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Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Kultur & Zeitgeschehen
Geschrieben von Konstanze Tants   
Freitag, 15. August 2008

Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

Originaltitel: Gomorra: Viaggo nell'impero economico e nel sogno di dominio della camorra
Verlag: Hanser
Erschienen: August 2007
ISBN: 978-3-446-20949-7
Preis: 21,50 EUR

365 Seiten
Inhalt
9.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
8.8

Wertung:
8.8
von 10
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Zum Inhalt:

Die Camorra mischt mit im internationalen Drogenhandel, verschiebt riesige Mengen Giftmülls in Italien und anderswo, macht gewaltige Geschäfte mit der Herstellung billiger wie hochwertiger Textilien, hat praktisch das Monopol auf den Handel mit Zement und Geschäftsbeziehungen, die bis nach Deutschland, aber auch nach Schottland und nach China reichen. Die Kriege, die die Clans zur Aufrechterhaltung ihrer Macht untereinander führen, sind von beispielloser Brutalität - und Roberto Saviano war in vielen Fällen am Tatort, sah die Einschüsse, sah die Leichen.

Meinung:

In den letzten Monaten hat Italien in den deutschen Medien mit zwei Meldungen Schlagzeilen gemacht: Zum einen mit Silvio Berlusconis erneuter Wahl zum Ministerpräsidenten und zum anderen durch das Müllproblem in Neapel und Umgebung. Für den deutschen Zuschauer war es ein wenig überraschend zu hören, dass sich Berlusconis Kabinett zu einem nicht geringen Teil aus Mitgliedern zusammensetzte, die schon einmal wegen Verbindungen zur Mafia vor Gericht standen. Für die Müllberge in italienischen Städten hat man als Deutscher wohl erst recht kein Verständnis. Doch wie kann es eigentlich zu solchen Umständen in einem zivilisierten europäischen Land kommen?

Mit dem Buch "Gomorrha: Reise in das Reich der Camorra" zeigt Roberto Saviano die Missstände der italienischen Wirtschaft und ihre Verbindung zur Camorra auf. Auch für Nichtitaliener sind diese Informationen mehr als erschreckend, reichen die Arme dieser verbrecherischen Organisation doch schon lange weit über die Grenzen Italiens hinaus. So erfährt man von Geschäften in Chemnitz, die zu den Wirtschaftunternehmen der Camorra gehören, und gewinnt einen kleinen Eindruck davon, wie weit auch die deutsche Industrie für die italienischen Syndikate als Handelspartner relevant ist.

Aber die intensivsten Momente erlebt der Leser nicht bei den erschreckenden Schilderungen, die darlegen, wie die Camorra weltweit Einfluss auf die Wirtschaft, die Umwelt und die Menschen hat, sondern in der Beschreibung der kleinen Schicksale. Roberto Saviano ist im Süden Italiens aufgewachsen, in einem Gebiet, in dem die Camorra zum Leben dazu gehört. So berichtet der junge Journalist von seinem ersten Toten, den er im Alter von 12 Jahren auf dem Schulweg gefunden hat. Erschossen von der Camorra, lag er in seinem Auto und gehörte für die anwesenden Polizisten so sehr zum Alltag, dass keiner auf den Gedanken kam, die Schulkinder vor diesem Anblick zu beschützen.

Doch während für Roberto Saviano dieser erste Tote ein erschütterndes Erlebnis war, gehören solche Bilder für die heutigen Kinder in Italiens Süden zu ihrem Leben. Zwölfjährige träumen von einer Karriere bei der Camorra, denn im System zu arbeiten, bewahrt vor der Armut. Da ist es selbstverständlich, dass man früh sterben wird. Mit achtzehn ist der junge Camorrist schon der Meinung, dass man seinen Lebensweg nicht mehr ändern kann. Man hat bereits die Macht über den örtlichen Drogenhandel, kämpft gegen die Konkurrenz im Geschäft und weiß genau, dass es für die Freundin das Todesurteil bedeuten kann, wenn man sich mit ihr auf der Straße zeigt.

