Lebensweg. Leider wirkt aber ausgerechnet ihre Protagonistin nicht ganz berzeugend, was angesichts der sprbar mit Liebe und Aufmerksamkeit gestalteten Figur schade ist. Wenngleich dem Werk auch ansonsten inhaltlich und sprachlich mehr Struktur gut getan htte, ist "Der Tanz der Kraniche" ein durchaus fesselnder Roman mit individuellen Knstlercharakteren in gut recherchierter und schn beschriebener Kulisse.
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