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Die Kinogänger von Chongjin  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Kultur & Zeitgeschehen
Geschrieben von Konstanze Tants   
Mittwoch, 16. Juni 2010

Die Kinogänger von Chongjin

Originaltitel: Nothing to Envy: Ordinary Lives in North Korea
Untergenre: Geschichte
Verlag: Droemer
Erschienen: März 2010
ISBN: 978-3-426-27438-5
Preis: 19,95 EUR

432 Seiten
Inhalt
9.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
8.9

Wertung:
8.9
von 10
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Zum Inhalt:

Vor dem Kino in Chongjin begegnen sich zwei junge Menschen. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, aber die entwürdigenden Lebensverhältnisse in Nordkorea lassen ihre Liebe nicht zu. Für das Volk hält das Regime nur harte Entbehrungen bereit - und strikte Denkverbote. Der größte Wunsch: dem Schattenreich des "geliebten Führers" Kim Jong Il zu entfliehen.

Meinung:

Barbara Demick lebte von 2001 bis 2008 in Seoul und berichtete für die "Los Angeles Times" aus Ostasien. Im Rahmen dieser Tätigkeit führte die Journalistin jahrelang Interviews mit Menschen, die aus Nordkorea geflüchtet waren, denn nur über diese Personen war es möglich, überhaupt etwas über dieses abgeschottete Land zu erfahren. Die wenigen Reisen, die Barbara Demick nach Nordkorea machen durfte, fanden immer unter strenger Aufsicht von Seiten der Regierung statt und ein Gespräch mit den einfachen Bürgern auf der Straße war strengstens verboten.

Aus dem Material, das die Autorin für eine Artikelserie für die "Los Angeles Times" sammelte, in der sie hauptsächlich über ehemalige Einwohner der Stadt Chongjin berichtete, entstand "Die Kinogänger von Chongjin". Barbara Demick wollte ein möglichst authentisches Bild des Lebens in Nordkorea zeigen und konzentrierte sich deshalb bewusst auf eine Stadt, die in den Medien weniger präsent ist als zum Beispiel Pjöngjang. Auch betont die Journalistin, dass sie die Aussagen, die die Basis für dieses Buch bilden, so weit wie möglich überprüft hat, indem sie die Angaben mit anderen Interviews und Berichten von Hilfsorganisationen oder ähnlichen Quellen verglichen hat.

Nordkorea ist ein Land, das in den aktuellen Medien eigentlich kaum Raum findet, wenn es nicht gerade um Atomwaffen oder eine Verschärfung des Verhältnisses zum südlichen Nachbarn geht. Umso interessanter ist der Blick, den Barbara Demick dem Leser auf das Leben in Chongjin bietet. Dieses Buch ist kein Roman, sondern eine Verwebung mehrerer Biografien mit Daten und Fakten, die einem auf eindringliche Weise die Geschichte Nordkoreas näher bringen.

Von ganz unterschiedlichen Menschen berichtet die Autorin, wobei vor allem die Liebesgeschichte zwischen Mi-ran und Jun-sang sowie das Leben von Frau Song den roten Faden in diesem Buch bilden. So lernt der Leser die aufgeweckte Mi-ran kennen, deren Schwestern aufgrund der zweifelhaften Herkunft des Vaters (der als Südkoreaner nach dem Krieg nicht mehr aus Nordkorea flüchten konnte) ihre Träume von einem Studium und einer guten Heirat begraben durfte und die als Grundschullehrerin mit ihren kleinen Schülern Danklieder auf ein System singen musste, das dafür verantwortlich war, dass die Kinder der Reihe nach verhungerten.

Einzig ihre Liebe zu Jun-sang, dem Studenten aus gutem Hause, der dank der Geldzuwendungen seiner japanischen Verwandtschaft nur wenigen Repressalien ausgesetzt war, erfüllt Mi-ran mit Glück. Doch auch diese Verliebtheit ist nicht ungetrübt, da die beiden sich aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nur heimlich bei Nacht treffen können - und dies auch nur zweimal im Jahr, wenn Jun-sang von der Universität in Pjöngjang nach Chongjin reisen darf, um seine Eltern zu besuchen.

Während in Mi-ran in den Jahren der größten Not das Gefühl wächst, dass eine Regierung, die ihre Bevölkerung verhungern lässt, keine weitere Treue verdient, verliert die aufrechte Frau Song nie den Glauben an Kim Il Sung und seinen Sohn Kim Jong Il. Für sie ist der Tod Kim Il Sungs fast schlimmer als der Verlust ihres Ehemannes und ihres Sohnes, die beide die Hungersnot in den 90ern nicht überlebten. Erst als sie durch eine List ihrer Tochter im Jahr 2002 die Grenze nach China überschreitet und dort den Wohlstand der Menschen erlebt (und das südkoreanische Fernsehen entdeckt), kommen der überzeugten Kommunistin Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Regierung.

So erlebt der Leser mit jedem einzelnen geschilderten Schicksal ein kleines Stück Nordkorea. Man verfolgt voller Spannung und Mitleid das Leben der verschiedenen Personen über mehrere Jahrzehnte. Und so kann der Leser auch nachvollziehen, warum einige Menschen mit den strengen kommunistischen Regeln in ihrem Land sehr gut leben konnten und sogar glücklich über diese vermeintliche Sicherheit waren, während andere Tag für Tag um ihr Leben bangten. Dabei versucht Barbara Demick, jeden Bericht über die Verschlechterung der Lebensbedingungen mit den politischen und wirtschaftlichen Ereignissen jener Zeit zu belegen und die Zusammenhänge aufzuzeigen.

Der Erzählstil ist trotz all der Informationen, die die Autorin einflicht, flüssig und gut zu lesen. Häufig mutet "Die Kinogänger von Chongjin" eher wie ein Roman denn wie ein Sachbuch an - vielleicht auch deshalb, weil es einem schwer fällt, die Lebensbedingungen der Nordkoreaner wirklich zu begreifen. Diese Parteitreue, die den Nordkoreanern schon vom ersten Lebensjahr an eingebläut wird und die viele von ihnen selbst unter den menschenverachtendsten Umständen nicht in Frage stellen, ist nur schwer nachzuvollziehen.

Die Personen, die Barbara Demick in ihrem Buch "Die Kinogänger von Chongjin" vorstellt, lassen einen nicht unberührt. Und so wächst mit jeder Seite das Bedürfnis des Lesers, mehr über Nordkorea herausfinden und verstehen zu wollen, wie der Alltag für die Bevölkerung in solch einer kommunistischen Diktatur aussieht. Dadurch gelingt es der Autorin, dem Leser mit diesem fesselnden Buch die Menschen in diesem Land näher zu bringen und ihn für die Geschichte Nordkoreas zu sensibilisieren.

Fazit:

Mit "Die Kinogänger von Chongjin" versucht die Autorin Barbara Demick, dem Leser einen Einblick in das von der Welt abgeschirmte Nordkorea zu bieten. Sieben Jahre lang hat die Journalistin Flüchtlinge befragt, um mehr über das Leben und den Alltag in diesem Land herauszufinden. Herausgekommen ist ein berührendes und sehr informatives Buch, das dem Leser anhand einiger ausgewählter Schicksale die Menschen in Nordkorea näher bringt. Ergänzt werden die persönlichen Schilderungen durch politische und wirtschaftliche Fakten, die die Geschichte Nordkoreas näher beleuchten, ohne dass dadurch der Lesefluss gestört wird. So ist es Barbara Demick gelungen, ein interessantes Buch über die Menschen in Nordkorea zu verfassen, das den Leser aufgrund der persönlichen Sichtweisen tief berührt.
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