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Tilman Röhrig im Interview Drucken E-Mail
Geschrieben von Jano Rohleder   
Samstag, 4. Oktober 2008

Seit vielen Jahren schreibt Tilman Röhrig überaus beliebte historische und Jugend-Romane. Doch eigentlich ist er ausgebildeter Schauspieler. Über seine früheren Tätigkeiten spricht er im booklove-Interview mit Chefredakteur Jano Rohleder - und natürlich auch über sein aktuelles Werk, den Roman "Riemenschneider".

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Herr Röhrig, Sie haben ja eigentlich eine klassische Schauspielausbildung und waren sieben Jahre in Köln auf der Bühne. Wie kommt man von der Schauspielerei zum Schreiben? Haben Ihnen die Drehbücher, die Sie bekamen, nicht mehr zugesagt oder wie war das?

Zunächst einmal ist es ja so, dass der Schauspieler sich erst unter den Text eines anderen begeben muss, um dann wieder mit seiner künstlerischen Kraft herauszuwachsen. Dieses alles habe ich jahrelang mit Leidenschaft getan - und dann ist es in der Tat so gewesen, dass ich irgendwann ein Stück bekam, wo ich auf der Bühne stand und dachte: "So einen Mist würdest du nie schreiben." Damit war die Demut vorbei, die man als Schauspieler braucht, um sich zuerst einmal wirklich mit dem Gedankengut eines anderen zu beschäftigen. Ich war leidenschaftlicher Schauspieler, aber das war der Beginn meiner Loslösung. Und da ich zuhause ohnehin schon schrieb, hab ich gedacht: "Schreib die Texte doch selbst." Also bin ich nach Hause gegangen und habe geschrieben.

Wie sind Sie danach zu "Löwenzahn" gekommen?

Ich habe erst primär Bücher und Hörspiele geschrieben und - wie das ja so beim Fernsehen ist - nie etwas von mir aus fürs Fernsehen geschrieben, sondern mich lieber erst fragen lassen. Nachdem ich auch sehr viele Preise für meine Jugendbücher bekommen hatte, hat irgendjemand beim ZDF was davon gelesen und als dann "Pusteblume" in "Löwenzahn" umgewandelt wurde - also auch Peter Lustig ein bisschen psychologischer in die Geschichten hineingehen sollte - da hat man dann eben mich geholt, damit ich etwas mehr Psychologisches mit einbringe. Was schwierig war, sehr schwierig. Aber ja, ich bin zu Löwenzahn gekommen, weil man mich gefragt hat.

Das ist ja jetzt schon ein bisschen her. Hätten Sie damals gedacht, dass die Serie heute, fast 30 Jahre später, immer noch existieren und Peter Lustig davon 25 Jahre moderieren würde?

Nein, niemals. Ich nicht. Aber er ist eben selbst "Löwenzahn" gewesen. Das heißt, er ist dieser Peter Lustig aus dem Fernsehen und das findet man ja ganz selten, dass jemand im Privatleben praktisch das Gleiche wie vor der Kamera lebt. Vielleicht liegt der Erfolg an der Neugierde der Kinder oder es ist so was wie die moderne Form von Schule.

Kommen wir mal zu Ihrem aktuellen Haupttätigkeitsfeld, dem historischen Roman. Was mich dabei interessieren würde: Kann man vom Schreiben eines historischen Romans alle paar Jahre leben? Sie sind ja jetzt nicht unbedingt Wolfgang Hohlbein, der 50 Neuheiten im Jahr raushaut.

An sich muss man davon ausgehen, dass von 100 Schriftstellern maximal sechs vom Schreiben leben können - und dass es natürlich lange dauert, bis man dieses kann. Ich habe halt das Glück, dass es seit 20, 25 Jahren nun mal so ist, dass ich jetzt tatsächlich davon leben kann. Aber ... wenn ich in Schulen bin oder Oberstufen, erzähle ich den Schülern immer, dass ich zu diesen "Idioten" gehöre, die Geld sparen, um ein Buch schreiben zu können. Das heißt also, die Geld sparen, um arbeiten zu können. Und so spare ich für jedes historische Buch. Da die Recherche sehr aufwändig ist, muss ich tatsächlich sehen: Schaffst du das, die nächsten drei Jahre zu finanzieren? Inklusive der Recherche. Das geht bei mir, zumindest mittlerweile, ganz gut.

Früher war's da wahrscheinlich schon schwieriger?

