Der Monstrumologe  Redaktionstipp
Bücher: Belletristik Horror
Geschrieben von Konstanze Tants   
Sonntag, 20. Februar 2011

Der Monstrumologe

Originaltitel: The Monstrumologist
Übersetzt von: Axel Franken

1. Band der Reihe

Erschienen: September 2010
ISBN: 978-3-7857-6040-6
Preis: 14,99 EUR

416 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
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Zum Inhalt:

1888: Der Junge Will Henry ist ein Waisenkind und arbeitet als Assistent des kauzigen Dr. Warthrop. Der gute Doktor hat sich auf ein ganz besonderes Gebiet spezialisiert: Er ist Monstrumologe, das heißt, er studiert Monster und macht notfalls Jagd auf sie. Eines Abends kommt ein Grabräuber zu Will und dem Doktor ins Labor. Er hat einen schrecklichen Fund gemacht: eine Leiche, in die sich ein Monster verbissen hat. Der Doktor weiß, diese Monsterart ist äußerst gefährlich, da sie Menschen tötet und sich rasend schnell vermehrt. Und die Einzigen, die nun zwischen diesen Bestien und den Menschen stehen, sind der Doktor und der kleine Will ...

Meinung:

Rick Yanceys Roman "Der Monstrumologe" besticht auf den ersten Blick durch die liebevolle und ungewöhnliche Aufmachung, die Lübbe dem Buch gegönnt hat. Dabei führen das an einen Linolschnitt erinnernde Cover, die schönen Illustrationen und die Tatsache, dass die Hauptfigur ein zwölfjähriger Junge ist, schnell dazu, dass der Käufer bei diesem Roman ein Jugendbuch erwartet. Das ist kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass auch der Autor diesen Titel als Jugendbuch anpreist. Doch weder die Sprache noch die Handlung an sich sind wirklich für Jugendliche geeignet. Stattdessen erwartet einen mit dieser Geschichte eine ungewöhnliche - und im positivsten Sinne altmodische - Horrorgeschichte rund um einen besessenen Wissenschaftler und seinen jugendlichen Assistenten.

Dabei erfährt der Leser die Geschehnisse aus den Tagebüchern des jungen Will Henry, der seit dem Tod seiner Eltern bei dem seltsamen Wissenschaftler Dr. Warthrop lebt. Dr. Warthrop ist ein Monstrumologe und beschäftigt sich mit ungewöhnlichen und gruseligen Vorfällen, immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen über Monster, die von den Menschen unbemerkt die Welt bevölkern. Ziel seiner Arbeit ist nicht nur die Erforschung dieser Wesen, sondern auch ihre Vernichtung zum Schutze der Menschheit. Und obwohl der Doktor dieser Tätigkeit im Geheimen nachgeht, gibt es doch einige Personen in dem kleinen Ort New Jerusalem, die eine Ahnung davon haben, worauf sich der Mann spezialisiert hat. Darunter ist auch ein Leichenräuber, der eines Nachts den toten Körper eines jungen Mädchens bringt, der mit einem unheimlichen Geschöpf fest verbunden zu sein scheint.

Dieses Monster wird von Dr. Warthrop als Anthropophage identifiziert, was den Wissenschaftler nun vor die Frage stellt, wie diese Wesen in den verschlafenen kleinen Ort in New England kommen. Doch vor allem müssen er und Will Henry herausfinden, wo sich - da diese Monster nie alleine leben - die restlichen Anthropophagen befinden und wie man sie ausrotten kann, bevor sie sich über ganz Nordamerika ausbreiten. Auf den gerade mal zwölfjährigen Will Henry warten dabei so einige Schrecken, die der Junge nur mühsam bewältigen kann. Denn obwohl er schon eine ganze Weile für den Doktor arbeitet, hat er sich noch immer nicht an die gruseligen Seiten des Monstrumologen-Daseins gewöhnen können.

