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Die verblödete Republik  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Kultur & Zeitgeschehen
Geschrieben von Manuel Tants   
Donnerstag, 25. Juni 2009

Die verblödete Republik - Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen

Verlag: Knaur
Erschienen: März 2009
ISBN: 978-3-426-78098-5
Preis: 8,95 EUR

320 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
9.0
Gesamtwertung
7.2

Wertung:
7.2
von 10
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Zum Inhalt:

So wenig Niveau war nie! Selbst Qualitätsmedien berichten ausführlich und mit Hingabe über platteste Boulevardthemen, während kritische Politsendungen im Nachtprogramm verschwinden. Gleichzeitig wird mit strategisch geplanten und systematisch inszenierten Kampagnen gezielte Desinformation betrieben - so lange, bis alle der Botschaft glauben, die durch vermeintliche Experten in die Köpfe gestreut wird. Thomas Wieczorek deckt die Auswüchse und Abgründe der Massenverblödung auf. Und er geht den Fragen nach: Wer sind die Drahtzieher im Hintergrund? Und welche Ziele verfolgen sie?

Meinung:

"Senkung der Lohnnebenkosten", "Standortfaktoren gehen vor Sozialleistungen", "Staatsunternehmen werden nur durch Privatisierung rentabel" - Politiker und marktradikale Lobbyisten stellen diese und ähnliche Forderungen gerne als unveränderliche "Sachzwänge" dar, zu denen es keine Alternativen gibt. Doch in "Die verblödete Republik" betont Autor Thomas Wieczorek, dass Faktoren wie etwa die Globalisierung keineswegs gottgegeben sind, sondern allein von Menschenhand gemacht wurden. Indem diesen "Sachzwängen" jedoch höchste Gültigkeit eingeräumt wird, drängt man gleichzeitig die Leistungen des Sozialstaats stärker und stärker ins Abseits. So öffnet sich die Schere zwischen den vielen Armen und den wenigen Reichen immer weiter. Oberstes Ziel der "Eliten" ist die Sicherung und Mehrung des eigenen Wohlstands, während das gemeine Volk auf möglichst großer Distanz dazu gehalten werden soll.

Die Massenmedien spielen in diesem System gleich mehrere wichtige Rollen: Zum einen dienen sie der Zerstreuung. Solange die Bevölkerung sich durch mehr oder minder überzeugend inszenierte "Doku"-Soaps und andere Ersatzmittel für die gute, alte Zirkus-Freakshow ablenken lässt, macht sie sich hoffentlich keine Gedanken über die ungerechte Verteilung des Reichtums. Für die breite Masse besteht unterdessen laut Wieczorek praktisch keine Chance, in den Kreis der Wohlhabenden aufgenommen zu werden - die einzige legale Möglichkeit für den sozialen bzw. finanziellen Aufstieg liegt in einem Lottogewinn. Und das wissen die Bürger auch: Bei einer Umfrage, wie man am schnellsten reich werden könne, war die meistgenannte Antwort "Steuerhinterziehung". So richtig lohnt sich dieser Weg allerdings nur für Leute vom Kaliber des ehemaligen Post-Chefs Klaus Zumwinkel. Menschen, die sich nicht die entsprechenden Anwälte leisten können, müssen hingegen mit empfindlichen Strafen für ihr Vergehen rechnen.

Auch zur Herbeiführung einer gesellschaftlichen Spaltung tragen die Massenmedien bei: Extreme Einzelfälle wie "Florida-Rolf" werden derart häufig hervorgezerrt und in aller Breite beschrieben, dass der Zuschauer sie früher oder später unweigerlich für typisch hält. So entsteht schnell der Eindruck, alle Arbeitslosen seien arbeitsscheue "Sozialschmarotzer". Um diesen Parasiten die unverdienten Zuschüsse zu entziehen, erklären die Bürger sich schnell einverstanden, wenn eine Kürzung des Arbeitslosengelds vorgeschlagen wird. So werden künstlich Fronten aufgebaut: Arbeitnehmer gegen Arbeitslose, Karrierefrauen gegen Hausmütterchen, alte Menschen, die durch die Verweigerung ihres "sozialverträgliches Frühablebens" die Rentenkassen belasten, gegen randalierende, sich ins Koma saufende Jugendliche, die den ganzen Tag lang mit "Killerspielen" für den nächsten Schul-Amoklauf üben. Diese Spaltung in letztlich irrelevante Gruppierungen führt dazu, dass die Bevölkerung sich nicht als Einheit begreift und daher ein gemeinsames Aufbegehren weniger wahrscheinlich wird.

