Der Sommer ohne Männer 
Hörbücher: Unterhaltung Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Jana Witte   
Sonntag, 29. Januar 2012

Der Sommer ohne Männer

Gelesen von: Eva Mattes
Originaltitel: The Summer Without Men
Art der Lesung: ungekürzt
Medienanzahl: 6 CDs

Erschienen: März 2011
ISBN: 978-3-8398-1094-1
Preis: 24,95 EUR EUR
Inhalt
9.0
Sprecher
8.0
Bearbeitung
6.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
8.0

Wertung:
8.0
von 10
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Zum Inhalt:

Die New Yorker Dichterin Mia und der bekannte Neurowissenschaftler Boris haben eine Ehekrise. Boris möchte eine "Pause". Mia stellt fest, dass die Pause vollere Brüste hat als sie und überdies Boris' Laborassistentin ist. Nach einem Nervenzusammenbruch braucht sie eine Pause, fährt allein in ihre Geburtsstadt Bowden, Minnesota, mietet ein möbliertes Haus und verbringt den Sommer in der Nähe ihrer fast neunzigjährigen Mutter. Wenn Mia nicht bei ihrer Mutter ist, sitzt sie zu Hause, schreibt und brütet über den untreuen Boris und die Männer im Allgemeinen. Mit Wut im Bauch und dem Herzen auf der Zunge notiert sie alles zum Thema Liebe, Ehe und Sex, was ihr einfällt.

Meinung:

Siri Hustvedt ist in Deutschland längst keine Unbekannte mehr. Die US-amerikanische Schriftstellerin, die sich unter anderem mit "Was ich liebte" und "Die Leiden eines Amerikaners" einen Namen gemacht hat, veröffentlichte mit "Der Sommer ohne Männer" ihren fünften Roman. Wie ihre früheren Werke erschien auch dieses Buch in der deutschen Übersetzung von Ulrike "Uli" Aumüller.

Die Dichterin Mia und der Wissenschaftler Boris sind über dreißig Jahre verheiratet, als Boris eine "Pause" beansprucht. Für Mia, durch die Jahrzehnte emotional tief verflochten mit ihrem Ehemann, kommt diese Forderung aus heiterem Himmel. Boris, der zuvor durch nichts zu erkennen gab, dass er unglücklich ist, will sich mit der ehelichen "Pause" alle Möglichkeiten offenhalten: die 20 Jahre jüngere französische Kollegin, aber auch - falls dies nicht klappt - die Rückkehr zu seiner Ehefrau. Mia erleidet einen Zusammenbruch und verbringt den Sommer in ihrer Heimatstadt Bonden, wo auch ihre hochbetagte, aber geistig rege Mutter in einem betreuten Wohnheim lebt.

Zwischen Gesprächen mit ihrer Mutter und deren liebenswerten Freundinnen, dem von Mia geleiteten Poesiekurs mit pubertierenden Mädchen und dem Kennenlernen der jungen zweifachen Mutter Lola versucht Mia, sich selbst wiederzufinden. Diese neuen Bekanntschaften fordern Mia auf manche Weise und finden ebenso Eingang in ihr Denken und Fühlen wie ihr Austausch mit einem anonymen E-Mailschreiber oder die Gespräche mit ihrer Therapeutin.

Der Hörer begleitet Mia auf ihrer Suche, die mit der Pause, dem Zusammenbruch und dem in der Klinik begonnenen Journal "Hirnscherben" beginnt. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wie definiere ich mich selbst in meiner Ehe mit Boris vor und nach meinem Zusammenbruch? Das sind nur einige Fragen, die sich Mia in "Der Sommer ohne Männer" stellt. Nach und nach lernt der Hörer Mia besser kennen: Ihm wird ihre Intelligenz offenbart, er erfährt von prägenden Erlebnissen ihrer Kindheit und entdeckt mit ihr Neues über die Beziehung ihrer Eltern. Zum Teil ist das für den Hörer anstrengend, etwa wenn Mia anonym per E-Mail kontaktiert wird und sich hieraus eine philosophische Diskussion entwickelt.

Aber Siri Hustvedts Geschichte lebt auch von Alltäglichem und Kuriosem, wie zum Beispiel der Vorstellung der kleinen Nachbarstochter. Diese trägt ständig eine Perücke und erinnert Mia an einen elektrifizierten Groucho Marx. Ein anderer Punkt ist die Sterblichkeit, die durch Mias hochbetagte Mutter und deren Freundinnen, aus denen besonders Abigail herausragt, allgegenwärtig ist. Abigail ist eine Geschichtenerzählerin besonderer Art - wer andere Romane von Siri Hustvedt kennt, wird hier Vertrautes finden: So ist in Abigails netten, kleinen Handarbeiten viel mehr enthalten, als ein oberflächlicher Blick vermuten lässt. Wer sich Zeit nimmt und ihre Stücke erforscht, erfährt dabei so manches über sie. Und in ähnlicher Weise, nämlich Schicht für Schicht, erhält auch der Hörer Zugang zu weiteren Facetten Mias, sei es durch das Mithören des Tagebuches oder durch das Miterleben des von ihr gegebenen Poesie-Kurses für pubertierende Mädchen.

