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Deutschland, gefühlte Heimat  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Kinder-Sachbuch
Geschrieben von Sabine Hut   
Dienstag, 15. Juli 2008

Deutschland, gefühlte Heimat

Verlag: dtv
Erschienen: April 2008
ISBN: 978-3-423-62347-6
Preis: 8,95 EUR

175 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
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Wertung:
8.0
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Zum Inhalt:

Jeder vierte Jugendliche in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Das bedeutet: Diese jungen Menschen oder ihre Eltern sind aus ganz unterschiedlichen Gründen aus anderen Ländern oder gar Kontinenten hierher gekommen und geblieben. Die Journalistin Elke Reichart hat sich auf eine Reise quer durch Deutschland begeben, um zwölf junge Migranten kennenzulernen. Entstanden sind dabei eindrucksvolle Erfahrungsberichte aus einer Welt, die direkt neben uns existiert und zu der wir dennoch selten Zugang haben.

Meinung:

"Deutschland, gefühlte Heimat" ist ein für die heutige Zeit sehr wichtiges Buch. Es erzählt Geschichten von Jugendlichen, die verschiedener nicht sein könnten - und doch eines gemeinsam haben: Deutschland ist ihre neue Heimat, dabei kommen sie ursprünglich aus den unterschiedlichsten Ländern. Für die Einwanderung gab es eine Vielzahl an Gründen. Manch einer lebt aus freien Stücken hier, ein anderer befindet sich auf der Flucht und wieder andere sind als Einwandererkind hier geboren worden.

Der Fußballer Gerald Asamoah eröffnet das Buch mit einem Vorwort. Er lebt seit seinem zwölften Lebensjahr in Deutschland und kommt ursprünglich aus Ghana in Westafrika. Seit 1999 spielt er für den FC Schalke 04. Gerald Asamoah wurde auch schon für die Deutsche Nationalmannschaft aufgestellt. Er war somit der erste gebürtige Afrikaner, der in die DFB-Auswahl berufen wurde. Asamoah beschreibt, dass es ihm, als er nach Deutschland kam, nicht einfach gefallen ist, hier klarzukommen.

Auch zu Zeiten, als er schon erfolgreich Fußball spielte, passierten unschöne Dinge, an die er sich nicht gern erinnert. Anfangs wurde er im Stadion mit Bananen beworfen und mit Affenschreien empfangen, was natürlich sehr schmerzte. Die Zuschauer dachten einfach nicht über ihr Verhalten nach, für sie war er so etwas wie ein Mensch aus dem Urwald. Doch Gerald Asamoah betont auch, dass er einen Promi-Bonus hat, den die anderen Erzähler des Buches nicht vorweisen können. Mittlerweile geht es ihm in Deutschland besser, was sicherlich in gewissem Maße auch an seiner Tätigkeit beim FC Schalke 04 und in der Nationalmannschaft liegt.

Es ist interessant, aber teilweise auch erschreckend zu lesen, wie es Miganten (vor allem in ihrer Anfangszeit) in Deutschland geht. Sie kommen hier nicht klar, vor allem da meist niemand da ist, der sich um sie kümmert. Dadurch kommt es auch dazu, dass so mancher Migrant selbst viele Jahre später noch keinen richtigen Anschluss in Deutschland gefunden hat. Manch einer möchte deshalb unbedingt in seine alte Heimat zurück, doch oft ist dies einfacher gesagt als getan.

Die Journalistin Elke Reichart führte Interviews mit den unterschiedlichsten Migranten. Zwölf junge Menschen standen ihr dabei Rede und Antwort. Eigentlich hat sich Frau Reichart aber im Hintergrund gehalten und die Jugendlichen in erster Linie erzählen lassen. Herausgekommen sind bewegende Geschichten aus dem wahren Leben. Manchmal hat der Leser das Gefühl, dass die Welt dieser Menschen nicht in, sondern neben unserer liegt und wir normalerweise nur selten Einblick in sie haben - was schade ist, denn die Geschichten der Migranten könnten unser Leben stark bereichern.

Stefan kam aus Kasachstan nach Deutschland. Er verbrachte fünf Tage in einem uralten Reisebus und erwartete ein schönes Leben in seiner neuen Heimat. Anfangs kam alles anders, es war schwer für ihn, hier Fuß zu fassen. Doch heute ist er der erste ausländische Azubi bei BMW in Leipzig. Rami aus Palästina bekam schon früh von seinen Eltern gesagt, dass der Gaza-Streifen keine Zukunft für ihn zu bieten habe. So kam er nach Deutschland, um zu studieren und holte später auch seinen jüngeren Bruder in seine neue Heimat. Gemeinsam versuchen sie nun, sich eine Zukunft aufzubauen.

