Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack  Redaktionstipp
Bücher: Belletristik Fantasy
Geschrieben von Konstanze Tants   
Freitag, 6. Dezember 2013

Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack

Originaltitel: The Strange Affair of Spring Heeled Jack
Übersetzt von: Kristina Koblischke

1. Band der Reihe

Untergenre: Kriminalroman
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Februar 2013
ISBN: 978-3-404-20699-5
Preis: 15,00 EUR

528 Seiten
Inhalt
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Zum Inhalt:

Sir Richard Francis Burton: Entdecker, Gelehrter und geschickter Schwertkämpfer. Sein Ruf ist befleckt, seine Karriere zerstört. Und sein ehemaliger Partner wahrscheinlich tot. Algernon Charles Swinburne: ein talentierter Poet, stets auf Nervenkitzel aus und ein Anhänger des Marquis de Sade. Der Schmerz ist für ihn Lust und der Brandy sein Untergang. Gemeinsam sollen sie die Machenschaften des "Spring Heeled Jack" untersuchen: Eine mysteriöse Gestalt, die wie aus dem Nichts auftaucht und sich an jungen Frauen vergeht. Ihre Nachforschungen führen sie zu einem der bedeutsamsten Ereignisse des Jahrhunderts - und zu der Entdeckung, dass die Welt, in der sie leben, besser gar nicht existieren sollte.

Meinung:

Mit "Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack" führt der Autor Mark Hodder den Leser ins Jahr 1861 im albertinischen England. In dieser alternativen historischen Geschichte wurde Königin Viktoria kurz nach ihrer Krönung bei einem Attentat getötet, was dazu führte, dass ihr Mann Albert die Regentschaft des britischen Reiches übernahm. Auch sonst gibt es einige Elemente, die einen überraschen, während man den berühmten Forscher Sir Richard Francis Burton bei der Suche nach einem neuen Sinn im Leben begleitet. Nachdem er bei einer Expedition zur Quelle des Nils von seinem früheren Freund John Speke übertrumpft wurde, haben die folgenden Auseinandersetzungen mit Speke Burtons Ruf zerstört. Es steht fest, dass er keinen Geldgeber für weitere Reisen auftreiben wird, und so muss Burton ein neues Beschäftigungsfeld finden.

Zum Glück wird ihm vom Premierminister Lord Palmerton eine einzigartige Aufgabe angeboten: Sir Richard Burton soll den Gerüchten nachgehen, denen zufolge Werwölfe in einigen Stadtteilen Londons gesichtet wurden. Auch die erneuten Aktivitäten des unheimlichen und mysteriösen Spring Heeled Jack - der gerade in der vorangegangenen Nacht erst Burton angegriffen hatte - bereiten der Regierung Sorge und sollen von Burton in seiner Eigenschaft als neuer Geheimermittler seiner Majestät untersucht werden. Während Burton den unterschiedlichen Hinweisen nachgeht, kommt ihm im Laufe der Zeit ein ungeheuerlicher Verdacht. Doch bis sich dieser bestätigt, haben er und sein späterer Assistent, der Dichter Algernon Charles Swinburne, einige Gefahren zu bestehen.

Gemeinsam mit dem Entdecker Burton dringt der Leser in die verschiedenen düsteren Viertel Londons ein. Dabei greift Mark Hodder nicht nur die Atmosphäre eines Romans von Dickens auf, indem er die Armut der Arbeiterschicht beschreibt, Kaminkehrerjungen auftauchen lässt und die Schattenseiten der Industrialisierung aufzeigt, sondern er geht mit seinem alternativen historischen London deutlich weiter. Die Welt, in der Burton sich auf die Suche nach Spring Heeled Jack und anderen übernatürlichen Kreaturen macht, wird von den Technokraten gestaltet, zu denen sowohl Ingenieure als auch Eugeniker gehören. Dies führt dazu, dass das albertinische England von faszinierenden Vehikeln beherrscht wird, die mit Dampfkraft betrieben werden. Aber auch ungewöhnliche Züchtungen wie Nachrichtensittiche (zuverlässig, aber aufgrund eines genetischen Defekts mit einem sehr ordinären Vokabular ausgestattet) oder fliegende Transportschwäne gehören zum Alltag der Menschen in dieser Parallelwelt.

