Mein hungriges Herz 
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Konstanze Tants   
Dienstag, 19. Oktober 2010

Mein hungriges Herz

Originaltitel: Mangez-moi
Übersetzt von: Andrea Spingler

Verlag: Knaur
Erschienen: Juli 2010
ISBN: 978-3-426-63833-0
Preis: 8,95 EUR

336 Seiten
Inhalt
5.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
5.3

Wertung:
5.3
von 10
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Zum Inhalt:

Seit Myriam von ihrer Familie verstoßen wurde, sucht sie nach einem neuen Sinn in ihrem Leben. Nach Jahren zielloser Wanderschaft eröffnet sie in Paris ein kleines Lokal namens "Chez moi". Das ungewöhnliche Restaurant, das die Fantasie und Eigenwilligkeit seiner Besitzerin spiegelt, wird schnell zum Lieblingstreffpunkt des Viertels und Myriam findet in ihren Nachbarn und Gästen eine neue Familie. Doch kann man die Vergangenheit einfach so hinter sich lassen?

Meinung:

"Mein hungriges Herz" von Agnès Desarthe ist ein Buch, das den Leser nicht auf den ersten Blick verzaubert. Die Erzählweise der Autorin ist ebenso sperrig und verwirrend wie ihre Hauptfigur Myriam und nur wer sich durch die ersten Kapitel hindurchkämpft, wird später mit kleinen Einblicken in das Leben der Köchin belohnt. Myriam ist eine seltsame Person: Auf der einen Seite lässt sie sich scheinbar durch das Leben treiben, auf der anderen Seite hat sie zu Beginn der Geschichte genug Energie entwickelt, um all die nötigen Unterlagen für den Erhalt eines Bankkredits und die Eröffnung eines kleinen Restaurants zu fälschen.

Mit diesem Restaurant, dem "Chez moi", will Myriam sich nicht nur einen Traum erfüllen, sondern auch einen Sinn in ihr Leben bringen. Schon ab den ersten Seiten klingt ihre Einsamkeit im Leser nach. Obwohl man anfangs nicht weiß, was ihr zugestoßen ist, wird doch schnell deutlich, dass es einen schlimmen Vorfall in ihrem Leben gab, der dafür sorgte, dass sie von ihrer Familie verstoßen wurde. Aber auch vor diesem Ereignis scheint sich Myriam als Außenseiterin gefühlt zu haben, denn zwischen den Zeilen liest man, dass sie ihren Mann vor allem deshalb geheiratet hat, um durch ihn ein normales Leben zu führen.

Trotz ihrer Liebe zum Kochen und ihrer Aufmerksamkeit gegenüber ihren Gästen und den benachbarten Geschäftsinhabern hat Myriam mit ihrem Restaurant schnell Probleme. Sie kauft zu großzügig ein, hat kein Gefühl dafür, welche Rechnungen dringend bezahlt werden müssen - und versucht vor der Nachbarschaft zu verbergen, dass sie so pleite ist, dass sie in ihrem Restaurant schlafen muss. Erst mit Ben, einem Studenten, der als Kellner im "Chez moi" anfängt, kommt Struktur in Myriams Geschäftsführung und es stellen sich die ersten (finanziellen) Erfolge ein.

So anrührend die Geschichte eigentlich ist, so mühsam erschließt sie sich dem Leser. Agnès Desarthe lässt einen lange Zeit darüber im Dunkeln, was Myriam zugestoßen ist. Dafür muss man seitenweise die Unsicherheit und die wirren Gedankengänge dieser Figur verfolgen. So versucht die Köchin immer wieder, sich und ihre Umgebung zu analysieren, vergleicht sich mit einem Hund, der aus dem Raster fällt und von einem Kind mit einem Bären oder einer Katze verwechselt wird, und erzählt von Büchern, an deren Titel und Autoren sie sich nicht mehr erinnert.

Auch Szenen mit Myriams Bruder Charles verwirren den Leser mehr, als dass sie Licht in die rätselhafte Vergangenheit der ungewöhnlichen Köchin bringen. Das führt weniger dazu, dass man neugierig auf das nächste Informationshäppchen wartet, sondern sorgt dafür, dass man der verschlungenen Erzählweise müde wird und sehnsüchtig auf eine greifbare Szene wartet, die einem Myriam und ihr Umfeld wieder etwas näher bringt.

Erst gegen Ende des Romans, als Myriams Leben von den Menschen in ihrer Umgebung so weit in die Hand genommen wird, dass sie weniger haltlos durch ihren Alltag irrt, wird diese verlorene Frau auch für den Leser greifbarer. Jetzt sind es nicht mehr die liebevoll beschriebenen Nebenfiguren, die den größten Reiz auf den Leser ausüben, sondern ab diesem Punkt ist Myriam so weit real geworden, dass man mit ihr hofft und bangt, dass alles für sie doch noch gut ausgehen wird. Diese sehr langsam vonstatten gehende Entwicklung und die verschnörkelte Erzählweise der Autorin sorgen dafür, dass dieser Roman nur denjenigen zu empfehlen ist, die viel Geduld für diese Geschichte und die ungewöhnliche Köchin Myriam mitbringen.

Fazit:

Agnès Desarthes Roman "Mein hungriges Herz" stürzt den Leser schon nach wenigen Seiten in Verwirrung. Die Hauptfigur Myriam hat in ihrem Leben etwas Schlimmes erlebt und ist seitdem von ihrer Familie getrennt. Doch statt neugierig darauf zu sein, was denn nun genau geschehen ist, fühlt man sich beim Lesen dieser Geschichte ständig in die Irre geführt und von den seltsamen Betrachtungen Myriams abgelenkt. So sorgen bis kurz vor Ende des Romans vor allem die Nebenfiguren, die sich liebevoll um Myriam und ihr Restaurant kümmern, dafür, dass man der Handlung weiter folgen mag. Erst zum Schluss fühlt man sich wirklich von Myriam und ihrem Schicksal berührt und so braucht es schon sehr viel Geduld und die Bereitschaft, sich auf die philosophischen Gedanken Myriams und die ungewöhnliche Erzählweise der Autorin einzulassen, um dieses Buch genießen zu können.
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