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Falscher Engel  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Erlebtes & Reiseberichte
Geschrieben von Manuel Tants   
Montag, 22. März 2010

Falscher Engel

Originaltitel: No Angel
Übersetzt von: Martin Rometsch

Untergenre: Biografien
Verlag: Riva
Erschienen: Oktober 2009
ISBN: 978-3-86883-026-2
Preis: 19,90 EUR

384 Seiten
Inhalt
5.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
5.3

Wertung:
5.3
von 10
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Zum Inhalt:

Dröhnende Harleys, Lederjacken, Bärte, Tattoos und Rockmusik - das sind die Erkennungszeichen der Hells Angels, des legendären Bikerclubs, der seit seiner Gründung immer wieder wegen Gewaltdelikten und Bandenkriegen in Verruf geriet. Der Geheimagent Jay Dobyns schaffte es, sich als Biker, Waffennarr und kaltblütiger Geldeintreiber auszugeben und so das Vertrauen der südwestamerikanischen Hells Angels zu gewinnen. In diesem Buch schildert er das Abenteuer seiner zwei Jahre dauernden verdeckten Ermittlung, die ihn fast seine Familie, seine Gesundheit und sein Leben gekostet hätte.

Meinung:

Berichte von Polizisten, die sich in kriminelle Organisationen einschleusen lassen, sind spätestens seit "Donnie Brasco" keine Seltenheit, und auch der Riva-Verlag hat mit "Ich war Jack Falcone" bereits einen derartigen Titel im Programm. Nun legt der Verlag mit "Falscher Engel - Mein Höllentrip als Undercover-Agent bei den Hells Angels" den Bericht des Polizisten Jay Dobyns vor, einem erfahrenen verdeckten Ermittler der Bundespolizeibehörde ATF ("Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives"), die auf die Verfolgung von Schwarzbrennerei sowie Tabak- und Waffenschmuggel spezialisiert ist.

Hauptziel der in den Jahren 2002 und 2003 durchgeführten Ermittlungen war es, den Hells Angels nachzuweisen, dass ihr Verein Strukturen des organisierten Verbrechens aufweist, indem er andere Motorradclubs entweder in ein Abhängigkeitsverhältnis zwingt oder sie andernfalls mit Gewalt bekämpft. Nachdem es im April 2002 zwischen Hells Angels aus Arizona und dem rivalisierenden Club "Mongols" zu einer Schießerei mit mehreren Todesopfern in einem Spielcasino in Laughlin, Nevada, kam, wird Jay Dobyns zusammen mit ein paar Undercover-Kollegen sowie einigen polizei-externen Informanten in Arizona gegen die dortigen Ortsverbände des Motorradclubs "Hells Angels" eingesetzt.

Dobyns hatte sich in dieser Gegend bereits zuvor eine Tarnidentität als Geldeintreiber Jay "Bird" Davis aufgebaut. Diese Vorarbeit kommt ihm und seinen Kollegen nun zugute, als sie für die Operation "Black Biscuit" die Rollen von Mitgliedern eines eigenen kleinen Bikerclubs einnehmen, der sich im Revier der Hells Angels niederlassen möchte. Sie geben sich als "Nomaden" der in Mexiko ansässigen "Solo Angeles" aus, die bei den Hells Angels offiziell um Genehmigung ersuchen, sich in Arizona frei bewegen zu dürfen. Die alteingesessenen Biker fassen erstaunlich schnell Vertrauen zu den Neuankömmlingen, auch wenn den Polizisten bei ihren ersten Auftritten einige eklatante Fehler unterlaufen, und so sind die verdeckten Ermittler schon bald gern gesehene Gäste bei den Partys des legendären Motorradclubs.

Dieser rasche Erfolg beflügelt Dobyns geradezu und lässt ihn tief in seine Rolle als "Bird" eintauchen - so tief, dass er schon bald seine Frau und die beiden Kinder vernachlässigt. Dabei legte Dobyns als guter Amerikaner bislang stets großen Wert darauf, jedem Softball-Spiel seines Sohns beizuwohnen und regelmäßig seine Tochter zu ermuntern, weiter das Gitarrespielen zu üben. Seine Motivation dafür, so sehr in seiner Undercover-Identität aufzugehen, ist dabei recht einfach, wenn auch etwas ungewöhnlich: Ihm geht es nur sekundär darum, Verbrechern das Handwerk zu legen. In erster Linie ist er schlicht und ergreifend ein Adrenalinjunkie, der offenbar darauf steht, sich in Lebensgefahr zu begeben. Das lässt ihn keineswegs sympathischer wirken.

