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Die Unvollendete  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Kultur & Zeitgeschehen
Geschrieben von Sergio Presta   
Samstag, 11. Dezember 2010

Die Unvollendete - Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit

Erschienen: September 2010
ISBN: 978-3-7857-2417-0
Preis: 16,99 EUR

288 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
7.9

Wertung:
7.9
von 10
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Zum Inhalt:

Am 3. Oktober war es wieder so weit: Der Tag der Deutschen Einheit jährte sich nun schon zum 20. Mal. Doch im Unterschied zu anderen Nationen scheinen die Deutschen ihrem Nationalfeiertag wenig abgewinnen zu können. Stolz auf das in der Wendezeit Geleistete oder gar Begeisterung darüber bleiben bis heute den Politikern vorbehalten. Grund genug für Beatrice von Weizsäcker festzustellen, dass die deutsche Einheit noch nicht vollendet ist - zumindest nicht in den Köpfen und Herzen der Menschen aus Ost- und Westdeutschland. In diesem Buch begibt sie sich auf Spurensuche, forscht nach den Ursachen für die Probleme im innerdeutschen Verhältnis und bemüht sich, einen Weg zu deren Überwindung aufzuzeigen.

Meinung:

Beatrice von Weizsäcker wurde 1958 in Essen als drittes Kind des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker geboren und lebt seit 2003 als Autorin politischer Bücher in München. Vor "Die Unvollendete - Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit" veröffentlichte sie das Buch "Warum ich mich nicht für Politik interessiere ...". Mit der Politik im Allgemeinen setzte sie sich bereits als Journalistin des Berliner Tagesspiegel auseinander. Dass es sich bei der deutschen Einheit um ein Herzensthema für die studierte Juristin handelt, zeigte sich bereits in jungen Jahren, als sie mit einer Arbeit über deutsch-deutsche Städtepartnerschaften promovierte.

Die Autorin leitet "Die Unvollendete" mit der These ein, Deutschland sei 21 Jahre nach dem Mauerfall immer noch ein gespaltenes Land. Denn Ost- und Westdeutsche stünden sich vielfach immer noch argwöhnisch gegenüber, Vorurteile würden beharrlich gepflegt, statt miteinander werde vor allem übereinander geredet. Um die eigentlichen Ursachen für das immer noch schwierige innerdeutsche Verhältnis zu ermitteln, begibt sich Weizsäcker auf Spurensuche, beleuchtet den Prozess der deutschen Einheit und erläutert, wie sich die anfängliche Freude über die Wiedervereinigung in Wut und Enttäuschung auf beiden Seiten verwandeln konnte. Dabei schlägt sie einen Bogen von der jüngsten Vergangenheit zur gegenwärtigen Situation des Landes und kritisiert vor allem die Überheblichkeit vieler Westdeutscher im Umgang mit ihren ostdeutschen Landsleuten - speziell die der politisch Verantwortlichen. So wurde in der Kohl-Ära vieles über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden, Wünsche nach mehr politischer Beteiligung, die sich die engagierten Bürgerrechtsbewegungen in der DDR zunächst erkämpft hatten, blieben dagegen unberücksichtigt. Die fällige Reform des Grundgesetzes, die gemäß Art. 146 nach dem Beitritt der DDR aus dem Provisorium eine vom Volk legitimierte Verfassung hätte machen sollen, ließ man im Sand verlaufen. Stattdessen wurden die Menschen mit dem Versprechen "blühender Landschaften" abgespeist, in einem Land, das keinem "unbillige Härten" zumuten würde. Dies alles hat nach Ansicht Beatrice von Weizsäckers wesentlich zur Politikverdrossenheit nicht nur in den neuen Ländern und zur inneren Zerrissenheit Deutschlands beigetragen.

Dessen ungeachtet gibt sie abschließend einen optimistischen Ausblick in die Zukunft. Ihr Optimismus gründet sich allen voran auf die Menschen an der Basis, denen es bereits gelungen ist, die innere Einheit des Landes ein gutes Stück voranzubringen: Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften, gemeinsam durchgeführte Projekte in Kunst und Naturschutz sowie offene Gesprächskreise werden als Beispiele für eine positive Entwicklung angeführt. "Die Unvollendete" ist ein Appell für mehr ziviles Engagement und beschwört die Verantwortung, die jeder Einzelne für den inneren Zusammenhalt in diesem Land trägt.