Ja, sehr viel schwieriger, muss ich sagen. Fahren Sie nur mal irgendwo hin, wohnen in einem Hotel und müssen in ein Archiv oder so. Dann ist die Fahrt da, die Übernachtung, das Essen mit irgendjemandem dort. Da denkt man sich zuhause schon: "Hoffentlich bekomme ich das Geld wieder raus."

Auf Ihrer Website gab es die Frage, warum Sie es schaffen, die Leser so zu fesseln. Und darauf meinten Sie, dass die Sprache wohl ein entscheidender Faktor sei. Was bedeutet Ihnen Sprache? Und wie halten Sie es mit der Sprache generell in Ihren Büchern? Versuchen Sie, möglichst verständlich für die heutige Leserschaft zu schreiben oder ist das eher wie bei Gustav Freytag, der bei seinen "Ahnen" z.B. den Sprachton immer der jeweiligen Zeit angepasst hat?

Ich fang mal hinten an. Den Sprachton der jeweiligen Zeit anzupassen, ist eine Kunst. Das heißt, was ich mache, ist Folgendes: Ich bringe tatsächlich immer mal wieder einen Satz, der anklingen lässt, dass es in dieser oder jener Zeit spielt. Das ist aber genau wie wenn man beim Film Tag als Nacht dreht. Man fängt irgendwo im Dunklen eine Szene an, sieht aber trotzdem alles. So ist das natürlich beim Schreiben auch. Es wäre unerträglich, einen mittelalterlichen Roman in mittelalterlicher Sprache zu schreiben. Da würde kein Mensch was verstehen. Aber ich selbst betrachte mich schon ein bisschen als Hüter der deutschen Sprache, weil ich sie irrsinnig toll finde. Zum Beispiel, was man mit Nuancen alles machen kann. Es gibt kaum eine Sprache, die so viele Nuancen ermöglicht wie die deutsche Sprache. Ich fraternisiere nicht mit dem Leser bzw. der Schnelllebigkeit, die auch zur Folge hat, dass die Sprache schnelllebig wird. Denn es muss ja auch jemanden geben, der die Grundform beibehält. Ich liebe es, mit Sprache umzugehen. Lautmalerei und all das sind für viele - auch junge Autoren - Fremdwörter, weil sie lieber in Halbsätzen schreiben. Das mag zwar cool sein - wie man so sagt -, aber das hat mit meinem Schreiben wenig zu tun. Was ich will … Ich bin ein Erzähler. Ich will große Geschichten erzählen, wo man eintaucht und Bilder sieht. All dieses Schöne, was man beim Lesen erleben kann, will ich in meinen Büchern zeigen.

Um noch mal auf Gustav Freytag zurückzukommen ... hat er irgendeinen Einfluss auf Ihr Werk? Sie sagen: "Ich schreibe Romane über die Eckpunkte und Scheidewege europäisch-deutscher Geschichte. Angefangen mit 'Hannibal' bis hin zur Wiege des 'Deutschen Nationalismus'. Irgendwann einmal können all meine Bücher, zeitlich hintereinander gestellt, zu einem einzigen großen historischen Roman zusammengefügt werden und geben Antwort." Da sehe ich deutliche Parallelen zu Freytags bereits erwähnten "Ahnen - eine Geschichte des deutschen Volkes", wo in sechs Bänden die germanische Geschichte von 300 bis etwa 1850 erzählt wird.

Ja, ich bewundere Gustav Freytag, ob dieser wirklich grandiosen schriftstellerischen Leistung. Nicht, dass er Vorbild für mich ist. Ich habe keine Schreibidole, aber ich bewundere Menschen, die einen großen Gedanken haben und immer weiter an diesem Gedanken leben und auch daran arbeiten. Und dazu gehört eben auch ein Riesenwerk.

Wobei es ihm dann am Schluss sichtlich schwerer gefallen ist.

Das ist natürlich die Befürchtung, deshalb mache ich es anders als er. Ich schreibe abgeschlossene Romane, weil es natürlich eine Frage der Kraft ist. Je nachdem, wie alt man wird - einen Roman zu schreiben, ist ein seelischer Kraftakt. Sie erleben Höhen und Tiefen, Sie klettern auf Berge und stürzen in Täler und Sie müssen immer weitermachen, damit Sie auch überleben. Ich hoffe, dass mir die Kraft dazu noch lange bleibt. Ich schreibe abgeschlossene Romane - und habe eins gemacht ... nämlich, dass ich Hannibal und die Wiege des deutschen Nationalsozialismus schon geschrieben habe. Ich fülle jetzt immer wieder die Lücken, die noch sind. Fülle die Lücken immer weiter, so dass ich nicht dahin komme, dass ich sagen muss, die Luft hat mir gefehlt. Der Rahmen ist bereits gesteckt.

