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Der Schleier der Angst  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Biografien
Geschrieben von Ramona Böhm   
Donnerstag, 19. März 2009

Der Schleier der Angst

Originaltitel: Le voile de la peur
Übersetzt von: Monika Buchgeister

Verlag: Gustav Lübbe
Erschienen: November 2008
ISBN: 978-3-7857-2346-3
Preis: 19,95 EUR

379 Seiten
Inhalt
9.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
8.9

Wertung:
8.9
von 10
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Zum Inhalt:

Samia Shariff wurde als drittes Kind einer algerischen Familie in Paris geboren. Schon von Anfang an verfluchten ihre Eltern den Tag ihrer Geburt, denn Mädchen sind in der muslimisch-algerischen Kultur nichts wert. Vielmehr sah ihr Vater sie als Ausgeburt des Teufels und glaubte, dass sie eines Tages die Ehre der Familie beschmutzen würde. Deshalb wurde Samia streng erzogen. Sie sollte eine gute Muslimin werden, ihren Eltern gehorchen - auch wenn diese ihre Freiheiten einschränkten - und baldmöglichst einen Ehemann heiraten, damit sie ihren Eltern nicht mehr zur Last fiel. Samia wurde beinahe ihr ganzes Leben lang unterdrückt. Erst von ihren Eltern und Brüdern, dann von ihrem gewalttätigen Ehemann.

Meinung:

Die algerischstämmige Samia Shariff wurde als drittes Kind in eine streng muslimische Familie hineingeboren. In der algerischen Kultur sind Mädchen nicht viel wert. Da spielte es auch keine Rolle, dass Samia im Paris des 20. Jahrhunderts geboren wurde. Von ihrem Vater wurde sie als Pool des Teufels und als Gefahr, die Ehre der Familie zu verletzen, angesehen. Ihre Mutter verfluchte den Tag, an dem sie geboren wurde. Samia erfuhr keine Liebe von ihren Eltern, sondern wurde streng überwacht. Sie sollte eine gute Muslimin werden, das heißt alles tun, was ihre Eltern von ihr verlangten - auch wenn ihre Freiheiten dadurch noch so sehr eingeschränkt wurden - und sobald sie heiratsfähig war, ihrem Ehemann mit Demut und Respekt gegenübertreten.

Mit sechs Jahren verließ sie mit ihrer Familie Frankreich und zog zurück nach Algerien. Dort begann Samias Leidensweg erst: Sie wurde für alles verantwortlich gemacht, was in der Familie schief lief. Wenn ihr kleiner Bruder mitten in der Nacht weinte und sie ihn nicht beruhigen konnte, wurde ihr vorgeworfen, dass sie ihn extra geweckt hätte. Sie musste lange, weite Kleidung tragen, damit kein Fremder ihre Weiblichkeit bemerkte und durfte nur in Begleitung das Haus verlassen. Zwar konnte sie anfangs noch eine Schule besuchen, wo sie gute Freundinnen kennenlernte, aber mit fünfzehn Jahren wurde Samia ihr zukünftiger Ehemann vorgestellt: Ein doppelt so alter Angestellter ihres Vaters. Ein Jahr lang wurde sie deshalb von ihrer Mutter darauf vorbereitet, eine gute, pflichtbewusste Hausfrau und Muslimin zu werden.

Gegen ihren Willen zwangen ihre Eltern sie zu der Hochzeit mit Abdel. Hier begann eine neue Stufe von Samias Leidensgeschichte. Ihr Mann war gewalttätig und schon in der Hochzeitsnacht schlug und vergewaltigte er sie bis zur Bewusstlosigkeit. Da er im Außendienst in Frankreich für Herrn Shariff arbeitete, zog das Ehepaar nach Paris. Aber auch dort traute sich Samia nicht, gegen ihn vorzugehen, denn sie war so erzogen worden, ihrem Ehemann bedingungslos zu gehorchen. Außerdem wollte sie ihrer Familie keine Schande bereiten, auch wenn Samia noch so sehr darunter leiden musste. Immer wieder drohte ihr Ehemann ihr bei Ungehorsam damit, ihr die Kehle durchzuschneiden und in ihrem unreinen Blut zu baden. Denn in unreinem Blut zu baden wirkt, nach muslimischen Glauben, reinigend. Auch ihre Eltern standen ihr nicht bei, als Samia sie anflehte ihr zu helfen. Sie drohten ihr vielmehr ebenfalls mit dem Tod, wenn sie versuchen sollte, sich von Abdel zu trennen.

