Banner bookdepository.com

Der letzte Weynfeldt (Hörbuch)  Drucken E-Mail
Hörbücher: Unterhaltung Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Konstanze Tants   
Montag, 15. März 2010

Der letzte Weynfeldt

Gelesen von: Gert Heidenreich
Art der Lesung: ungekürzt
Medienanzahl: 7 CDs

Label: Diogenes
Erschienen: Februar 2008
ISBN: 978-3-257-80200-9
Preis: 34,90 EUR
Inhalt
7.0
Sprecher
9.0
Bearbeitung
8.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
7.7

Wertung:
7.7
von 10
Jetzt kaufen



Zum Inhalt:

Adrian Weynfeldt, Mitte fünfzig, Junggeselle, großbürgerlicher Herkunft, Kunstexperte bei einem internationalen Auktionshaus, lebt in einer riesigen Wohnung im Stadtzentrum. Mit der Liebe hat er abgeschlossen. Bis ihn eines Abends eine jüngere Frau dazu bringt, sie - entgegen seinen Gepflogenheiten - mit nach Hause zu nehmen. Am nächsten Morgen steht sie außerhalb der Balkonbrüstung und droht zu springen. Adrian vermag sie davon abzuhalten, doch von nun an macht sie ihn für ihr Leben verantwortlich. Immer wieder nötigt sie ihn, sie aus ihren Schwierigkeiten zu befreien. Weynfeldts geregeltes Leben gerät aus den Fugen - bis er schließlich merkt, dass nichts ist, wie es scheint.

Meinung:

Mit "Der letzte Weynfeldt" legt der Diogenes-Verlag die ungekürzte Hörbuchfassung des gleichnamigen Romans von Martin Suter vor. Adrian Weynfeldt erscheint dem Hörer vom ersten Moment an wie ein Mitglied einer schon beinahe ausgestorbenen Gesellschaftsschicht. Der Mittfünfziger ist das einzige Kind seiner gut betuchten Eltern, die ihn in dem Bewusstsein aufgezogen haben, dass er aufgrund seiner familiären Herkunft gewisse Erwartungen zu erfüllen habe. Doch auch wenn Adrian Weynfeldt mit seinem Leben auf den ersten Blick zufrieden sein kann, wird einem doch schnell klar, wie einsam dieser Mann tatsächlich ist.

Er lebt immer noch in der Wohnung, in der er geboren wurde und die er viele Jahre lang mit seiner Mutter geteilt hat. Weynfeld ist finanziell mehr als unabhängig und geht seiner Arbeit als Kunstexperte für ein Auktionshaus nach, weil ihm die Tätigkeit gefällt und weil ein geregelter Tagesablauf in seiner Natur liegt. Sein gesellschaftlicher Umgang besteht entweder aus den noch lebenden Freunden seiner Eltern, die alle deutlich älter sind als er, oder aus einer Gruppe von Künstlern und Kunstinteressierten, die in der Regel zehn Jahre jünger sind als Adrian Weynfeldt. Letztere sehen in ihm vor allem einen großzügigen Mäzen, der immer bereit ist, auch die ungewöhnlichsten Projekte zu finanzieren, ohne ihren Sinn oder ihre Erfolgschancen zu hinterfragen. Für Weynfeldt gehört ein solches Mäzenatentum zu den Verpflichtungen, die er aufgrund seiner ererbten gesellschaftlichen Stellung selbstverständlich zu übernehmen hat.

Eine Frau gibt es nicht in seinem Leben, seitdem er in jungen Jahren seine große Liebe verloren hat. Umso mehr wundert Adrian Weynfeldt sich über sich selbst, als er eines Morgens aufwacht und sich daran erinnert, dass er am Vorabend eine Frau mit nach Hause genommen hat. Doch Lorena liegt nicht mehr neben ihm im Bett, sondern steht auf dem Balkon und droht damit, sich in die Tiefe zu stürzen. Als es Weynfeldt gelingt, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten, haben beide das Gefühl, dass er von nun an eine gewisse Verantwortung für ihr Leben übernommen hat. So ist es nicht überraschend, dass er Lorena zur Hilfe eilt, als sie wegen Diebstahls verhaftet werden soll.

