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Wir kommunizieren uns zu Tode  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Kultur & Zeitgeschehen
Geschrieben von Priscilla Wolmeringer   
Sonntag, 7. Dezember 2008

Wir kommunizieren uns zu Tode - Überleben im digitalen Dschungel

Verlag: Ueberreuter
Erschienen: Oktober 2008
ISBN: 978-3-8000-7383-2
Preis: 19,95 EUR

200 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Handy, E-Mail, YouTube und Co. haben uns nicht nur mehr Freiheiten, sondern auch mehr Abhängigkeit gebracht. Einmal an die kurze elektronische Leine gelegt, übersehen wir leicht, dass der Segen der ständigen Erreichbarkeit uns zu modernen Sklaven macht. Und welche Auswirkungen haben die technischen Möglichkeiten auf unsere Sicht der Welt? Auf unsere Privatsphäre? Was sind Informationen noch wert, wenn sie ständig abrufbar sind, wenn das Wissen der Welt von Amateuren verwaltet wird? Diesen Fragen geht Gerald Groß, österreichischer Radio- und Fernsehjournalist, in seiner medienkritischen Streitschrift nach. Dabei betont er, dass er kein "Modernitätsverweigerer", sondern ein "digitaler Immigrant" ist, der Radio und Antennenfernsehen noch kennen gelernt hat und in das digitale Zeitalter hineingewachsen ist.

Meinung:

Ausgehend vom 29. Mai 2008, an dem einer der letzten Indianerstämme in Brasilien gefunden wurde, die ohne Kontakt zur zivilisierten Außenwelt leben, legt Gerhard Groß in der Einleitung seines Buches dar, unter welchen Zwängen man im digitalen Zeitalter lebt. Sei es, dass man überall telefonisch auf dem Handy erreichbar ist, ob man im Kino sitzt, im Supermarkt in der Warteschlange steht oder in einer Umkleidekabine eine Jeans anprobiert. Der Autor versteht es von Anfang an, seinen Lesern Beispiele aufzuzeigen, die uns selbst bekannt vorkommen.

Zum einen weist er uns auf den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy hin, der sogar während der Audienz beim Papst nicht die Finger von seinem Handy lassen kann, zum anderen äußert er die ernüchternde Erkenntnis, dass das Internet nicht die Weisheit der Vielen, sondern die Blödheit der Massen verkörpert. Und jeder, der sich bei Wikipedia über Themen informiert, wird schon mal über grobe inhaltliche Fehler gestolpert sein.

Im Verlauf des Sachbuchs geht Gerhard Groß zunächst auf die Entstehung des Internets und die erste E-Mail ein. In den Ausführungen zu seinen eigenen ersten Erfahrungen mit E-Mails findet sich jeder Leser sofort wieder, der diese Phase des aufkeimenden Internets miterlebt hat. Jüngere Leser werden sich kaum vorstellen können, dass es Zeiten gab, in denen man maximal fünf E-Mails pro Tag bekam und nicht der Posteingangsordner aus allen Nähten platzte, weil man wieder rund 100 Spam-Mails bekommen hat.

Der Autor bezieht sich auch auf verschiedene Studien, die belegen, dass wir uns von den neuen Technologien abhängig fühlen. Das kann wohl jeder nachvollziehen, der selbst Internetzugang und Handy hat. Doch diejenigen, die im Grundschulalter zur nächsten Telefonzelle gehen mussten, um ihre Eltern zu benachrichtigen, und ihre Hausaufgaben nicht mit Hilfe von Wikipedia gemacht haben, wissen, dass es auch ohne geht.

"Wir kommunizieren uns zu Tode" hat viele amüsante Passagen, zum Beispiel zur Informationsschwemme, der wir täglich ausgesetzt sind. Gerhard Groß bietet ziemlich viele Fakten zum digitalen Zeitalter und Zitate von Internet- und Handy-Experten und Psychologen. Allerdings fühlt man sich als Leser von der Informationsflut dieses Buches erschlagen. In dem ganzen Hintereinander von Daten, deren Herkunft wir oft nicht erfahren, bleibt die eigene Meinung des Autors oft auf der Strecke. Sowohl bei statistischen Daten als auch bei wörtlichen Zitaten erfährt der Leser mehrmals keine Quellen. Das lässt das Sachbuch etwas unseriös erscheinen.

Und entgegen dem proklamatischen Titel "Wir kommunizieren uns zu Tode" scheint der Autor keine extreme Position gegenüber der Informationsgesellschaft einzunehmen. Stattdessen wirkt das Buch wie ein kultureller Überblick über das digitale Zeitalter mit all ihren Erscheinungen und Reaktionen von so genannten Experten. Als derartiges Sammelsurium eignet es sich gut, wenn man sich möglichst ausführlich über die Auswirkungen von Internet & Co. informieren will. Denn der Autor scheint in diesem Sachbuch keinen Selbstmord, keinen Politikerskandal u.Ä. ausgelassen zu haben, der in Zusammenhang mit den neuen Medien aufgetreten ist.

Auch wenn der Autor seine Meinung oft hinter zitierten Aussagen versteckt, gibt er nach jedem Kapitel Tipps, sich gegen die Auswirkungen der neuen Kommunikationsmöglichkeiten zu wehren. Die meisten dieser Vorschläge sind aber eher unangemessen. So ist der Vorschlag, statt eines Internetblogs einen Schreibmaschinenblog zu schreiben, den keiner lesen kann und durch den man sich demzufolge Peinlichkeiten erspart, nicht umsetzbar. Blogger suchen doch gerade die Öffentlichkeit und sollten deswegen eher bedachter mit den Informationen umgehen, die sie veröffentlichen.

Auch die Idee, nicht immer alle neuesten technischen Geräte zu kaufen und lieber bei dem ersten Handy, dem ersten USB-Stick etc. zu bleiben, wird bei den meisten an der Umsetzbarkeit scheitern. Jeder, der vor ein paar Jahren seinen 128-MB-USB-Stick gegen einen mit mehreren GB eingetauscht hat, wird über die größeren Möglichkeiten sehr erfreut gewesen sein. Wenn man natürlich technische Neuerungen nicht braucht, kann man darauf gut verzichten. Hingegen sind die Ideen, ein gedrucktes Lexikon Wikipedia vorzuziehen und das Handy gelegentlich abzuschalten, sehr empfehlenswert.

Da der Autor einzelne Themengebiete - wie E-Mail, Handy, Blogs etc. - nacheinander bearbeitet, fehlt leider ein themenübergreifender Überblick für einzelne Altersgruppen. Stattdessen bietet der Autor immer nur häppchenweise Informationen zum Konsumverhalten einzelner Personengruppen.

Fazit:

Dieses humorvolle Sachbuch zeigt dem Leser, inwieweit das eigene Leben durch das digitale Zeitalter bestimmt ist, und bietet einen umfangreichen Einblick in die Welt von Blogs, YouTube, Handys, Spam und deren Folgen, die von psychischer Isolation bis hin zum Selbstmord reichen können. Allerdings sollte man die in "Wir kommunizieren uns zu Tode" erwähnten Daten mit Vorsicht genießen, da öfters mal Quellenangaben fehlen. Wenn es den Leser aber nicht stört, dass der Autor nur gelegentlich seine eigene Meinung zu den dargebotenen Themen beisteuert, ist das Buch durchaus zu empfehlen.
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