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Die 101 einflussreichsten Personen, die es nie gab  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Kultur & Zeitgeschehen
Geschrieben von Rebekka Sommer   
Montag, 23. Juni 2008

Die 101 einflussreichsten Personen, die es nie gab

Originaltitel: The 101 Most Influential People Who Never Lived
Übersetzt von: Barbara Först

Erschienen: Juni 2008
ISBN: 978-3-431-03753-1
Preis: 16,95 EUR

365 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
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Gesamtwertung
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Wertung:
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Zum Inhalt:

Was verbindet Hänsel und Gretel mit dem Marlboro-Mann? Und welche Gemeinsamkeiten haben Ödipus und Peter Pan? All diese Gestalten gehören zu der Reihe fiktiver, aber einflussreicher Personen, die Karlan, Lazar und Salter in ihrem Sammelsurium westlichen Kulturguts benennen. Zu 101 bedacht gewählten Figuren finden sich hier Kurzabrisse über deren Entstehung, Entwicklung und Wirkung und zudem amüsante Anekdötchen und Fakten über ihren Einfluss auf unser kulturelles Leben.

Meinung:

Es ist ganz offensichtlich, dass sich hier drei passionierte Leser und Cineasten als Autorenteam zusammengetan haben: dieses Buch strotzt vor Hingabe an Geschichte und Geschichten der eigenen Kultur. Ob griechische Götter, Kinderbuchfiguren oder Nationalhelden - allen ausgewählten Figuren ist gemeinsam, dass sie einmal über ihr ursprüngliches Medium hinausgewachsen sind und zu Idolen, Stereotypen oder Kontrastfiguren wurden. Dass alle drei Autoren ursprünglich Naturwissenschaftler sind, tut der Sache keinen Abbruch. Ihr Anspruch, an Stelle einer "philosophischen Schwarte" ein leicht bekömmliches Nachschlagewerk zu schaffen, ist ihnen mit ihrem Blick für das Wesentliche brillant gelungen. In lockerem Stil bereiten sie Originelles und Wissenswertes zu den jeweiligen Figuren auf und der so entstandenen bunten Tüte aus Allgemeinbildung und Partywissen steht das breit gefächerte Interesse ihrer Autoren an Geschichte, Gesellschaft und Popkultur gut zu Gesicht.

Warum die Auswahl der Figuren als Ranking gestaltet ist, lässt sich nicht wirklich durch inhaltliche Aspekte erklären - die Rangfolge scheint vielmehr als kreativer Aufhänger für das Buch zu dienen, der zudem die Auswahl der 101 vordergründig als wissenschaftlich erscheinen lässt. Ein größerer oder geringerer Einfluss von fiktiven Personen - bemessen daran, wie viele Menschen ihre Geschichten erreichten und wie weit dieser Einfluss ging - lässt sich freilich nicht ohne Rücksicht auf subjektive Vorlieben "messen". Jedoch machen die Autoren keinen Hehl daraus, sondern gestalten ihren Auswahlprozess als Persiflage auf die statistischen Methoden, wobei recht fantasievoll mit verschiedenen mathematischen Modellen jongliert wird.

Der humoristische Anspruch der Drei verhindert auch die allzu strenge Frage nach einer klaren Definition des Kulturkreises, für den die Auswahl letztlich überhaupt gelten soll. Das Abendland im gröberen Sinne ist wohl gemeint, wobei Westeuropa mit griechischen und römischen Sagengestalten, diversen Volksmärchen und Theaterhelden eher als selektiv wahrgenommen erscheint und der Schwerpunkt auf der amerikanischen Kulturgeschichte liegt.

Ein Leser, der sich von dem Untertitel "Wie Barbie, James Bond und Hamlet uns verändert haben" populärwissenschaftlich aufbereitete Erkenntnisse aus Psychologie, Medien- oder Sozialwissenschaften erhoffte, könnte von diesem Band enttäuscht werden. Zwar schweifen die Autoren zwischen den Kapiteln in Exkurse ab, doch sind diese kurz gehalten und widmen sich neben dem Selektions- und Schreibprozess nur knapp der Frage danach, was Fiktion überhaupt zu beeinflussen vermag oder seit wann sie in unserer Kultur eine ernstzunehmende Rolle spielt. Wer aber einen unterhaltsamen und intelligenten Schmöker sucht, der weniger von vorn bis hinten durchgelesen, sondern nach intellektuellen Häppchen durchstöbert werden will, liegt mit diesem Buch goldrichtig.

Die Auswahl der Figuren hält sich weder bieder an Werke der so genannten Weltliteratur noch überwiegen klassische Gestalten oder Film- und Fernsehkreaturen. Märchen, Sagen und Legenden, Monster und Helden, Verbrecher und Werbe-Ikonen sind ebenso in der Rangfolge vertreten. Ein eigenes Kapitel ist jeweils der Befreiung der Frau und dem Schlagwort "typisch amerikanisch" gewidmet. Literaturhinweise und Zusatzinformationen laden an vielen Stellen zur weiteren Recherche ein.

Neben dem lockeren Erzählstil und der vielseitigen Auswahl an Charakteren macht auch die formale Anordnung des Buches etwas her: Illustrationen findet man zwar nur selten, doch wird dies durch schattiert hervorgehobene Infotafeln und die anschauliche Kapitelgliederung wieder ausgeglichen. Die einzelnen Kapitel sind bei allen nötigen Informationen knapp gehalten und das Inhaltsverzeichnis ist nicht nach der - im Grunde entbehrlichen - Rankingfolge, sondern nach Untergenres aufgebaut.

Fazit:

"Die 101 einflussreichsten Personen, die es nie gab" ist ein humorvolles Nachschlagewerk, das mit allerlei Kuriositäten aufwartet und lange vergessene Geschichten wieder neu entdecken lässt. Der bunt zusammengewürfelte Mix aus dem abendländischen Kulturgut ist unterhaltsam und in einem erfrischenden Stil geschrieben. Zudem geht der Horizont der Sammlung weit über bildungsbürgerliches Schulwissen hinaus - Figuren aus der Popkultur tauchen ebenso auf wie Vertreter der klassischen Literatur. Karlan, Lazar und Salter haben unsere Wohnzimmerregale um einen einladenden und intelligenten Schmöker bereichert.

 
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