Fünfzehn Jahre benötigte Samia, um den Mut zu fassen, sich von ihrem gewalttätigen Ehemann loszusagen, aber auch das brachte noch keine Freiheit. Denn inzwischen lebte sie wieder in Algerien und musste mit ihren Töchtern um ihr Leben fürchten. Ihre Familie - und auch ihre Brüder, die inzwischen fanatisch dem Glauben ihres Vaters anhingen - verachteten sie und hetzten die Nachbarschaft gegen Samia auf. Sie erhielt Drohanrufe, wurde in den Straßen verfolgt und ein fremder Mann hielt ihrem kleinen Sohn ein Messer an den Hals.

Samia Shariff erzählt die Geschichte ihres Lebens auf beeindruckende Art und Weise. Obwohl der Leser von Anfang an weiß, dass diese starke Frau ihre Freiheit erreichen wird, bleibt ihre Geschichte unheimlich bewegend und mitreißend. Seite um Seite ist man gespannt, was ihr noch zustoßen und wie sie damit umgehen wird. Sprachlos liest man von ihrem Leben, das in unserer Zeit stattfand und ist deshalb umso erschrockener, wenn man erfährt, wie Mädchen und junge Frauen auf so grausame Weise behandelt werden. Die Dialoge wirken am Anfang teilweise sehr hölzern, was aber dem Buch nicht abträglich ist, denn den Hass, den ihre Eltern ihr entgegenbringen, spürt man bei jedem Satz und bei jedem Wort, das an Samia gerichtet wurde.

Das Buch zeigt deutlich, wie wenig Mädchen und Frauen in Algerien wert sind und wie schlecht sie behandelt werden. Sie sind erst abhängig von ihren Eltern und dann von ihrem Ehemann, müssen gehorchen und dürfen keinen eigenen Willen haben. Samia Shariff übertreibt nichts in ihrem Buch, sondern zeigt, wie ohnmächtig man als Frau sein kann, wenn man jahrelang so erzogen wurde, als hätte man keine Rechte.

Das Buch erzählt von einer Frau, die den Mut aufgebracht hat, für ihre eigene Freiheit zu kämpfen und dabei aufs Ganze geht. Sie stand kurz davor, alles zu verlieren und hat doch viel mehr gewonnen: ein freies, unabhängiges Leben für sich und für ihre Töchter, die einer Zukunft mit Demütigungen und Gewalt entkommen sind. Samia Shariff ist ein Beispiel für alle Frauen, die auch im 21. Jahrhundert noch unter solchen grausamen Bedingungen aufwachsen und leben müssen.

Fazit:

"Der Schleier der Angst" ist die bewegende Biografie einer Frau, die für ihre Freiheit gekämpft hat. Samia Shariff wuchs in einer Familie auf, die sie ihr Leben lang unterdrückte und für die Mädchen nicht viel wert sind. Ihr Ehemann schlug und vergewaltigte sie, doch nach Jahren der Demütigungen nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und floh. In diesem Buch schildert sie ohne Umschweife den Hass und die Gewalt, die sie in ihrer Kindheit und als junge Frau erleiden musste. Der Leser ist einerseits darüber erschrocken, wenn er liest, was für Ungerechtigkeiten im 21. Jahrhundert noch möglich sind, und hält andererseits den Atem an, als Samia Shariff endlich den Mut fasst und Pläne schmiedet, um dieser Hölle zu entkommen.
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