Mister Creecher 
Bücher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Konstanze Tants   
Montag, 7. Oktober 2013

Mister Creecher

Originaltitel: Mister Creecher
Übersetzt von: Beatrice Howeg

Untergenre: Fantasy
Verlag: Bloomoon
Erschienen: Februar 2013
ISBN: 978-3-7607-9928-5
Preis: 16,99 EUR

416 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
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Zum Inhalt:

London 1818. Billy ist ein einsamer Straßenjunge und Taschendieb und schleicht auf seinen Raubzügen durch die düsteren Gassen der nebligen Straßen. Da stolpert er über eine leblos am Boden liegende Gestalt - ein vermeintlich leichtes Opfer für einen gewieften Taschendieb? Doch der monströse Riese entpuppt sich als eine furchteinflößende Gestalt: Mister Creecher! Und der ist keineswegs wehrlos oder gar tot. Aus der zufälligen Begegnung von Billy und Mister Creecher wird Stück für Stück eine ungewöhnliche Freundschaft, die sie auf eine abenteuerliche Reise in Richtung Norden führt - immer einem Ziel folgend: Viktor Frankenstein.

Meinung:

Mit "Mister Creecher" ist es Chris Priestley gelungen, eine ungewöhnliche Geschichte zu spinnen, die nicht nur Charaktere von Mary Shelleys "Frankenstein", sondern auch Elemente aus Charles Dickens "Oliver Twist" aufgreift. Die Handlung spielt im Jahr 1818 und beginnt damit, dass der junge Taschendieb Billy über einen am Boden liegenden riesigen Mann stolpert, von dem er denkt, dass er tot sei. Doch noch bevor er der vermeintlichen Leiche die Taschen leeren kann, wird Billy von anderen Straßenjungen angegriffen und nur das Eingreifen des unbekannten Riesen rettet sein Leben.

Im Laufe der nächsten Tage entdecken Billy und der Hüne "Mister Creecher", dass sie einander nützlich sein können. Dabei beschreibt Chris Priestley ein sehr atmosphärisches und Dickens-haftes London, in dem Billy schon früh um sein Überleben kämpfen musste, was bei dem Jungen zu einer verständlichen, aber nicht gerade sympathischen Skrupellosigkeit geführt hat. Auch Mister Creecher hat aufgrund seiner Vergangenheit ein ganz eigenes Verständnis von Recht und Unrecht. So ergänzen sich diese beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten überraschend gut, obwohl ihre Beziehung zueinander vor allem davon bestimmt wird, welchen Nutzen man aus dem Handeln des anderen ziehen kann.

Nur langsam kommen sich die beiden näher und so ist es kein Wunder, dass Billy erst im letzten Drittel der Geschichte positivere Gefühle für andere Menschen entwickelt und von seinem egozentrischen Verhalten Abstand nehmen kann. Mister Creecher hingegen wirkt anfangs deutlich sanfter und fürsorglicher als der Straßenjunge. Er verfügt über einen unstillbaren Durst nach Wissen und Büchern, liest leidenschaftlich gern (unter anderem Jane Austen) und beschäftigt sich mit philosophischen Fragen. Auch schreckt der riesenhafte Mann vor jeglicher Gewalt zurück - wobei er auf der anderen Seite zu Wutausbrüchen neigt und seine Ziele mit erschreckender Besessenheit verfolgt.

Obwohl all diese Charaktereigenschaften die Protagonisten von "Mister Creecher" nicht sympathisch erscheinen lassen, sind es gerade diese dunklen Seiten der Figuren, die sie so spannend und realistisch wirken lassen. Vor allem gelingt es Chris Priestley immer wieder, auch bei widersprüchlichen Handlungen zu zeigen, dass Billy und Mister Creecher in diesem Moment eine durchaus nachvollziehbare Motivation für ihr Tun haben. Dieser reizvolle Charakteraufbau sorgt zusammen mit den diversen Anspielungen auf "Frankenstein" und "Oliver Twist" für ein wirklich fesselndes Lesevergnügen, das Lust macht, die Literaturklassiker noch einmal neu zu entdecken.

Noch spannender wäre der Roman aber gewesen, wenn Chris Priestley sich nicht eine "große Enthüllung" in Bezug auf Billy für den Schluss aufgehoben hätte, sondern wenn der Leser (zumindest derjenige, der "Oliver Twist" kennt) schon früher gewusst hätte, welche Figuren aus dem Dickens'schen Werk stammen. Dann hätte man sich nicht nur mit der Beziehung zwischen Mister Creecher und Billy beschäftigen können, sondern auch mit der Frage, wie der Autor seine Figuren und Details letztlich mit dem bekannten Klassiker vereinen würde. So hingegen gibt es immer wieder Charaktere, bei denen in unübersehbarer Weise vermieden wird, ihren Namen zu nennen, was beim Lesen wirklich irritierend ist.

Auch das Ende des Romans hätte deutlich eindringlicher sein können, wenn Chris Priestley etwas mehr Mut zu Auslassungen gehabt hätte und sich weiter auf seine überaus atmosphärische Erzählweise statt auf den Einsatz von Gewalt verlassen hätte. "Mister Creecher" ist zwar von Anfang an keine Geschichte für zartbesaitete Leser - und das ist auch genau richtig bei einem Roman, der sich um das Schicksal eines Straßenjungen und einer auf unnatürliche Weise erschaffenen Kreatur dreht -, aber die abschließenden brutalen Szenen lassen die bis zu diesem Punkt vorherrschende gruselige Atmosphäre verfliegen und führen zu einer gewissen Unzufriedenheit beim Leser. Da hilft es auch nicht, dass Chris Priestley genau diese Passagen ausgewählt hat, um den Leser über Billys Rolle in der Weltliteratur aufzuklären.

Fazit:

Chris Priestley verwendet für seinen Roman "Mister Creecher" Elemente diverser Literaturklassiker - vor allem von "Frankenstein" und "Oliver Twist". Dabei steht nicht nur die ungewöhnliche Beziehung seiner Protagonisten - des Straßenjungen Billy und des ungewöhnlichen Hünen "Mister Creecher" - im Vordergrund. Auch die atmosphärischen Beschreibungen eines London, das kurz vor der viktorianischen Ära steht und in dem Wissenschaft und Aberglaube ebenso präsent sind wie faszinierender Fortschritt und entsetzliche Armut, machen einen großen Reiz dieser Geschichte aus. Einzig die große "Enthüllung" am Schluss des Romans sowie eine etwas irritierende Neigung zum Auslassen von Namen stören das Lesevergnügen und lassen einen mit dem Gefühl zurück, dass der Autor seine Sache noch etwas besser hätte machen können.
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