Flügel aus Asche 
Bücher: Belletristik Fantasy
Geschrieben von Konstanze Tants   
Sonntag, 15. Dezember 2013

Flügel aus Asche

Verlag: Knaur
Erschienen: Mai 2013
ISBN: 978-3-426-51196-1
Preis: 9,99 EUR

448 Seiten
Inhalt
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Zum Inhalt:

Seit langer Zeit herrscht der Kaiser der fliegenden Stadt Rashija mit harter Hand über sein Reich. Der junge Adeen arbeitet als niederer Schreiber in der Stadt und muss die Schikanen der höhergestellten Magier ertragen. Als er eines Tages mit einer Gruppe von Rebellen in Kontakt kommt, ist Adeen sofort Feuer und Flamme. Er ahnt nicht, dass er in eine Auseinandersetzung geraten wird, in der er eine entscheidende Rolle spielen soll. Denn nur Adeen kann den Aschevogel beschwören, ein Wesen von unheimlicher Schönheit und einzigartiger Stärke. Der Kampf um Rashija und um die Freiheit hat begonnen.

Meinung:

Kaja Evert erzählt mit ihrem Debütroman "Flügel aus Asche" eine geradlinige Geschichte rund um einen interessanten Protagonisten in einer erfrischend ungewöhnlichen Fantasywelt. Durch die Augen des jungen Schreibers Adeen lernt der Leser die Gesellschaft innerhalb der fliegenden Stadt Rashija kennen. Dort gelten schon seit vielen Jahren die strengen Gesetze des Herrschers, der nicht nur sämtliche Kunst innerhalb der Stadt verboten, sondern auch extreme gesellschaftliche Grenzen eingeführt hat. Die ausführende Macht unter dem Herrscher ist der Rat, der dem Volk die Befehle und Gesetze übermittelt und mithilfe der Magierkrieger für ihre Durchführung sorgt.

In diesem totalitären System steht Adeen auf der untersten Stufe. Er ist nicht nur ein Schreiber, der zum Dienst in der Akademie verpflichtet wurde, sondern auch eine sogenannte Krähe, ein Mensch mit schwarzer Haut, der sich so schon äußerlich von allen anderen Einwohnern der Stadt unterscheidet. Einzig sein Ziehvater Rasmi, der heimlich bewegende Bilder malt, steht Adeen nah. Er kümmert sich immer wieder um den jungen Mann, wenn er mal wieder durch die Willkür anderer physisch und psychisch verletzt wurde. Rasmi ist es auch, der Adeen unbeabsichtigt in Kontakt mit einer Rebellengruppe bringt, die es sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben hat, historische Kunstwerke vor den Vernichtungsaktionen des Herrschers in Sicherheit zu bringen.

Nachdem bei einer dieser Rettungsatkionen etwas schiefläuft, muss auch Adeen in den Untergrund gehen. Dort trifft er erneut auf die Draquerin Talanna, die ihm schon einmal bei einer Auseinandersetzung mit einem Magier zur Hilfe gekommen ist. Obwohl die Draquer als geborene Zauberer zur Elite der Stadt gehören, ist auch Talanna mit der Situation in Rashija unglücklich. Die Draquerin steht kurz vor ihrer Hochzeit mit einem der einflussreichsten Windmagier und tut doch alles in ihrer Macht Stehende, um den Rebellen bei ihren Aktionen zu helfen. Adeen ist nicht nur von der fremdartigen Schönheit der - der Legende nach von Drachen abstammenden - jungen Frau gefesselt, sondern auch von ihrer Zielstrebigkeit und ihrem mutigen Naturell.

Kaja Everts fantastische Stadt Rashija überzeugt vor allem durch den schön ausgearbeiteten Hintergrund. Die fliegende Stadt wird von Windmagiern in der Luft gehalten, die nicht nur deshalb großen politischen Einfluss haben. Ihnen ist es auch erlaubt, die magischen Schriftrollen einzusetzen, die von den Schreibern der Akademie hergestellt werden und "Instant-Zauber" beinhalten, die z. B. Feuerangriffe ermöglichen. Die Gesetze des Herrschers knechten das Volk, aber aus lauter Angst trauen sich nur diejenigen aufzubegehren, die schon längst jegliche Hoffnung verloren haben. Auch Adeen gehört zu diesen Verzweifelten und wird deshalb die ganze Geschichte über weniger von dem Wunsch nach Veränderung als von der Notwendigkeit zu seinen Handlungen getrieben.