Durch seine Augen erlebt der Leser wirklich grauenerregende Szenen und ekelhafte wissenschaftliche Untersuchungen. Gleich auf den ersten Seiten häufen sich detaillierte Beschreibungen der Dinge, die Dr. Warthorp bei der Erforschung des Anthropophagen tun muss und die allesamt nicht gerade appetitanregend sind. Dabei bekommt man nicht das Gefühl, dass Rick Yancey diese Elemente in die Geschichte eingebaut hat, um den großmöglichen Ekelfaktor zu erreichen, sondern weil es notwendig ist, um dem Leser die Natur der Monster - und die damit verbundene Gefahr für die Menschen - deutlich zu machen.

Trotz der interessanten Idee zieht sich die Geschichte im ersten Drittel etwas hin. Rick Yancey verwendet in "Der Monstrumologe" eine ausufernde und veraltete Ausdrucksweise, die dem Handlungszeitraum im Jahr 1888 entsprechen soll. An diese Sprache muss man sich erst einmal ein wenig gewöhnen, ebenso wie an die etwas sperrigen Figuren. Dr. Warthrop ist ein eher gefühlskalter Mann, der den kleinen Will Henry wie einen erwachsenen Dienstboten behandelt und dabei nicht wahrnimmt, dass er den Jungen oft überfordert. Doch vor allem fragt man sich, warum Will Henry nach dem Tod seiner Eltern in den Dienst des Doktors getreten ist, obwohl auch andere - deutlich warmherzigere - Bürger in New Jerusalem sich bereitwillig um ihm gekümmert hätten.

Erst allmählich wird einem klar, dass es eine Verbindung zwischen dem Wissenschaftler und seinem Assistenten gibt, die über die Tatsache hinausgeht, dass Will Henrys Vater schon für Dr. Warthrop gearbeitet hat. Und so zieht einen - nach den ersten Anfangsproblemen - die Geschichte in ihren Bann. Je besser man den Doktor und den Jungen kennenlernt, desto klarer wird es, dass sie mehr verbindet als ein einfaches Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis und dass ihre Beziehung ungemein vielschichtig ist. Auch bringen die ersten greifbaren Informationen über die Herkunft der Anthropophagen und die beginnenden Jagdvorbereitungen deutlich mehr Spannung in die Handlung, sodass man ungeduldig den weiteren Entwicklungen entgegenfiebert.

Rick Yancey ist mit "Der Monstrumologe" eine ganz eigene Geschichte gelungen, die sich angenehm von der Masse der üblichen Horrorerzählungen abhebt. Obwohl der Autor mit ekelhaften Szenen nicht gerade geizt, erinnern der kleine Ort New Jerusalem in New England, Will Henrys Perspektive und die Herkunft der Anthropophagen eher an den subtilen Grusel von H.P. Lovecrafts Erzählungen. So entsteht eine ungewöhnliche, aber reizvolle Mischung aus heftigen Szenen, in denen an Action und Leichen nicht gespart wird, und leicht gruseligen Momenten, die dem Leser Raum lassen, um sich seine eigenen Gedanken über die Hintergründe der Geschichte zu machen.

Fazit:

Obwohl "Der Monstrumologe" vom Autor Rick Yancey als Jugendbuch geschrieben wurde und auch die liebevolle Gestaltung des Verlags den Gedanken an eine jugendliche Zielgruppe nahelegt, ist die Handlung in diesem Roman zu heftig, um für Leser ab 14 Jahren geeignet zu sein. Ältere Leser hingegen dürfen sich an einer ungewöhnlichen Geschichte erfreuen, in der eine fesselnde Mischung aus leichtem Grusel und ekelerregenden Horrorszenen zu spannender Unterhaltung führt, wenn man den etwas sperrigen Anfang hinter sich gebracht hat. Doch vor allem punktet "Der Monstrumologe" durch die Beziehung der beiden Hauptfiguren, Dr. Warthorpe und Will Henry, die sich von Seite zu Seite immer vielschichtiger und interessanter darstellt. Bei einem so faszinierenden Gesamteindruck bleibt zu hoffen, dass auch der nächste Teil rund um Dr. Warthrops Forschungen einen so nachhaltigen Eindruck beim Leser hinterlassen wird.
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