Die Totensammler 
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Freitag, 15. Oktober 2010

Die Totensammler

Originaltitel: The Resurrectionists
Übersetzt von: Christine Naegele

2. Band der Reihe

Untergenre: Historischer Roman
Verlag: Heyne
Erschienen: Februar 2008
ISBN: 978-3-453-47030-9
Preis: 8,95 EUR

480 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
Jetzt kaufen



Zum Inhalt:

London zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die unruhige, rasant wachsende Metropole wird von düsterem Gesindel bevölkert. Als in einem Irrenhaus eine seltsam entstellte Leiche gefunden wird, ermittelt der exzentrische Sonderermittler Hawkwood in der verruchten Unterwelt Londons. Dort stößt er auf ein unfassbares, grauenhaftes Experiment.

Meinung:

"Die Totensammler" ist der zweite Kriminalroman von James McGee rund um den ungewöhnlichen Bow Street Runner Matthew Hawkwood. Dabei hat der Sonderermittler gleich zwei unappetitliche Fälle zu bearbeiten: Auf der einen Seite muss Hawkwood einen Mord im "Bethlehem Royal Hospital" (Bedlam) untersuchen, bei dem anscheinend ein Pfarrer einen der dort lebenden Geisteskranken umgebracht hat, und auf der anderen Seite muss er sich mit einem Toten auf einem Friedhof beschäftigen.

Natürlich sind Leichen auf einem Friedhof keine Seltenheit, aber es ist schon ungewöhnlich, dass der junge Edward Doyle gerade an diesem Ort gehenkt und gekreuzigt wurde. Schnell steht für Matthew Hawkwood fest, dass der Tote zu einer Bande von Leichenräubern gehörte, die ihr Geld damit verdienen, frisch ausgegrabene Leichname an die anatomischen Schulen Londons zu verkaufen. Doch ob der junge Mann von seinen eigenen Kumpanen oder einer der gegnerischen Banden getötet wurde, ist erst einmal nicht so leicht herauszufinden.

Auch der Fall in Bedlam stellt sich als deutlich komplizierter heraus als anfangs erwartet. Während bald klar ist, dass Reverend Tombs nicht der Mörder, sondern das Opfer war, erweist sich der geflohene Geisteskranke, Colonel Titus Hyde, als erstaunlich gerissen. Doch eins haben die beiden Fälle, mit denen sich Matthew Hawkwood beschäftigen muss, gemeinsam: Sowohl die Leichenräuber als auch Colonel Titus Hyde haben Verbindungen zu den führenden Medizinern ihrer Zeit. Während die Diebe den Chirurgen das Material für anatomische Studien liefern, hatte sich der ehemalige Militärarzt Hyde auf dem Schlachtfeld medizinisch weitergebildet - und setzt immer noch alles daran, sein dort erworbenes Wissen anzuwenden.

"Die Totensammler" ist keine Geschichte für sensible Gemüter, denn Matthew Hawkwood stapft bei seinen Ermittlungen knietief in Blut, Gedärmen, Fäkalien und anderem Unrat, der in Londons dunkelsten Gassen liegt. Doch was bei anderen Autoren schnell so wirkt, als ob durch den Ekeleffekt der Leser gefesselt werden soll, scheint bei James McGee nur ein Mittel zu sein, um das historische London real werden zu lassen. So liegt der Schwerpunkt dieses Buches auch weniger auf der Krimihandlung als auf der Darstellung der Slums von London.

Matthew Hawkwood muss in den Bereichen der Stadt nach den Leichenräubern suchen, in denen das Gesetz des Stärkeren regiert. Hier haben die Verbrecher das Sagen und herrschen über diejenigen Teile der Bevölkerung, die aufgrund ihrer Armut keinen Ausweg aus ihrer Situation mehr sehen. So trifft der Runner auf verzweifelte Huren, alkoholsüchtige Arbeiter und einen Haufen skrupelloser Verbrecher, die vom Leid ihrer Umgebung profitieren. Aber nicht nur in diesen Schichten ist die Habgier zuhause, denn das Geschäft des Leichenraubes geht doch deutlich einfacher von der Hand, wenn man einen korrupten Friedhofswächter oder Küster als Informationsquelle nutzen kann.

Neben der Darstellung dieser düstersten Seite Londons konzentriert sich James McGee vor allem auf medizinische Erkenntnisse und Behandlungsmethoden vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Für den modernen Menschen ist es erschreckend, mit welchen Mitteln die Patienten behandelt und unter welchen Bedingungen Kranke gepflegt wurden - und doch klingt immer wieder das Bedürfnis der Mediziner nach weiterem Wissen, nach Forschung und besseren Behandlungsmethoden durch.

Obwohl einige Handlungsstränge sehr durchschaubar angelegt sind, fesselt "Die Totensammler" durch die atmosphärischen Darstellungen des Lebens in den Londoner Slums und durch die detaillierten Beschreibungen der Medizin dieser Zeit. Auch der unabhängige Charakter von Matthew Hawkwood, der zwar für Recht und Gesetz arbeitet, sich aber eher an seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hält, ist so reizvoll ausgearbeitet, dass dieser Roman Lust auf weitere Geschichten rund um den ungewöhnlichen Runner macht.

Fazit:

Als reiner Kriminalroman kann "Die Totensammler" von James McGee bedauerlicherweise nicht überzeugen, obwohl die Geschichte rund um den Bow Street Runner Matthew Hawkwood recht interessant ist. Doch vor allem liegt die Stärke des Autors darin, dem Leser zu zeigen, wie das Leben in den Londoner Slums gegen Anfang des 19. Jahrhunderts war und wie weit damals die medizinische Forschung vorangeschritten war. So ist dieser Roman definitiv nichts für empfindliche Gemüter, da chirurgische Eingriffe ebenso detailliert beschrieben werden wie das Handwerk von Leichenräubern und ihr Umgang mit ihrer "Ware". Aber wer sich an solch ekligen Beschreibungen nicht stört, bekommt eine atmosphärische Geschichte, die das historische London aus einer ungewöhnlichen Perspektive beleuchtet.
Weiterführende Infos