Das führt dazu, dass er - obwohl für den Leser von Anfang an feststeht, dass der junge Mann besondere Fähigkeiten hat - keine besonders heldenhafte Figur ist. Er ist nicht mehr als ein sympathischer Mensch, der immer wieder gegen seine Ängste und Minderwertigkeitskomplexe ankämpfen und in den schlimmsten Situationen all seinen Mut zusammennehmen muss. Die langsame Entwicklung Adeens zu einem Mann, der lernt, für seine Überzeugungen einzustehen, hat Kaja Evert sehr stimmig und nachvollziehbar beschrieben. Seine Gefühle für Talanna hingegen wechseln (selbst unter Berücksichtigung der extremen Situation) einfach zu schnell von der jungenhaften Anbetung eines weit über ihm stehenden Geschöpfes zu dem Eingeständnis, dass er sie liebt und mehr von ihr möchte als Freundschaft.

Die Handlung schreitet sehr zügig und actionreich voran. Dabei muss der Leser nicht auf die kleinen Momente verzichten, die es den einzelnen Charakteren ermöglichen, ihre Ecken und Kanten zu zeigen. Diese zwischenmenschlichen Passagen demonstrieren auch im Kleinen, wie viele unterschiedliche Motive in einer Gruppe herrschen können, selbst wenn man ein gemeinsames Ziel verfolgt. In der Mitte des Romans kommt es mit einer Veränderung des Schauplatzes zu einem radikalen Bruch in der Geschichte. Obwohl man eine Weile benötigt, um sich von den sehr auf die Stadt und die Rebellengruppe konzentrierten Vorkommnissen zu einer etwas offeneren Sichtweise auf das Gesamtgeschehen umzustellen, gelingt der Autorin auch dieser Wechsel in der Handlung sehr gut.

Kaja Evert beschreibt die weiteren Ereignisse und die Schrecken des Krieges sehr eindringlich. Auch Adeens Reaktion auf all die neuen Entdeckungen, die er im Laufe der Zeit über sich, seine Herkunft und die Welt außerhalb der Stadt macht, sind fesselnd und atmosphärisch geschildert. Gerade weil sich die Geschehnisse in dem Roman auf eine relativ normale Figur wie Adeen konzentrieren, wirken die Konflikte zwischen den verschiedenen Parteien, die grauenhaften Auswirkungen des Krieges und politischen Auseinandersetzungen umso eindringlicher. Im Kontrast zu all diesen düsteren und erschreckenden Aspekten stehen Adeens Freude an der Malerei und die ungewöhnlichen Freundschaften, die er in dieser Zeit des Umbruchs schließen kann. All diese Elemente machen "Flügel aus Asche" zu einem ungewöhnlichen und eindringlichen Debütroman.

Fazit:

Kaja Everts "Flügel aus Asche" bietet eine spannende Fantasygeschichte, die in einer klassischen, geradlinigen Art erzählt wird, ohne dabei angestaubt zu wirken. Der sympathische Protagonist Adeen und das ungewöhnliche Setting können ebenso überzeugen wie die bildhafte Erzählweise der Autorin. Einzig Adeens rasant entstehende Liebe zu Talanna, die gemeinsam mit den Rebellen gegen den Herrscher vorgeht, trübt das Gesamtbild. Auch der sehr radikale Bruch bezüglich Handlung und Setting in der Mitte des Romans lässt anfangs ein zwiespältiges Gefühl zurück. Dieser Schritt ist zwar ein eindringliches Stilmittel, fordert aber vom Leser auch die Bereitschaft ein, sich auf ein vollkommen anderes Umfeld und einen ganz anderen Ton in der Geschichte einzulassen.
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