"Versöhnen statt spalten" lautet die zentrale Botschaft, die Beatrice von Weizsäcker dem Leser mit auf den Weg geben möchte. In diesem Zusammenhang brauche es einen differenzierteren Umgang mit der DDR-Vergangenheit, weg von einer rein anklagenden Haltung, die die kommunistische Diktatur mitsamt ihrer ehemaligen Staatsbürger pauschal verdammt. Diejenigen, die sich in der Vergangenheit schuldig gemacht haben, z. B. als IM der Stasi, müssen in der Demokratie die Möglichkeit haben, ihre Schuld abzutragen. Wahrheit sei nichts ohne Gnade und Vergebung, bezieht Weizsäcker, die Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentags ist, entschieden Position.

Dennoch richtet sich ihr Buch nicht bloß an überzeugte Christen, sondern an alle Deutschen, die sich für gesellschaftspolitische Themen interessieren. Menschen, die wenig mit Politik anfangen können, werden sich dagegen wohl eher nicht angesprochen fühlen. Weizsäcker versucht zwar zweifellos den Leser nicht nur intellektuell, sondern auch emotional zu fordern, doch das macht aus einem politischen Sachbuch noch keinen reißerischen Politthriller.

"Die Unvollendete" soll aufräumen mit gängigen Klischees, etwa dem vom arbeitslosen Ostdeutschen, einem demokratieverdrossenen Nostalgiker, der lieber auf Bananen und persönliche Freiheit verzichten würde, als sich dem Konkurrenzdruck der westlichen Leistungsgesellschaft auszusetzen. Darin liegt sicher die größte Leistung des Buches: Es schafft eine neue Perspektive und weckt Verständnis für den anderen, speziell für die ostdeutsche Seite. Zur Lösung der gravierenden politischen Probleme, die die Einheit mit sich gebracht hat und die besonders den Osten treffen, kann Weizsäcker natürlich kein Patentrezept geben. Die hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung, schwache Geburtenzahlen und Überalterung in besonders strukturschwachen Regionen werden uns auf absehbare Zeit auch weiterhin beschäftigen. Dennoch leistet Weizsäckers Buch einen wichtigen Beitrag zum Diskurs über das Zusammenleben im wiedervereinten Deutschland. Systematisch dringt die Autorin zu den Ursachen der andauernden Spaltung vor, unaufgeregt spricht sie die immer noch akuten Probleme zwischen Ost und West an und mutig fordert sie eine neue Debattenkultur, in der auch die Wahrheit des anderen toleriert wird.

Auch wenn sich erst noch herausstellen muss, ob ihr Grundgedanke "Versöhnen statt spalten" die Menschen in Ost und West tatsächlich wieder einander näher bringt, liefert Beatrice von Weizsäcker mit "Die Unvollendete" ein überzeugendes Werk ab. Das liegt zum einen an einer logisch nachvollziehbaren Analyse gegenwärtiger Probleme und ihrer Wurzeln, die sowohl durch ihre nüchterne Argumentation als auch durch die Vielzahl zeitgeschichtlicher Beispiele besticht, die Weizsäckers Thesen stützen sollen. Zum anderen gelingt es der Autorin, ein lange in den Hintergrund gedrängtes Thema wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken - und zwar so, dass dem Leser nach Abschluss der Lektüre die Bedeutung der inneren Einheit für dieses Land klar vor Augen steht.

Fazit:

Genau 20 Jahre nach der Wiedervereinigung legt Weizsäcker mit "Die Unvollendete" eine differenzierte Analyse zur Lage der Gesellschaft in Ost- und Westdeutschland vor. Ihr ist ein durchaus lesenswertes Buch gelungen, dass den Leser dazu auffordert, eingefahrene Sichtweisen zu überdenken und sich selbst für eine bessere Zukunft einzusetzen. Darüber hinaus werden die politischen Fehler und medialen Entgleisungen der Wende- und Nachwendezeit schonungslos aufgezeigt und so die eigentlichen Hintergründe für Frust und Enttäuschung vieler Ost- und Westdeutscher offenlegt, ohne dabei auf eine sachliche Tonlage zu verzichten. Doch gerade deshalb dürften politisch weniger interessierte Leser die Lektüre als trocken und spannungslos empfinden. "Die Unvollendete" ist daher kein Buch für jedermann.
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