Siri Hustvedt hat die Ich-Perspektive gewählt und lässt ihre Protagonistin selbst zu Wort kommen. Aber was in der Printversion des Romans funktioniert, ist in der Hörbuchfassung schwieriger zu transportieren. Besonders zu Beginn der Erzählung, aber auch später, fragt sich der Hörer, wo Mia gerade ist. Vielleicht erinnert sie sich in diesem Moment an ihre Zeit in der Klinik oder sie liest aktuell einen Brief ihrer Tochter Daisy. Denkbar ist auch, dass es gerade um eine Episode aus ihrem Leben oder dasjenige ihrer Mutter geht. Möglicherweise verarbeitet Mia gerade lyrisch ihre Emotionen oder zitiert einen Schriftsteller.

Während der Leser des Buches durch die Absatz- bzw. Kapitelgestaltung und auch die Zeichensetzung entsprechende Hinweise erhält, muss das Publikum hier sehr genau hinhören. Und selbst dann wird nicht immer deutlich, ob zwischendurch ein Track endete und ein thematischer Wechsel stattfindet. Gerade während der ersten Tracks des Hörbuches ist es auch schwierig, diese Informationen aus Eva Mattes' Lesung zu entnehmen. Wer den Roman nicht kennt, muss erst in den tagebuchartigen und manchmal fragmenthaften Erzählstil und -rhythmus der Autorin hineinkommen. Für den Hörer wären besonders hier spürbarere Ruhepunkte und noch deutlichere stimmliche Abgrenzugen für den Einstieg in die Geschichte und das Verständnis hilfreich gewesen.

Grundsätzlich wirkt die Hörbuchumsetzung durchaus gelungen. Selbst auf Kleinigkeiten wurde geachtet, so dass Mia in dieser Lesung den Hörer statt den Leser anspricht. Eva Mattes trägt die Erzählung mit ihrer angenehmen Lesestimme wunderbar akzentuiert vor. Abgesehen vom Lesungsbeginn und einigen Szenen der Frustration und des Ärgers, die durch mehr

Nachdruck und Emotionalität stärker gewirkt hätten, passt Eva Mattes' ruhige Erzählweise im Großen und Ganzen zu diesem Selbstfindungsroman. Gegenpole bilden die Anlässe, bei denen Eva Mattes anderen Personen Stimmen verleiht: So wird die kleine Nachbarstochter mit hellem Stimmchen ebenso lebendig wie Mias Tochter Daisy, deren Briefe liebevoll besorgt vorgetragen werden.

Kenner des Romans werden über die kleinen Mängel der Audioumsetzung hinweghören können. Wer "Der Sommer ohne Männer" noch nicht gelesen hat, dem sei etwas Geduld empfohlen. Obwohl die Erzählweise unaufgeregt ist, ist es lohneswert, den Sommer mit Mia in Bonden zu verbringen. Siri Hustvedts überdramatisiert weder Mia noch andere Charaktere dieses Romans, sondern erweckt sie zum Leben: in ihrer Wut und ihrer Frustration, intrigant, abgeklärt, ironisch, mit Witz oder in Hysterie. Und deshalb faszinieren und fesseln Mias Erlebnisse - nach einer Eingewöhnungszeit - auch den Hörer.

Fazit:

Die Hörbuchversion von "Der Sommer ohne Männer" von Siri Hustved wird dem Roman leider nicht vollständig gerecht. In dem Roman wird zwar recht unspektakulär geschildert, wie die Protagonistin Mia nach der Affäre ihres Ehemannes und einem Nervenzusammenbruch versucht, wieder zu sich selbst zu finden. Und hierzu passt grundsätzlich auch Eva Mattes' ruhige Vortragsweise. Aber gerade die Emotionalität, der Ärger auf den Ehemann, hätten auch intensiveren Vortrag vertragen. Hinzu kommt, dass gerade zu Beginn der Audiofassung durch differenzierteres Lesen in Ton und Lautstärke sowie ausgeprägtere Pausen der Einstieg für den Hörer hätte erleichtert werden können. Stattdessen dauert es, bis sich das Publikum in den tagebuchartigen, zeitlich und örtlich hin und her springenden Stil der Autorin hineinfindet.
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