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Der Schneemann (Hörbuch)  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Hörbücher: Unterhaltung Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Dienstag, 29. April 2008

Der Schneemann (Sonderausgabe)

Gelesen von: Heikko Deutschmann
Art der Lesung: ungekürzt
Medienanzahl: 6 CDs

Erschienen: Februar 2008
ISBN: 978-3-89903-793-7
Preis: 14,95 EUR
Inhalt
9.0
Sprecher
10.0
Bearbeitung
9.0
Preis/Leistung
10.0
Gesamtwertung
9.4

Wertung:
9.4
von 10
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Zum Inhalt:

Eines Tages fallen dem Schmuggler Siegfried Blum fünf Pfund Kokain in die Hände. Bis zu diesem Moment versuchte er im kleinen Rahmen, in Malta veraltete Pornos unter der Hand zu verkaufen, doch nun scheint sein Traum von einem geruhsamen Leben auf den Bahamas in greifbare Nähe zu rücken. Bei dem Versuch, das Rauschgift an den Mann zu bringen, reist Blum von Malta quer durch Deutschland bis nach Amsterdam und muss immer wieder feststellen, dass das große Glück für einen kleinen Mann nur schwer zu greifen ist.

Meinung:

Zwanzig Jahre nach dem Tod Jörg Fausers wird dieser fast vergessene Autor von den Lesern wieder entdeckt. Der Roman "Der Schneemann" erschien erstmals 1981 und ist heute noch genauso aktuell wie damals. Mit der Hörbuchversion von HörbucHHamburg liegt dem Hörer die ungekürzte Erzählung vor, gelesen von dem Schauspieler Heikko Deutschmann.

Der Sprecher trifft bei seiner Lesung genau den richtigen Ton. Ein jeder Charakter erhält seinen eigenen, unverwechselbaren Ausdruck, obwohl Heikko Deutschmann seine Stimme jeweils nur leicht verändert. Es gelingt ihm mit seinem dunklen Timbre hervorragend, die Melancholie, den Zynismus und den Ausdruck der Vorlage umzusetzen. Dabei nimmt er sich als Sprecher so weit zurück, dass der Hörer fast vergisst, dass ihm das Buch vorgelesen wird. Stattdessen lässt Heikko Deutschmann Raum für die Bilder und Stimmungen, die der Autor beim Leser erzeugen wollte.

Vergleichbar mit dem französischen roman noir oder den amerikanischen hardboiled novels, erzählt Jörg Fauser mit "Der Schneemann" die melancholische Geschichte eines Einzelgängers am Rande der Gesellschaft. Illusionslos und zynisch ist die Sicht des Schmugglers Blum auf die Welt - und doch hat die Hauptfigur nicht alle Hoffnungen und Träume verloren. Blum sehnt sich noch immer nach einem Leben in Wohlstand auf den Bahamas, er träumt von einer eigenen kleinen Bar und um diesen Wunsch zu verwirklichen, versucht er es mit dem ganz großen Geschäft.

Auch wenn von Vornherein eigentlich klar ist, dass der kleine Schmuggler wohl keine Chance hat, es mit den großen Fischen aufzunehmen, kann sich auch der Zuhörer dieses kleinen Funkens Hoffnung nicht ganz erwehren. Eine halbe Million ist der Stoff wert, reinste "Peruvian Flakes", ein Glücksfall für Blum, der mit seinen illegalen dänischen Pornos auf Malta nicht viel Erfolg gehabt hatte. Eigentlich kennt er auch genau den richtigen Mann, an den er den Stoff bringen will. Denn Blum mag vielleicht nur ein Kleinganove sein, doch nach so vielen Jahren am Rande des Gesetzes weiß man, wie der Hase läuft.

Doch es sind weniger die großen Kriminellen, mit denen Blum auf seinem Weg zum Glück Probleme zu haben scheint, denn diese bringen dem Schmuggler immerhin noch ein gewisses Maß an Anerkennung entgegen. Es sind die Möchtergerndealer, die das unverschnittene Kokain grammweise kaufen wollen, welche Blum immer wieder in seinen Plänen behindern. Den Hobbykriminellen geht einfach der Geschäftssinn ab, die Professionalität und das Gefühl, vor den Augen der Polizei bestehen zu müssen.

Blum driftet aufgrund des ständigen Misserfolgs (und der einen oder anderen Nase seines eigenen Stoffes) im Laufe der Geschichte in eine Paranoia ab, die sein Scheitern zu einer selbsterfüllenden Prophezeihung werden lassen. Jörg Fausers größte Kunst ist es, seine Charaktere überzeugend und detailreich zu schildern, wobei er erbarmungslos mit seinen Figuren umgeht und es doch schafft, dass der Hörer sich der Sympathie für Blum nicht erwehren kann.

"Der Schneemann" ist weit mehr als nur ein melancholischer Kriminalroman. Basierend auf unglaublich genauen Beobachtungen und eigenen Erfahrungen, malt der Autor das Bild einer Gesellschaft, die nach den Idealen der 68er-Generation nun desillusioniert ist. Die Atomkraftgegner werden nicht ernst genommen, die letzten Hippies überleben nur dank einiger Gönner und die Intellektuellen vertreiben sich die Zeit mit Partys, auf denen Möchtegernkünstler als Wohlstandsparasiten die neureichen Bürger einer grauen Bundesrepublik ausnehmen. Getragen wird diese traurige Gesellschaft von Drogen, mit deren Hilfe man sich dann doch noch einreden kann, dass das Leben gar nicht so schlecht ist.

Schon zur Zeit seiner Erstveröffentlichung war der Roman "Der Schneemann" eine einzigartige Dokumentation des deutschen Westens Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre. Doch mit über 25 Jahren Abstand kann man erst wirklich würdigen, wie genau die Beobachtungen Jörg Fausers waren. Zielsicher hat der Autor genau die Elemente aufgegriffen, die auch jetzt noch als Beispiele dieser Zeit dienen, und ausgerechnet die Produktnamen herausgestellt, die heute nicht mehr auf dem Markt sind und gerade deshalb die Erinnerung heraufbeschwören. Aber nicht nur als Hommage an eine vergangene Zeit kann man diese Geschichte sehen, denn die Menschen, die Jörg Fauser dargestellt hat, lassen sich auch heute noch auf deutschen Straßen finden.

Fazit:

Nachdem "Der Schneemann" schon 1981 seinem Autor Jörg Fauser zum Durchbruch verhalf, ist die Erzählung auch 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung auf keinen Fall veraltet. Abgesehen von einem guten Krimi im Stil der amerikanischen hardboiled novels bekommt der Hörer auch noch eine einzigartige Sicht auf Deutschland Ende der 70er Jahre mit detailliert dargestellten Charakteren, die einen so schnell nicht wieder loslassen. Unterstrichen wird diese brillante Geschichte durch die herausragende Leistung des Sprechers Heikko Deutschmann, der es schafft, dem Hörer die Stimmung nahe zu bringen, ohne sich selbst dabei in den Vordergrund zu spielen.
Weiterführende Infos

Hörprobe:

 
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