Bei aller Begeisterung für seine Rolle als "Bird" hegt Dobyns jedoch keine Sympathien für die Rocker: Er hasst die Hells Angels dafür, dass sie außerhalb gesellschaftlicher Zwänge leben wollen, sich aber selbst strenge Regeln auferlegen und bei allem angestrebten Nonkonformismus ein sehr gleichförmiges Erscheinungsbild an den Tag legen. Doch auch Jay Dobyns ist nicht frei von Doppelmoral: Er verdammt die Biker als Waffennarren, schwärmt aber regelmäßig von seinen beiden "geliebten Glock-Pistolen", die er dank der Waffengesetze in Arizona stets offen bei sich tragen darf. Auch seine strikte Verachtung für den Drogenkonsum der Biker wirkt angesichts seines eigenen enormen Zigaretten- und Tablettenverbrauchs mehr als heuchlerisch.

Gerade im Mittelteil des Buches herrscht über weite Teile eine gewisse Eintönigkeit vor: "Bird" und die übrigen Undercover-Polizisten besuchen eine Party der Hells Angels nach der anderen, lassen sich von den echten Bikern, die von den "Solo Angeles" offenbar geradezu entzückt sind, Honig ums Maul schmieren, tätigen eventuell ein paar unbedeutende Drogen- oder Waffendeals und fahren wieder heim in die Einsatzzentrale, um ihre Berichte zu schreiben. Gezielte Ermittlungsarbeit scheint in diesem Zeitraum allerdings nicht stattzufinden; es geht "Bird" vor allem darum, seine Beziehung zu den Rockern zu vertiefen. So deckt das Buch über weite Strecken nicht etwa die kriminellen Machenschaften der Hells Angels auf, sondern belegt lediglich, dass zumindest einige von ihnen bei aller Nähe zu Gewaltverbrechen durchaus sympathische Menschen zu sein scheinen.

Der Schreibstil von "Falscher Engel" bemüht sich um ein gewisses hard-boiled-Flair, doch kurze Sätze, grundsätzliche Verachtung für das Beschriebene und sporadisch eingestreute Tabuworte wie "Nutte" oder "Blowjob" ergeben in der Summe noch längst keinen Chandler. Im Gegenteil, es entsteht vielmehr der Eindruck, dass der Polizist und sein Co-Autor Nils Johnson-Shelton sich - selbst wenn sie es wollten - auch mit größten Bemühungen kaum über das Niveau dieser Gossensprache erheben könnten. Denn die sporadisch eingestreuten Wendungen, die sich dann doch um eine gewisse literarische Ästhetik bemühen, wirken durchweg gekünstelt und aufgesetzt.

Auch die Übersetzung kann den stilistischen Eindruck nicht verbessern und irritiert eher dadurch, dass gebräuchliche Fachbegriffe aus der Biker-Welt nicht verwendet werden - in Rockerkreisen trägt man jedenfalls sicherlich keine "Reitstiefel". Immerhin kann das Hardcover-Buch eine kleine Sektion mit Farbfotos aufweisen, auf denen der Autor in voller "Verkleidung" und eine ganze Reihe der im Buch vorkommenden Hells Angels zu sehen sind.

Fazit:

Wer hofft, in "Falscher Engel" einen tiefen Einblick in das Innenleben der sagenumwobenen Hells Angels geboten zu bekommen, wird vermutlich enttäuscht sein, denn dass der Tagesablauf der Clubmitglieder vor allem mit Ausfahrten auf dem Motorrad und Partys gefüllt ist, dürfte wenig überraschen. Auch die Undercover-Ermittlungen der ATF wirken in diesem Buch oft ziellos und eher zufallsgesteuert. In Kombination mit dem Versuch, die gerade im Mittelteil etwas gleichförmigen Abläufe durch das missratene Imitat eines hard-boiled-Schreibstils aufzuwerten, bleibt somit lediglich ein Einblick in das persönliche Leben des nicht unbedingt sympathischen ATF-Agenten Jay Dobyns, der bei seiner fast schon krankhaften Suche nach dem täglichen Adrenalinkick beinahe ins Straucheln gekommen wäre.
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