Mark Hodder beschreibt detailliert die Vor- und Nachteile einer solch fortschrittlichen Gesellschaft und entwickelt dabei eine so atmosphärische Szenerie, dass man als Leser den giftigen Rußnebel Londons geradezu am eigenen Leib spürt. Dazu kommen die vielen sympathischen und skurrilen Nebencharaktere wie zum Beispiel der Zeitungsjunge Oscar, der Dichter Swinburne oder Burtons Haushälterin. Sir Richard Burton, der aufgrund seiner vielen Reisen und seiner Fremdsprachenkenntnisse so viel Wissen angesammelt hat, dass er geradezu zum Superermittler mutiert, ist ein bisschen zu perfekt beschrieben, gleicht dieses aber durch seine liebenswerte Art und einige Charakterschwächen glücklicherweise wieder aus. Durch ihn und seine vielen Bekanntschaften erlebt man viele Facetten der Stadt, was immer wieder zu amüsanten, aber auch berührenden Szenen führt.

Auch schont der Autor seine Figuren nicht, sodass man nicht nur diverse Kämpfe zwischen Burton und seinen verschiedenen Gegnern miterleben darf, sondern auch einige Todesfälle im Laufe des Buches zu beklagen hat. So ergibt sich - trotz der einen oder anderen Länge in der Geschichte - eine fesselnde Mischung aus realistischen, düsteren Momenten und dem Einsatz von skurrilen fiktiven Erfindungen. Neben all den fantastischen Elementen und berühmten Figuren aus Englands Historie verblasst der Fall rund um Spring Heeled Jacks Übergriffe auf junge Frauen fast ein wenig, bis die Handlung so weit entwickelt ist, dass sich die verschiedenen Stränge zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Da ist es auch nicht schlimm, dass der Leser lange vor Sir Richard Burton die Lösung erahnen kann, denn letztlich zählt vor allem, dass der Weg, der zum actionreichen Ende des Romans führt, für den Leser überaus unterhaltsam ist.

Fazit:

Mit "Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack" hat Mark Hodder einen anregenden und spannenden Roman rund um den berühmten Forscher Sir Richard Burton und die mysteriöse Figur des Spring Heeled Jack geschaffen. Auch wenn die Idee einer alternativen historischen Welt nicht neu ist, belebt der Autor sein fiktives albertinisches England mit so vielen amüsanten und faszinierenden technischen und genetischen Entwicklungen, dass es einfach Spaß macht, seine Welt zu entdecken. Dazu kommen der hemmungslose Einsatz von historischen Berühmtheiten, vom Protagonisten Sir Richard Burton bis hin zu Florence Nightingale, der zu vielen unterhaltsamen und amüsanten Szenen in dem Roman führt, sowie wunderbar eindringliche Beschreibungen eines Londons, das von Dampfkraft, Armut und Nebel geprägt ist. Auch kommt es immer wieder zu actionreichen Auseinandersetzungen bis hin zu einem großen Showdown inklusive ungewöhnlicher Kampfgeräte, engagierter Zivilisten und heldenhafter Polizisten, sodass man sich problemlos über die eine oder andere Länge in der Geschichte und die etwas vorhersehbare Auflösung von Spring Heeled Jacks Geheimnis hinweggetröstet fühlt. Stattdessen kann man es nach dem Beenden dieses Romans kaum erwarten, "Der wundersame Fall des Uhrwerkmanns", die Fortsetzung der Reihe rund um Burton und Swinburne, in die Hände zu bekommen.
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