Rubinrotes Herz, eisblaue See 
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Jana Witte   
Dienstag, 12. Juni 2012

Rubinrotes Herz, eisblaue See

Originaltitel: Red Ruby Heart in a Cold Blue Sea
Übersetzt von: Claudia Feldmann

Verlag: Knaur
Erschienen: Dezember 2011
ISBN: 978-3-426-50956-2
Preis: 9,99 EUR

432 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Ein Fischerdorf in Maine in den sechziger Jahren. Hier lebt die junge Florine geborgen bei ihren Eltern und Großeltern - bis ihre geliebte Mutter Carlie von einem Tag auf den anderen verschwindet. Auf einmal ist für Florine nichts mehr wie vorher, alle Nachforschungen führen ins Nichts, und die Frage, ob Carlie tot ist oder freiwillig ihr Zuhause verließ, wird Florine in den nächsten Jahren nicht mehr loslassen. Dass das Leben um sie herum weitergeht, empfindet sie als Zumutung: Ihr Vater nähert sich seiner Jugendliebe wieder an, ihre Großmutter altert zusehends, und ihr bester Freund interessiert sich nur noch für seine neue Freundin. Anrührend und schlagfertig erzählt Florine vom Erwachsenwerden und davon, was es heißt, sich selbst treu zu bleiben

Meinung:

Florine ist 11 Jahre jung, als ihre Mutter Carlie von einem Sommerausflug nicht mehr zurückkehrt. Weder Florine noch ihr Vater oder ihre Großmutter können sich vorstellen, dass Carlie einfach weggegangen ist, aber man findet auch keine Anzeichen für ein Verbrechen. Die zurückgelassene Familie muss mit dem Schwebezustand klar kommen, den diese Art des Verschwindens mit sich bringt: Die Hoffnung, dass Carlie noch lebt und wiederkommt, die Zweifel, dass sie sie doch verlassen hat und die Angst, was ihr passiert sein mag.

Während Florines Vater seinen Kummer mit Alkohol betäubt und Trost bei seiner Jugendliebe Stella sucht, empfindet Florine das als Verrat an Carlie und sich selbst und flüchtet zu ihrer Großmutter. Letztere ist eine lebenskluge Witwe, die mit Liebe, aber auch mit Strenge ihrem Sohn und ihrer Enkelin zu helfen versucht. So rückt sie Florine zum Beispiel den Kopf etwas gerade, als diese daheim Dorftratsch über die Mutter eines Freundes wiederholt.

Florine will nicht akzeptieren, dass ihre Mutter nicht wiederkommt oder tot ist. Dass ihr Vater und Stella beginnen, sich ein eigenes Leben aufzubauen, macht sie wütend und führt zu einigen unschönen Szenen. Und die Sache wird auch nicht einfacher dadurch, dass sie und ihre Freunde in die Pubertät kommen und sich ihre Beziehungen untereinander ändern.

Die coming-of-age-Geschichte spielt in den 60er Jahren in einem kleinen Fischerdorf an der Küste Maines. Die Menschen bilden eine Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt, was Fluch und Segen zugleich ist. Kaum etwas kann geheim gehalten werden, aber auf der anderen Seite sind die Menschen füreinander da. Auf diesen Mikrokosmos konzentriert sich Morgan Callan Rogers in ihrem Debut "Rubinrotes Herz, eisblaue See", während die Ereignisse des Weltgeschehens nur gestreift werden. Manch einem Leser mag die Geschichte dadurch zu ruhig sein, doch gerade dieser unaufgeregte Blick auf das Florines Leben in dieser Gemeinschaft berührt.

Der Leser lernt die Ich-Erzählerin Florine besonders gut kennen, zum Beispiel, wenn sie als Zwölfjährige am Neujahrstag voller Kummer und Sehnsucht dem eisblauen Meer einen rubinroten Anhänger opfert und nach ihrer Mutter ruft. Florine ist eigenwillig und gewinnt nicht unbedingt Sympathiepunkte, aber ihre Frustration, ihre Wut, aber auch ihre Liebe für ihren Vater und ihre Großmutter sind nachvollziehbar. Ebenso sind die Nebencharaktere von der Autorin sorgfältig und einfühlsam gestaltet. Aus Florines Gesprächen, Gedanken und Erinnerungen entstehen nicht nur der liebende und teils überforderte Vater, die geliebte Carlie und die lebenskluge Großmutter. Selbst Florines Freunde und die Jugendliebe ihres Vaters bleiben nicht eindimensional.

Dies alles bewirkt, dass Florine dem Leser ans Herz wächst. Sie wird angesichts ihres Benehmens vielleicht nicht sofort mit offenen Armen vom Leser aufgenommen. Er kann sich aber ihrer Lebensgeschichte auf Dauer ebenso wenig entziehen wie dem Zusammengehörigkeitsgefühl, das in dem Fischerdorf unter den Einheimischen herrscht. Hätte Morgan Callan Rogers sich zudem für die Gegenwartsform entschieden, wäre der Effekt noch unmittelbarer. So wirkt die verwandte Vergangenheitsform abgeklärt und reflektierend, was der Geschichte etwas Kraft nimmt.

Fazit:

Mit "Rubinrotes Herz, eisblaue See" hat Morgan Callan Rogers einen stimmigen coming-ot-age-Roman veröffentlicht. Einfühlsam erzählt die Autorin davon, wie die elfjährige Florine mit dem ungeklärten Verschwinden ihrer Mutter fertig zu werden versucht und in einem Fischerdorf der 60er Jahre aufwächst. Dabei erregt die Geschichte durch die gelungenen Charaktere das Interesse des Lesers und entwickelt trotz ruhig dahinfließender Ereignisse auch Sogwirkung.
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