Meine kleine Cityfarm 
Bücher: Sachbuch Erlebtes & Reiseberichte
Geschrieben von Konstanze Tants   
Sonntag, 23. Januar 2011

Meine kleine Cityfarm - Landlust zwischen Beton und Asphalt

Originaltitel: Farm City: The Education of an Urban Farmer
Übersetzt von: Veronika Dünninger

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Oktober 2010
ISBN: 978-3-404-60657-3
Preis: 9,99 EUR

384 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Novella hat einen Traum: Zurück zur Natur mit einem eigenen kleinen Bauernhof. Aber würde sie dafür aufs Land ziehen? Weit weg von Kneipen, Konzerten und Freunden? Niemals! Der Ort, der Novellas Träume vereint, befindet sich unweit der Autobahn, umgeben von Beton und Werbetafeln, verruchten Kaschemmen und exzentrischen Nachbarn. Doch wie macht man aus einer zugemüllten Brachfläche eine blühende Oase mit glücklichen Hühnern und Schweinen? Und wie aus Schweinen Salami? Bewaffnet mit Büchern und guten Ratschlägen und unglaublichem Tatendrang, aber ohne die leiseste Ahnung von Landwirtschaft, macht sie sich ans Werk.

Meinung:

In "Meine kleine Cityfarm - Landlust zwischen Beton und Asphalt" schildert die Amerikanerin Novella Carpenter ihre Erlebnisse bei dem Versuch, mitten in der Stadt selbst Gemüse zu ziehen und Nutztiere zu halten. Als Tochter zweier Hippies, deren Ideal es war, ursprünglich und als Selbstversorger zu leben, hatte Novella ihre ersten Lebensjahre auf einer Farm verbracht. Vor allem sind ihr aus dieser Zeit die Geschichten ihrer Mutter in Erinnerung geblieben - und das Bedürfnis nach dem abwechslungsreichen Leben in der Stadt. Doch blieb in ihr immer die Sehnsucht nach der Natur, danach, etwas mit eigenen Händen anzubauen und zu wissen, woher die Nahrung kommt, die man Tag für Tag zu sich nimmt.

Nach ersten Erfahrungen als Hobby-Imkerin fand sie gemeinsam mit ihrem Freund Bill eine kleine Wohnung in einem Ghetto von Oakland, in dem sich Novella anfangs nachts nicht einmal allein auf die Straße traute. In dieser Stadt am östlichen Ufer der Bucht von San Francisco, die vor allem aufgrund ihrer hohen Kriminalitätsrate immer wieder in die Schlagzeilen gerät, fühlten sich die beiden von der heruntergekommenen Atmosphäre ebenso angezogen wie von der Möglichkeit, eine benachbarte Brachfläche zu besetzen und als Garten zu nutzen.

Und so kann der Leser voller Erstaunen, Belustigung und Faszination in "Meine kleine Cityfarm" verfolgen, wie Novella Carpenter und ihr Freund Bill aus einem heruntergekommenen und vermüllten Stück Land eine kleine Cityfarm erschufen. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Gemüsegarten angelegt, dann kamen nach und nach ein neuer Bienenstock, Legehennen und anderes Geflügel dazu, bis sich Novella Carpenter an einer Kaninchenzucht und der Schweinehaltung versuchte.

Dabei verschweigt die Autorin nicht die Schwierigkeiten, die das Halten von Nutztieren in einer Stadt mit sich bringt: Von irritierten Nachbarn, die einen entflogenen Truthahn in ihrem Garten vorfinden, und einem entlaufenen Schwein, das zu einem Verkehrsrisiko wird, liest man ebenso wie von Beschwerden über den Lärm und Gestank und von den Anstrengungen, die Novella Carpenter und ihr Freund auf sich nehmen müssen, um günstig an Futter für die Tiere zu kommen. Da wird an einer Stelle neben der am Vortag noch ein Mord passiert ist, Unkraut für das Geflügel gezupft, und Abend für Abend geht es los, um die Mülltonnen in Chinatown zu plündern, damit die Schweine gefüttert werden können.

