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Kirihito 1  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Comics: Manga Krimi & Thriller
Geschrieben von Manuel Tants   
Mittwoch, 27. Januar 2010

Kirihito 1

Autor: Osamu Tezuka
Zeichner: Osamu Tezuka

Originaltitel: Kirihito Sanka Volume 1
Übersetzt von: Jürgen Seebeck

Reihe: Kirihito
1. Band der Reihe

Verlag: Carlsen Manga
Format: Taschenbuch
Erschienen: November 2009
ISBN: 978-3-551-79180-1
Preis: 16,90 EUR

288 Seiten
Inhalt
9.0
Zeichnungen
8.0
Verarbeitung
8.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
8.4

Wertung:
8.4
von 10
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Zum Inhalt:

Der junge Arzt Kirihito Osanai wird mit einer mysteriösen Krankheit konfrontiert, die in einer entfernten Gebirgsregion der Insel Shikoku ihren Ursprung zu haben scheint: Sie lässt Gesichter mutieren, erzeugt eine Gier nach rohem Fleisch und scheint Menschen in hundeähnliche Bestien zu verwandeln, bevor sie innerhalb weniger Monate sterben. Eine Rettung scheint nicht in Sicht. Kirihito versucht, hinter die Ursachen zu kommen und den Opfern zu helfen, die von der Gemeinschaft verstoßen und verfolgt werden. Eine Reise um den halben Erdball wartet auf ihn, in die Abgründe menschlicher Verhaltensweisen - mit einem medizinischen Establishment im Nacken, das Kranke nur als Versuchskaninchen betrachtet und für gute Forschungsergebnisse über Leichen geht.

Meinung:

Der Assistenzarzt Kirihito Osanai arbeitet an einer der renommiertesten Universitätskliniken Japans. Doch einer der Patienten gibt selbst den Koryphäen dieses führenden Instituts Rätsel auf: Ein Mann verwandelt sich innerhalb weniger Tage äußerlich in einen Hund, bekommt Heißhunger auf rohes Fleisch und stirbt schließlich wenige Wochen später an Atemlähmung. Da das Auftreten dieser so genannten "Monmo-Krankheit" offenbar auf ein einziges, entlegenes Dorf auf der Insel Shikoku beschränkt ist, geht Kirihito davon aus, dass die Erkrankung auf spezifische Umwelteinflüsse in dieser Region zurückzuführen ist. Sein Vorgesetzter, Professor Tatsugaura, vermutet hinter der Monmo-Krankheit jedoch eine ansteckende Infektion und hält Kirihitos Forschungsergebnisse vorerst vor der Öffentlichkeit zurück. Stattdessen schickt er Kirihito persönlich nach Shikoku - doch hinter der vermeintlichen Forschungsreise steckt weit mehr, als Kirihito zunächst ahnt.

Das Medizin-Szenario, das in "Kirihito" eine so große Rolle spielt, kennt Osamu Tezuka ("Astro Boy") aus erster Hand: Ungefähr zeitgleich mit dem Start seiner Karriere als Mangaka studierte er Medizin, und einige Jahre lang verfolgte er den Weg als Arzt sogar parallel zu seinem Schaffen als Zeichner und Autor. So ist es nicht verwunderlich, mit welcher Sachkenntnis der zweifellos bedeutendste Comic-Künstler Japans die Machenschaften einer skrupellosen Pharma-Lobby durchleuchtet, der es nur selten tatsächlich um die Heilung erkrankter Individuen geht, sondern vielmehr um Forschungs-Prestige und Profit.

Die 1970 erstmals in Japan erschienene Geschichte ist hochspannend, jedoch kein reiner Medizin-Thriller, sondern berührt darüber hinaus noch viele weitere Bereiche des menschlichen Lebens: So wird eindringlich das psychische Leid der Erkrankten geschildert, das insbesondere durch die Stigmatisierung der äußerlich entstellenden Monmo-Krankheit hervorgerufen wird. Auch Themen wie Rachsucht, Gier und Rassismus werden auf vielfältige und äußerst berührende Weise angeschnitten. So fliegt Kirihitos Kollege, Dr. Urabe, beispielsweise zu einem medizinischen Kongress nach Südafrika und stellt dabei erstaunt fest, dass er als Japaner offenbar irgendwo zwischen den klar voneinander getrennten Schwarzen und Weißen eingeordnet wird. All diese Aspekte trägt Tezuka gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit enormer emotionaler Eindringlichkeit an den Leser heran.

Tezuka zeichnet mit sehr klarem Strich, mitunter detailverliebt und präzise, gelegentlich aber auch bewusst abstrahierend und sogar mit gezielt verfälschten Perspektiven. Diese kleinen Brüche machen das Entschlüsseln der Bilder für den Leser nur noch interessanter. Die Figuren sind generell recht einfach gehalten und werden mitunter sogar cartoonhaft überzeichnet dargestellt, was der Ernsthaftigkeit der Story jedoch keinen Abbruch tut, zumal es dadurch umso effektiver ist, wenn Tezuka einmal ein ausgesprochen grausames Bildmotiv (wie etwa die verstümmelten Opfer nach einer Bombenexplosion) einstreut.

Carlsen Manga publiziert "Kirihito" hierzulande in westlicher Leserichtung. Japan-Puristen werden über die gespiegelten Seiten vermutlich ein wenig die Nase rümpfen. Da sich die Veröffentlichung dieses Werks jedoch nicht in erster Linie an die eingefleischte Manga-Leserschaft richtet, sondern seine Zielgruppe allgemein unter erwachsenen Lesern mit Interesse für anspruchsvollen Stoff finden dürfte, ist diese Entscheidung des Verlags durchaus nachvollziehbar. Der - für einen Manga überformatige - Band enthält außerdem eine kurze Biografie Tezukas sowie ein Glossar, das Japan-, Medizin- und Epochen-spezifische Begriffe erläutert.

Fazit:

Osamu Tezuka nimmt in "Kirihto" die Machenschaften einer Medizin-Lobby, die sich außerhalb von Recht und Gesetz wähnt, als Ausgangspunkt, um eine immense Vielzahl von brennenden sozialen und moralischen Themen anzuschneiden: Was als Suche nach der Ursache einer mysteriösen Krankheit beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Reise durch die unterschiedlichsten Abgründe menschlichen Fehlverhaltens. Die damit zusammenhängenden Moral-Fragen trägt Tezuka jedoch unaufdringlich, mit viel emotionaler Tiefe und in eine spannende Rahmenhandlung verpackt an den Leser heran. Auch die Zeichnungen dieses beinahe 40 Jahre alten Manga beeindrucken durch ihren Abwechslungsreichtum, sodass "Kirihito" auf jeder Ebene fesselt und beeindruckt.
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