Die ständige Drohung, ermordet zu werden, zermürbt jeden Widerstand und die wenigen Menschen, die aufstehen und gegen die Camorra vorzugehen versuchen, haben damit ihr Schicksal besiegelt - so übrigens auch Roberto Saviano selbst, der seit Veröffentlichung des Buchs von der Polizei beschützt wird. Doch nicht nur das eigene Leben steht auf dem Spiel. Wer gegen den Willen der Camorra handelt, bringt auch diejenigen in Gefahr, die mit ihm verwandt sind, ihm am Herzen liegen - oder von denen das System glaubt, dass dem so sei.

Diejenigen, die diesem Druck trotzen und dann aufgrund ihres Kampfes gegen diese Verbrecherorganisation ihr Leben lassen müssen, werden auch nach ihrem Tod nicht in Ruhe gelassen. Die Camorra kann es sich nicht leisten, Märtyrer zu hinterlassen. Systematisch wird also der Ruf des Ermordeten beschmutzt, bis allgemein die Meinung herrscht, dass sein Tod die verdiente Strafe für sündhaftes Verhalten war.

Nicht nur der einzelne Mensch ist in Gefahr. Der gesamte italienische Süden erstickt in Müll, leidet unter einem unverantwortlichen Raubbau an den Rohstoffen. Die Camorra zerstört aus Profitgier das eigene Heimatland und die eigenen Landsleute mit ihrer Politik. Doch große Gedanken müssen sie sich darüber nicht machen, sind doch schon längst neue Märkte in Afrika, Asien und Osteuropa erschlossen.

Roberto Saviano ist es mit seinem Buch "Gomorrha" gelungen, Sachinformationen und persönliche Erfahrungen zu einer überzeugenden Anklage gegen die Machenschaften der Camorra zu verbinden. In einer stellenweise fast schon zu geschliffenen Sprache zeigt er auf, was in seiner Heimat tagtäglich passiert, welche Verbindungen zwischen Kriminalität und Wirtschaft geknüpft wurden und welche Auswirkungen diese Vorgänge auf das Leben des Einzelnen haben. Leider besteht für den deutschen Leser das große Problem, dass man bei der Flut der italienischen Orts- und Personennamen schnell den Überblick verliert.

Trotz der zum Teil erschlagenden Menge an Hintergrundmaterial, Daten aus Ermittlungs-, Staatsanwaltschafts- und Anklageakten, hat der Leser weniger das Gefühl, das durchformulierte Ergebnis jahrelanger Recherche vor Augen zu haben als einen wütenden und stellenweise hilflosen Aufschrei gegen einen verbrecherischen Moloch. Roberto Saviano beschreibt die Dinge, die er gesehen hat, keine fiktiven Geschehnisse, nichts, was von einem geschickten Drehbuchautor ersonnen wurde. Gerade diese Glaubwürdigkeit des Autors, dieses Gefühl, einen empörten, aber genauen Berichterstatter in der Person Roberto Savianos vor sich zu haben, macht "Gomorrha" zu einem überzeugenden Buch.

Fazit:

Roberto Savianos Buch "Gomorrha: Reise in das Reich der Camorra" zeigt eine Seite der italienischen Verbrecherorganisationen auf, die fern von jeglicher Hollywood-Romantisierung ist. Der Autor legt die kriminellen und wirtschaftlichen Verbindungen der Camorra in Italien und weltweit offen. Besonders überzeugt Roberto Saviano durch die Tatsache, dass er die geschilderten Tatorte oft genug selbst gesehen hat. Aus jeder Zeile spricht eine ohnmächtige Wut, die Verzweiflung eines Mannes gegen die Übermacht einer so gewaltigen kriminellen Organisation. Ob es ihm wirklich gelingt, mit "Gomorrha" etwas zu bewegen, wird nur die Zeit zeigen können, aber für den Leser ist dieses Buch ein packendes und erschreckendes Zeugnis verbrecherischer Vorgänge im Herzen Europas. Nach der Lektüre wird man die Nachrichten aus Italien, die Vorgänge in der eigenen Wirtschaft und den nächsten Kauf eines Kleidungsstücks mit ganz anderen Augen sehen.

 
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