Ihr neuestes Buch handelt von Tilman Riemenschneider, der Sie, wie Sie sagen, in gewisser Weise schon ihr ganzes Leben lang begleitet. Sie sollen ja auch nach ihm benannt sein. Um wieder auf Ihren "Lebensplan" zu kommen - war also von Anfang an beabsichtigt, irgendwann einen Roman über ihn zu schreiben oder hat sich das mehr oder weniger spontan ergeben?

Es war immer so, dass ich sagte, über ihn will ich etwas schreiben, aber ich musste nicht über ihn schreiben. Dann kam ich in meinem großen Gesamtprojekt an die Vorinformationen und habe immer wieder mal den Tilman Riemenschneider anrecherchiert, um zu gucken, was war denn mit seinem Leben. Und plötzlich stellte ich fest, der Bauernkrieg - alles hatte mit ihm irgendwie zu tun. Der hat Maximilian den Ersten gefangen in Würzburg, der Luther war in Würzburg, der Götz von Berlichingen ... Das heißt, im Kleinen haben wir die ganze europäische Geschichte einmal in Würzburg. Und dann dachte ich, jetzt ist es Zeit. Das Ganze dann an ihm [Tilman Riemenschneider] festzumachen, wäre völlig atypisch für einen Roman. Er, der erst der Erfolgreiche ist und zum Schluss des Buches ziemlich tief fällt. Wobei all die Aschenputtelgeschichten eben anders aussehen, die fangen von unten nach oben an.

Ihr Roman "Ein Sturm wird kommen von Mitternacht", in dem es um eine Art weiblicher Pferdeflüsterer zur Zeit Attilas geht, ist im April als Taschenbuch unter dem Titel "Die Burgunderin" veröffentlicht worden. War das eine bewusste Entscheidung von Ihnen oder Marketingstrategie des Verlags?

Das war eine Marketingentscheidung des Verlages. "Die Burgunderin" ist mein Arbeitstitel und ich habe immer gesagt: "Warum nehmt ihr das nicht?" Es hieß immer: "Nein, Frauengeschichten gehen nicht." Und was zeigt sich jetzt: "Die Burgunderin" verkauft sich wunderbar. Wobei mich die Leute bei "Ein Sturm wird kommen von Mitternacht" auch schon gefragt haben, ob da nicht ein Schreibfehler drin sei - weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass es irgendwann eine Zeit gegeben hat, als es die Wörter Norden, Süden, Westen noch nicht gab. Sondern dann sagte man "Ein Sturm wird kommen von Mitternacht" - also kommt er von Norden.

Bei diesen ganzen anderen aktuellen historischen Romanen, wie zum Beispiel denen von Iny Lorentz, ist es ja ebenfalls so, dass dort Frauennamen benutzt werden. Nehmen wir nur mal "Die Kastellanin".

Ich hatte sogar "Sehnsucht nach Burgund" als Arbeitstitel, und nachher dann "Die Burgunderin", und das haben sie dann übernommen.

Wobei es natürlich für den Leser etwas kompliziert wird, wenn er nicht genau weiß, dass das die Taschenbuchausgabe von "Ein Sturm wird kommen von Mitternacht" ist.

Und das ist an sich ein Fauxpas, den der Verlag sich geleistet hat, den man sich als Verlag nicht leisten darf. Ich sage das ganz bewusst, denn ich bekomme jetzt die E-Mails, in denen es heißt: "Das ist Betrug!" und "Das ist gemein!", "Ich habe das Buch gekauft, weil ich dachte, es wäre ein Neues!" ... Jetzt hat der Verlag - ich schicke die E-Mails inzwischen sofort weiter - bereits ein vorgefertigtes Entschuldigungsschreiben, das demjenigen dann sofort zugeschickt wird. Sie haben einfach vergessen, dem Leser diese Information zu geben. Jetzt erst in der nächsten Auflage wird es auf dem Buch stehen.