Auch beruflich gibt es für Adrian Weynfeldt eine aufregende Veränderung: Klaus Baier, ein alter Freund seines Vater, will sich aus finanziellen Gründen von einem Gemälde des Künstlers Félix Vallotton trennen - und dieses Bild soll in einer von Weynfeldt organisierten Auktion unter den Hammer kommen. Nie hätte der Kunstkenner vermutet, dass sich Klaus Baier jemals von diesem Bild verabschieden könnte. Für den Mann hat dieses Gemälde eine ganz besondere Bedeutung und es war immer klar, dass er es bis zu seinem Tode in seinem Besitz behalten wollte.

Nur langsam entfaltet sich vor dem Hörer die Handlung und nach den ersten beiden CDs fragt man sich noch, worauf der Autor mit seiner Geschichte hinaus will. Schnell ist man sich sicher, dass Adrian Weynfeldt von allen Seiten betrogen wird. Lorena hat mehr als einen Hintergedanken, als sie die Bekanntschaft mit ihm vertieft, seine Freunde nutzen ihn nach Strich und Faden aus und auch Klaus Baier hat offensichtlich nichts Gutes im Sinn, als er dem Kunstexperten seinen Valloton für die Auktion überlässt.

Es ist fast schmerzlich mitzuerleben, wie sich Adrian Weynfeldt von einem liebenswerten und sehr naiven Mann aus einer längst vergangenen Zeit in einen Menschen verwandelt, der feststellen muss, dass er den falschen Personen sein Vertrauen geschenkt hat. So empfindet der Hörer im Laufe der Geschichte eine gewisse Befriedung darüber, dass Weynfeldt sich nicht alles von den Leuten in seiner Umgebung gefallen lässt, und verfolgt gespannt, wie sich der zurückhaltende Mann weiterentwickelt und mit den verschiedenen Intrigen fertig wird.

Dabei gelingt es Gert Heidenreich mit seiner warmen Stimme und seinem eher zurückhaltenden Vortrag, Martin Suters wunderbare Erzählweise sehr gelungen zu betonen. Trotz des eher langsamen Anfangs kann der Hörer so die kleinen Details genießen, die die Charaktere real wirken und die schleichende Veränderung in Weynfeldts Denken und Verhalten deutlich werden lassen. Nach einer anfänglichen Distanz gegenüber dem Protagonisten, seinem Umfeld und seiner Geschichte steht der Hörer am Ende der letzten CD da und bedauert es fast, dass er Adrian Weynfeldt nie persönlich begegnen wird.

Der Diogenes-Verlag hat den Roman für das Hörbuch so weit wie möglich so aufgeteilt, dass für jedes Kapitel ein Track zu hören ist, und nur bei besonders langen Kapiteln wurden weitere Unterteilungen vorgenommen. So reicht die Trackdauer von wenigen Minuten bis zu einer knappen Viertelstunde, was den Hörgenuss aber in keiner Weise beeinträchtigt.

Fazit:

Bei der Hörbuchversion von Martin Suters "Der letzte Weynfeldt" verbinden sich die fast schon gemächliche und sehr detaillierte Erzählweise des Autors und der zurückhaltendé und wunderbar betonte Vortrag des Sprechers Gert Heidenreich zu einem sehr gelungenen Erlebnis für den Hörer. Obwohl sich die Handlung im ersten Drittel so langsam entwickelt, dass man schon fast die Geduld mit dem Protagonisten und seiner Geschichte verliert, wächst einem Adrian Weynfeldt allmählich ans Herz. Dieser Mann ist ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit und aufgrund seiner Erziehung das perfekte Opfer für die Schmarotzer in seiner Umgebung. Erst als Weynfeldt so sehr betrogen wird, dass er die Augen vor der Realität nicht mehr verschließen kann, verliert er seine Naivität - und der Hörer kann ein paar überraschend spannende Stunden mit dieser Geschichte verbringen.
Weiterführende Infos

Hörprobe:

 
Copyright © 2008-2017 by booklove.de. Alle Rechte vorbehalten.