Auf der anderen Seite bietet ihre kleine Landwirtschaft auch Möglichkeiten für ihre Nachbarn. So verteilt die Cityfarmerin freigiebig die Erzeugnisse ihres Gartens unter den Nachbarn (auch, um die Beschwerden über die Belästigung durch die Tiere geringer zu halten), ermöglicht den Stadtkindern, mal ein Kaninchen auf den Armen zu halten oder ein Schwein beim Fressen zu beobachten, und unterstützt mit ihrer wöchentlichen Salatlieferung ein soziales Projekt für Schüler. Oder sie erinnert einige ihrer asiatischstämmigen Nachbarn an ihre Heimat, wo kleine Gemüsegärten oder Hühner- und Kaninchenhaltung im Hinterhof eines Stadthauses üblich sind.

Dieser Austausch über Kindheitserinnerungen und unterschiedliche Gebräuche macht ebenso einen großen Reiz des Buches aus wie das Wissen, das man über Gemüseanbau, Landwirtschaftsgeschichte und die Zucht und Verarbeitung von Schlachtvieh aufnimmt. Wie auch bei Bill Bufords Erlebnisbericht "Hitze" spürt man auf jeder Seite die Besessenheit Novella Carpenters und ihre Begeisterung für den Geschmack und die Qualität des selbstproduzierten Essens. Dieser Enthusiasmus ist nicht nur ansteckend, sondern man beginnt während des Lesens von "Meine kleine Cityfarm" auch darüber nachzudenken, woher wohl die eigenen Nahrungsmittel stammen und ob man nicht auch einen Teil davon selbst produzieren könnte.

Dabei sind die Schilderungen von Bienen, die betäubt auf dem Wohnzimmerboden liegen und Bewohner und Besucher in diverse Körperteile stechen, ebenso wenig ermutigend wie die Darstellung von Schlachtversuchen oder dem Durchwühlen der Mülltonnen. Auch stolpert man immer wieder über Aussagen und Ansichten der Autorin, die einen irritieren oder bei denen man sich wünscht, Novella Carpenter würde weniger blauäugig handeln und denken.

Trotz ihres großen Interesses ist die Autorin keine geübte Landwirtin. Sie besaß keine Erfahrungen mit Nutztieren, bevor sie begann, diese in ihrem Garten zu halten. Ihr Wissen stammt zum größten Teil aus Büchern und häufig erwecken ihre Schilderungen das Gefühl, dass sie sich erst ein Tier angeschafft hat - und sich danach erst darüber informierte, wie sie damit umzugehen hatte. Diese Naivität im Umgang mit Lebewesen ist vielleicht ihre einzige Möglichkeit gewesen, um überhaupt so eine Cityfarm zu verwirklichen, stößt einen verantwortungsbewusst denkenden Leser aber immer wieder vor dem Kopf.

Auch betont die Autorin regelmäßig, dass in Kalifornien - dank des warmen Wetters - einfach alles wachsen würde, solange man es regelmäßig gießt. In Deutschland dürfte einen der Gemüseanbau allein schon aufgrund der klimatischen Bedingungen doch vor ein paar größere Probleme stellen. Trotzdem verlocken all die positiven Erfahrungen von Novella Capenter, ebenso wie das Wissen, das in diesem Buch zwischen den Zeilen vermittelt wird, zu einem Selbstversuch - und sei es zu Beginn nur mit einem Kräuterkasten auf dem Fensterbrett.

Fazit:

"Meine kleine Cityfarm" ist ein amüsanter, lehrreicher und faszinierender Bericht über Novella Carpenters Bemühungen, mitten in einem Ghetto von Oakland Gemüse anzubauen und Nutztiere zu halten. Die Begeisterung der Autorin für den Geschmack und die Qualität der selbstangebauten Lebensmittel steckt ebenso an wie ihre Neugier bezüglich Herkunft und Verarbeitung von Gemüse- und Obstsorten sowie Nutztieren. Obwohl einige Passagen eher dazu angehalten sind, von einem Selbstversuch abzuschrecken, wird der Leser nach der Lektüre dieses Buches anders über sein Essen denken - und sich vielleicht sogar ermutigt fühlen, selbst seine Nahrung anzubauen oder etwas herzustellen, was er normalerweise (ohne groß darüber nachzudenken) im Laden kaufen würde.
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