Netzhaut 
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Freitag, 27. September 2013

Netzhaut

Originaltitel: Døden ved vann
Übersetzt von: Knut Krüger

Verlag: Knaur
Erschienen: Februar 2013
ISBN: 978-3-426-50579-3
Preis: 9,99 EUR

544 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
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Zum Inhalt:

In Oslo verschwindet die junge Psychologin Mailin spurlos. Liss glaubt zu wissen, wer ihre Schwester entführt hat und warum. Voller Schuldgefühle und blind für jede Gefahr macht sie sich auf die Suche. In Mailins Praxis fehlt die vertrauliche Patientenakte eines Gewalttäters. Als eine verstümmelte Frauenleiche gefunden wird, kreuzen sich die Wege von Liss und den Ermittlern. Doch Liss kann ihnen auf keinen Fall von ihrem ungeheuerlichen Verdacht erzählen.

Meinung:

Nach "Die Bärenkralle" ist "Netzhaut" der zweite Roman von Torkil Damhaug, in dem Kommissar Viken ermittelt. Trotzdem kann man "Netzhaut" auch ohne Vorwissen aus dem ersten Buch lesen, da die Rolle der Polizei in dieser Geschichte nicht so groß ist und die Handlung aus mehreren Perspektiven erzählt wird. Genau genommen teilt sich die Geschichte in vier Abschnitte, denen ein 50-seitiger Prolog vorangestellt ist. Dieser Prolog spielt im Jahr 1996 auf Kreta und zeigt das Leben des damals zwölfjährigen Jo.

Der Junge ist mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern im Urlaub. Dabei wird schnell klar, dass sich Jo für seine Familie schämt und mit der Situation überfordert ist. Seine alkoholkranke Mutter überschreitet ihm gegenüber regelmäßig Grenzen, die nichts mit familiären Gefühlen oder gar mütterlicher Fürsorge zu tun haben, und den Großteil des Tages ist der Junge mit der Betreuung seiner kleineren Geschwister beschäftigt, statt mit anderen Kindern am Strand zu spielen. Umso dankbarer ist er für die Aufmerksamkeit eines - fernsehbekannten - Erwachsenen, der immer wieder Jos Gesellschaft sucht und ihm Ratschläge gibt, wie er sich gegenüber dem Mädchen, in das er sich verliebt hat, verhalten soll.

Die weitere Handlung spielt zwischen November 2008 und Januar 2009 und setzt in Amsterdam wieder ein. Dort studiert die junge Norwegerin Liss eigentlich Design, verbringt aber den Großteil ihrer Zeit mit Modeljobs. Dabei wird dem Leser innerhalb weniger Absätze klar, dass Liss sich in heftige Schwierigkeiten gebracht hat. Der Mann, der ihr die Engagements als Model vermittelt, erwartet von ihr, dass sie sich zusätzlich prostituiert. - außerdem versorgt er sie stetig mit Drogen, denen sie auch kräftig zuspricht. Nur die regelmäßigen Anrufe und Besuche ihrer großen Schwester Mailin bieten Liss noch Halt. So ist es für Liss ungemein erschütternd, als sie erfährt, dass Mailin spurlos verschwunden ist. Davon überzeugt, dass ihrer Schwester etwas Schlimmes zugestoßen sein muss, macht sich Liss auf den Weg nach Oslo, um Mailin zu suchen.

In Torkil Damhaugs Roman "Netzhaut" wimmelt es nur so von gestörten und verzweifelten Charakteren. Dabei gehört regelmäßiger Drogenkonsum ebenso zu ihrem Alltag wie ein teils gleichgültiger, teils abwertender Umgang mit anderen Menschen. Kaum eine Figur scheint eine normale Kindheit gehabt zu haben, stattdessen gibt es immer wieder Hinweise, die auf Kindesmissbrauch oder ähnliche schreckliche Ereignisse in der Vergangenheit hindeuten. Zum Teil ist dies auf Mailins Fachgebiet als Psychologin zurückzuführen, aber auch Figuren, mit denen die junge Frau persönlich statt beruflich zu tun hatte, fallen in dieses Schema.