Wenn man liest, was Sie alles im Zusammenhang mit Ihren Romanen anstellen - Bogenschießen lernen, Bildhauerei- und Schnitzkurse besuchen - könnte man das entweder für etwas verrückt halten oder aber denken, dass sie sehr intensiv bei der Sache sein müssen. Leben Sie so ein bisschen in Ihrer eigenen Romanwelt bzw. für Ihre eigene Romanwelt?

Ich tu nichts anderes. Ich mach ja nichts anderes. Es füllt mich aus von morgens bis abends und in der Nacht. Und ich bin furchtbar neugierig und ich lerne ja unendlich viel an Erfahrungen. Ich hätte vorher nie gedacht, ich würde mal einen Stein behauen, und dann habe ich einen Steinmetz-Lehrgang gemacht - und jetzt stehen zwei Skulpturen im Garten.

Das hat ein bisschen was von Peter Lustig.

Ja, das hat ein bisschen was von Peter Lustig. Aber diese haptische Erfahrung, das hat auch einen ganz tiefen Grund. Denn Autoren, die nicht gut recherchieren, müssen unendlich bohren, unendlich penibel schreiben, weil sie glauben, sie müssten einen Vorgang genau erklären. Können sie diesen Vorgang selbst, können sie das in zwei Sätzen und der Leser hat das Gefühl "ich bin mitten in der Geschichte". Wenn sie bei meinem Roman zu Tilman Riemenschneider, wenn Sie zu dem in die Werkstatt gehen, dann wissen Sie, wie es riecht, dann schmecken Sie den Steinstaub, dann wissen Sie - ohne dass ich das groß sage - wo das Scharriereisen hängt. Das alles funktioniert nur, wenn ich es kann. Oder mein Robin Hood, wenn der Robin jemandem erklärt, wie man mit dem Pfeil schießt, dann weiß ich, ich kann das mit dem Pfeil und er auch. Und ich muss nicht sagen: "Ja, dann spannt man den Bogen" und all diese Dinge ...

Das heißt, wenn Sie etwas zuhause machen, dann ist das praktisch schon für ihren nächsten Roman?

Ja, das heißt also, ich lerne jetzt gerade Malen. Das bringe ich mir bei. Das heißt, ich überleg es mir und kaufe mir alle Sachen und spiele mit dem Haptischen, weil ich es für meinen nächsten Roman brauchen werde.

Wissen Sie schon, worum es geht?

Ja, aber das kann ich Ihnen nicht sagen. Dafür schreibe ich zu langsam und es gibt zu viele, die zu wenig Ideen haben. (grinst)

Hehe, ja, da könnte sich jemand bedienen. Mal ein ganz anderes Thema ... Da Sie ja Schauspieler sind und Ihre Lesungen immer ein besonderes Erlebnis sein sollen - würde es Sie reizen, Ihre eigenen Hörbücher auch selbst zu lesen?

Ja, schon. Aber dann muss ich auch wie ein Schauspieler bezahlt werden. (lacht)

Und das ist dem Verlag dann wahrscheinlich doch zu teuer?

Das weiß ich nicht, das müssten die sich überlegen. Sie sind dabei, das zu kalkulieren. Aber vor allem muss man so ein dickes Buch ja auch kürzen. Werden ja sonst 20 CDs.

Hm ... aber es gibt auch vollständige Lesungen, z.B. von den Romanen von Walter Moers, die haben 16, 21 CDs.

Ich weiß nicht, wie das produziert wird. Überlegen Sie mal, ein Schauspieler müsste für eine CD mindestens einen Tag arbeiten, dann müsste die Produktion - nehmen wir mal an, der bekommt einen Tausender pro Tag - über 17 Tage gehen, dann wären das 17.000 nur für den Sprecher. Dann muss man das noch produzieren, die Werbung machen ... Und so toll laufen die Hörbücher noch nicht.

Wobei es sich bei Walter Moers schon lohnen muss, denn die Hörbücher hat in der Vergangenheit Dirk Bach gelesen ... und dessen Gehaltsvorstellungen sind nun wirklich nicht gerade gering.

Ich weiß nicht. Vielleicht sagen sie auch, sie investieren, und nehmen das vom Werbeetat des Buches ...

Das kann natürlich auch sein. Na, mal sehen. Vielleicht hören wir dann ja demnächst doch irgendwann was von Ihnen in Hörbuchform. Auf jeden Fall vielen Dank für das Gespräch, Herr Röhrig!
Zur Website von Tilman Röhrig

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