Schließlich unterstützen die Massenmedien aktiv die Verbreitung des neoliberalen Weltbilds, und zwar nicht nur, indem sie Vertreter marktradikaler Interessenverbände wie des INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) - als vermeintlich "unabhängige Experten" getarnt - auftreten lassen oder vorgefertigte Beiträge dieser Gruppen unkritisch übernehmen. Auch in anderen, scheinbar harmlosen Unterhaltungsformaten wird die Botschaft von der puren Leistungsgesellschaft, die für Verlierer nichts übrig hat, vermittelt, wenn z.B. in Casting-Shows nur diejenigen Kandidaten gewinnen, die alle Hilfsbereitschaft für ihre Mitbewerber über Bord werfen und ihren Siegeswillen bis hin zur entwürdigenden Selbstaufgabe demonstrieren. Bei theoretischer Chancengerechtigkeit für alle Teilnehmer kommt so nur ein einziger Kandidat in den Genuss der symbolischen Belohnung (die natürlich auch nur aus einem nahezu sittenwidrigen Knebelvertrag besteht). Alle anderen haben sich umsonst bemüht - und erhalten als Gegenleistung dafür, dass sie der Zuschauerbelustigung dienten und den Sendern das Rahmenprogramm für deren Werbeblöcke gefüllt haben, keinen roten Heller.

Der Journalist Thomas Wieczorek zerlegt in "Die verblödete Republik - Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen" die Rhetorik von Politikern, Wirtschaftsbossen und Journalisten. Dabei bedient er sich eines flüssigen und amüsanten Schreibstils, der auch im Angesicht des bitteren Themas den Leser mit treffendem Sarkasmus und schwarzem Humor gut unterhält. Hier macht sich Wieczoreks Vergangenheit als Redakteur des Satiremagazins "Eulenspiegel" bemerkbar. Das Buch liefert dabei so manchen Denkanstoß, da es demonstriert, dass nicht nur Boulevardzeitungen und Privatsender zur Verdummung beitragen, sondern auch die als "ehrbar" geltenden Medien mitunter dunkle Flecken auf der Weste haben.

Allerdings präsentiert "Die verblödete Republik" keine Lösungen - der Autor hat sich offenbar in erster Linie den Frust von der Seele geschrieben. Immerhin untermauert er seine Ausführungen aber mit einem üppigen Quellenverzeichnis. Zu bemängeln ist dabei höchstens, dass seine Gedankenführung insgesamt vielleicht etwas zu einseitig (und gelegentlich wenig argumentativ) geraten ist, da der Bürger als völlig wehrloses Opfer dargestellt wird, das an seiner Lage gänzlich unschuldig ist und sich nicht gegen die Ausbeutung durch neoliberale Bonzen wehren kann. Dadurch entsteht mitunter ein wenig der Eindruck von einer Verschwörungstheorie - die als solche unwiderlegbar ist, weil jedes Gegenargument natürlich Teil der Verschwörung ist.

Das Buch ist relativ aktuell, die Arbeit an ihm wurde aber offenbar kurz vor der gegenwärtigen globalen Finanzkrise abgeschlossen. Insofern bezieht es sich nicht auf die allerjüngsten wirtschaftspolitischen Entwicklungen. Dennoch gibt es natürlich auch jetzt noch genügend Politiker, die genau wie eh und je auf vorgebliche "Sachzwänge" verweisen, die Einsparungen im Sozialsystem notwendig machen, damit die Staatsverschuldung sinkt. Gerade in diesen Krisenzeiten wäre aber ein voll funktionstüchtiger Sozialstaat für viele Betroffene sicherlich wünschenswerter als die Einführung von "Bad Banks" oder Rettungspläne für taumelnde Konzerne, bei denen am Ende dennoch viele Tausende Arbeitnehmer ihre Jobs verlieren werden, während Großaktionäre sich weiterhin über steigende Dividenden freuen dürfen.

Fazit:

Obwohl der Titel dies vielleicht nahe legt, bietet "Die verblödete Republik" keine reine Verspottung der Ungebildeten, wie sie etwa in Büchern wie "Generation Doof" stattfindet. Stattdessen wird untersucht, wer am Informationsmangel der Bürger Schuld ist - und die Antwort fällt einfach aus: Die Reichen, die Angst davor haben, dass die ausgebeuteten, in die Armut gezwungenen Massen ihren gerechten Anteil fordern könnten. Somit stellt das Buch eine ebenso einfach verpackte wie gestrickte Gesellschaftskritik dar, die bissig und klar polemisch präsentiert wird und sich ohne Scheu ganz weit links positioniert, entsprechenden Gesellschaftsformen wie etwa dem Kommunismus aber auch keineswegs unkritisch gegenübersteht. Einige der Schlussfolgerungen muten zwar ein wenig wie das Resultat einer Verschwörungstheorie an, doch Thomas Wieczorek belegt die zahlreichen Zitate, auf die er sich stützt, mit einem eindrucksvollen Quellenverzeichnis. Interessante Denkanstöße liefert "Die verblödete Republik" allemal, indem es viele Zusammenhänge in Politik und Medien entlarvt und vor den Machenschaften gut getarnter Lobbyisten warnt. Obendrein stellt das Buch ein eindringliches Plädoyer für die Rückkehr zum Sozialstaat dar.
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