Während Kommissar Viken und sein Team eine erstaunlich kleine Rolle in diesem Roman spielen und sich auch immer wieder sehr unbeholfen bei den Ermittlungen anstellen, stolpert Liss von einer skurrilen Szene zur nächsten. Verzweifelt (und zum Teil von Drogen berauscht) stürzt sie sich auf das Leben der verschwundenen Schwester, durchstöbert ihre Patientenakten und belästigt ihre Kollegen und Freunde. Trotz dieses laienhaften und ungeplanten Vorgehens bekommt sie immer wieder Informationen, die für die Polizei relevant sein könnten. Doch statt sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen (was allerdings aufgrund einiger Vorfälle in Amsterdam für sie zu Problemen führen könnte), vertraut sie sich hin und wieder der Pathologin Jennifer Plåterud an, die an dem Fall arbeitet.

Obwohl Liss und Mailin, die man nur über Erinnerungen ihrer Schwester, Freunde und Kollegen kennenlernt, sehr interessante Charaktere sind, wird man nicht so recht warm mit ihnen. Trotzdem ist es bewundernswert, wie es Torkil Damhaug gelingt, beim Leser Verständnis für Liss' Verhalten zu erzeugen, indem er immer wieder andeutet, dass ihre Stimmungsschwankungen, ihr Drogenkonsum und ihr rücksichtsloser Umgang mit anderen Menschen ihren Ursprung in einer Kindheit haben, an die sich die junge Frau nicht mehr erinnern kann. Träume, in denen Liss von Mailin vor etwas nicht näher Beschriebenem beschützt, lassen den Leser - gerade aufgrund des immer wieder im Roman aufkommenden Missbrauchs-Themas - über die Geschichte der beiden Frauen spekulieren.

Im Vergleich dazu sind die vorkommenden Polizisten ebenso wie die Pathologin Jennifer erfrischend normal dargestellt. Kommissar Viken hat zwar noch mit Nachwirkungen aus dem Fall mit der "Bärenkralle" zu kämpfen, einer seiner Mitarbeiter ist geschieden und hat ein Verhältnis mit einer älteren Kollegin und Jennifer ist - trotz liebevoller Ehe inklusive Kindern - ihrem Mann untreu, aber nichts davon ist überzogen oder unglaubwürdig dargestellt. Eher machen diese Probleme und Verfehlungen die Figuren realistischer, ohne den Arbeitsalltag groß zu belasten. Die einzigen Missstimmungen im Team wurden durch eine - durch private Kontakte entstandene - ungewöhnliche Informationsweitergabe hervorgerufen, aber auch diese Konflikte führen angenehmerweise nicht zu großen Dramen, sondern unterstreichen eher den Realismus der Personendarstellung.

Insgesamt kann der Autor zwar durch eine reizvolle Grundidee, eine fesselnde Erzählweise und interessante Charaktere punkten, aber leider zieht sich die Handlung auch etwas hin. Hinzu kommt noch eine gewisse Vorhersehbarkeit der Ereignisse, die nicht nur durch den Prolog hervorgerufen wird, der nahelegt, dass Jo und vermutlich auch sein berühmter Urlaubsfreund etwas mit Mailins Verschwinden zu tun haben könnten. Zusätzlich lässt Torkil Damhaug eine Menge Verdächtige auflaufen, deren Namen sich theoretisch zu Jo abkürzen ließen oder die Eigenschaften aufweisen, die man mit den Ereignissen im Prolog in Verbindung bringen könnte. Das alles wird aber so plakativ gemacht, dass der Leser sich viel zu früh sicher sein kann, dass eigenlich nur noch zwei Charaktere als Verdächtige in Frage kommen, was dem Roman doch leider einiges an Spannung nimmt.

Fazit:

Obwohl Torkil Damhaug sich mit "Netzhaut" in mehreren Punkten erfrischend von der Masse der skandinavischen Krimis absetzt, kann der Autor mit seinem Roman den Leser nicht vollständig überzeugen. Er stellt die Polizisten angenehm realistisch dar und hat auch für die extremeren Charaktere in seiner Geschichte ausreichend Hintergründe präsent, um ihre ausufernden Verhaltensweisen zu erklären, aber ein Großteil der Figuren wächst einem trotzdem nicht ans Herz. Dies sorgt dafür, dass man mit einer gewissen Distanz an die Geschehnisse herangeht. Umso unbefriedigender ist es unter diesen Umständen, dass sich die Hinweise auf die Hintergründe des Verschwindens der Psychologin Mailin und die Identität des Täters schnell für den Leser zu einem klaren Bild zusammenfügen, sodass die Spannung deutlich nachlässt und man stattdessen das Gefühl bekommt, dass der Roman einige Längen aufweist.
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