Mable ist die Tochter von in Ghana politisch Verfolgten und lebte 10 Jahre lang in einem Hamburger Asylantenheim. Diese Zeit war schrecklich für sie und mit viel Angst verbunden. Doch sie muss erst in ihre alte Heimat zurückkehren und mehr über die Vergangenheit lernen, um ihre Familie verstehen zu können.

Isabelle aus Bolivien möchte anonym bleiben. Sie ist illegal in Deutschland und kämpft für ein Leben in Frieden sowie für einen Pass, der ihre Zukunft sichern soll. Wie diese jedoch aussehen wird, kann auch sie noch nicht sagen.

Die Geschichten sind gefühlvoll erzählt. Man merkt, dass die Jugendlichen das Berichtete selbst erlebt haben und damit viel verbinden. Beim Lesen sollte sich jeder Deutsche einmal überlegen, wie er selbst zur Hilfe beitragen kann, auch wenn es leider oft bequemer ist, nichts zu tun. Bücher wie "Deutschland, gefühlte Heimat" sind wichtig und müssen gelesen werden, denn nur so lässt sich bei den Menschen ein Bewusstsein für die Situation schaffen. Selbst Leser, die sich immer für sehr tolerant und aufgeschlossen hielten, merken vielleicht nach der Lektüre des Buchs, dass ihr Verhalten noch Potenzial zur Verbesserung offen lässt. Die Geschichten der jungen Migranten können auf jeden Fall dazu beitragen, den Horizont der Leser zu erweitern.

Nicht vergessen werden sollte auch, dass mittlerweile viele Deutsche ihr Glück im Ausland suchen. Fast täglich kommt man im Fernsehen mit diversen Auswanderer-Sendungen in Kontakt. Besteht dort nicht genau dieselbe Situation, in der sich ein Migrant in Deutschland befindet? Vielleicht existiert eine Sprachbarriere, die Probleme macht, oder es gibt Vorurteile gegenüber den Deutschen. Braucht man dann nicht auch jemanden, der einem zur Seite steht und hilft? Dabei haben wir es oft viel einfacher als so mancher Migrant, der zu uns kommt. Wir können selbst entscheiden, wohin wir gehen. Migranten, die beispielsweise auf der Flucht sind, ist dies nicht möglich.

Durch die aktulle Masse an Auswanderern benötigt Deutschland wiederum mehr hoch qualifizierte Ausländer, denn oft sind die Arbeitsplätze mit deutschen Arbeitslosen nicht zu besetzen. Jeder Mensch sollte im Umgang mit seinen Mitmenschen tolerant sein und Migranten helfen, in ihrer neuen Umgebung klarzukommen. Oft erweist sich die erste Zeit in einem fremden Land als sehr schwierig - da wäre es doch gut, einen Freund an der Seite zu haben.

Fazit:

"Deutschland, gefühlte Heimat" leistet - gerade in unserer Zeit - einen wichtigen Beitrag zu mehr Verständnis und Toleranz. Nach Deutschland einzuwandern, ist nicht leicht und viele tun dies nicht aus freien Stücken. Die Geschichten des Buchs sind gut geschrieben und führen dem Leser Zustände in Deutschland vor Augen, die ihm vorher vermutlich gar nicht so bewusst waren. Gefühlvoll zeigt Elke Reichart, wie es Migranten bei uns geht, überlässt den jungen Menschen selbst das Wort und mischt sich dabei kaum ein. Man muss bedenken, dass viele Deutsche auch ins Ausland auswandern. Möchte man dort mit Vorurteilen aufgenommen werden? Ist es nicht viel schöner, Freunde zu finden, die einen unterstützen? Hoffentlich erreicht dieses Buch viele Menschen. Menschen, die sich für offen und unvoreingenommen hielten - und doch merken, dass man noch ein bisschen mehr für ein gutes Zusammenleben tun kann. Aber auch diejenigen, die sich bisher nicht für Migranten interessiert haben, sollten einen oder mehrere Blicke riskieren. Vielleicht machen die teilweise sehr tragischen Geschichten auch ihnen die Lage unserer ausländischen Mitbewohner etwas bewusster.
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