Die geheime Sammlung  Redaktionstipp
Bücher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Konstanze Tants   
Donnerstag, 2. September 2010

Die geheime Sammlung

Originaltitel: The Grimm Legacy
Übersetzt von: Momo Evers und Falk Behr

Untergenre: Fantasy
Verlag: PAN
Erschienen: Mai 2010
ISBN: 978-3-426-28331-8
Preis: 14,95 EUR

352 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
8.0

Wertung:
8.0
von 10
Jetzt kaufen



Zum Inhalt:

Es ist nicht leicht, eine Außenseiterin zu sein. Doch dann bekommt Elizabeth einen Aushilfsjob in einem besonderen Museum, dem "Repositorium der Verleihbaren Schätze", in dem man Kunst und Krempel, Wertvolles und Verrücktes ausleihen kann. In den geheimnisvollen Lagerhallen findet Elizabeth endlich Freunde, die bereit sind, mit ihr durch dick und dünn zu gehen. Und die braucht sie dringender, als sie geahnt hat - denn verborgen im Keller gibt es noch eine geheime Sammlung, deren Schätze ungewöhnliche Kräfte haben ...

Meinung:

Mit dem Jugendbuch "Die geheime Sammlung" lässt Polly Shulman ihre Leser zusammen mit der Hauptfigur Elizabeth erstaunliche Dinge entdecken. Die Schülerin einer New Yorker Highschool hat es gerade nicht sehr leicht: Ihre beste Freundin ist nach Kalifornien gezogen und Elizabeth musste auf eine andere Schule wechseln und ihren geliebten Ballettunterricht aufgeben, da ihr Vater für diesen kein Geld mehr hat. Denn er hat vor einiger Zeit zum zweiten Mal geheiratet und finanziert nun die Collegeausbildung seiner beiden Stieftöchter.

Elizabeth fühlt sich zurückgesetzt, nicht nur, weil sie für die beiden Stiefschwestern auf das Ballett verzichten musste, sondern auch, weil ihr Vater seit der Heirat kaum noch Zeit für sie hat. Nach dem Tod ihrer Mutter waren die beiden ein gutes Team, hatten alles miteinander geteilt und ihr Vater war nur für Elizabeth da. Der Leser bekommt schnell mit, dass es dem Mädchen nicht richtig schlecht geht, aber wohl fühlt es sich in seiner neuen Familie definitiv nicht. Da ist es kein Wunder, dass sich Elizabeth gern mit den Dingen beschäftigt, die ihrer leiblichen Mutter am Herzen lagen, wie zum Beispiel die Märchen der Gebrüder Grimm. So wählt sie auch dieses Thema, als ihr Lehrer für europäische Geschichte, Mr. Mauskopf, seinen Schülern über die Weihnachtsferien einen Aufsatz aufgibt.

Diese Ausarbeitung zu den Grimmschen Märchen scheint dann auch ihren Lehrer dazu zu bewegen, sie für einen Nebenjob im "Repositorium der Verleihbaren Schätze" zu empfehlen. Für Elizabeth ist diese Tätigkeit in der ungewöhnlichen Bibliothek nicht nur die Chance, Geld zu verdienen, sondern auch eine Möglichkeit, Freunde zu finden. Gleich am ersten Tag stellt die Schülerin fest, dass Marc Merritt, der beliebte Basketballstar ihrer Schule, auch zu denjenigen gehört, die als "Pagen" im Repositorium arbeiten - und ihn würde Elizabeth nur zu gern näher kennenlernen.

Aber das Mädchen kommt auch schnell dahinter, dass es überaus geheimnisvolle Bereiche in den Archiven dieser seltsamen Bibliothek gibt, die nicht für jeden zugänglich sind. Außerdem geht ein Gerücht um, nach dem ein großer Vogel durch die Flure streicht, Wertgegenstände stiehlt und sogar Angestellte des Repositoriums entführt. Als Elizabeth dann noch in die Geheimnisse der "Sondersammlungen" eingeweiht wird und feststellt, dass es einige der magischen Gegenstände aus der grimmschen Märchenwelt wirklich gibt - und jemand versucht, diese zu stehlen -, versucht sie zusammen mit ihren neuen Freunden alles, um die Kostbarkeiten zu schützen.

Zwei negative Punkte lassen sich an diesem Buch leider nicht übersehen. Zum einen gibt es gleich zu Beginn der Geschichte einen unschönen Patzer, als Elizabeths Lehrer sich im Januar auf ein Ereignis vor den Weihnachtsferien bezieht und meint, dass dies gestern geschehen sei. Und dann sind die Zeitsprünge in der Handlung manchmal recht verwirrend, da sie häufig nicht einmal durch einen deutlich erkennbaren Absatz angezeigt werden und immer wieder dafür sorgen, dass sich der Leser neu orientieren muss.

Von diesen beiden Kritikpunkten abgesehen ist "Die geheime Sammlung" ein rundum gelungener, wunderschöner Roman geworden, der den Leser in eine moderne märchenhafte Welt entführt. Wie es sich für die Heldin eines Märchens gehört, ist Elizabeth ein wirklich nettes Mädchen. Gleich in der ersten Szene erlebt der Leser, wie die Schülerin ihre Turnschuhe an eine Obdachlose verschenkt, damit diese bei dem bitterkaltem Wetter nicht in Sandalen durch den Schnee laufen muss. Und auch in ihrer Zuneigung ist Elizabeth sehr beständig - was allerdings auch manchmal dazu führt, dass sie gegen ihr Gewissen und ihren Verstand handelt, weil sie versucht, ihre Kollegen zu beschützen.

Durch die Arbeit für das "Repositorium der Verleihbaren Schätze" lernt Elizabeth einige neue Freunde kennen - und findet heraus, dass auch das Leben eines so beliebten Sportlers wie Marc nicht ganz so rosig ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen dem Mädchen und seinen Kollegen Anjali, Marc und Aaron wird von der Autorin glaubwürdig und nachvollziehbar beschrieben, ebenso wie Elizabeths Schwärmerei für Marc und ihre sich verändernden Gefühle, als sie diesen besser kennenlernt.

Doch vor allem zieht einen die ungewöhnliche Umgebung des "Repositoriums" in ihren Bann. Schon allein der Gedanke, dass es eine solche "Bibliothek" geben könnte, in der man absolut alles ausleihen kann, was man benötigen könnte - oder zumindest einmal in den Händen halten möchte - ist überaus reizvoll. Kostbare Teppiche, Originalkleidung der verschiedensten historischen Persönlichkeiten und andere einmalige Stücke befinden sich dort in den Archiven. Doch die Krönung des Ganzen sind die ungewöhnlichen Sammlungen wie die, in der sich die magischen (und nicht magischen) Gegenstände aus den Märchen der Gebrüder Grimm befinden oder Erfindungen, die aus Büchern des Autors H.G. Wells oder der technischen Welt des William Gibson stammen.

Die damit verbundenen Möglichkeiten beflügeln die Fantasie des Lesers und führen für Elizabeth zu so einigen abenteuerlichen Erlebnissen. Dabei steht die ganze Zeit über die Frage im Raum, wer diese einmaligen Schätze aus dem "Repositorium" stiehlt und welcher der Mitarbeiter vertrauenswürdig ist. So kommt das Ende der Geschichte für so manchen Leser vielleicht etwas zu leicht und glatt daher. Doch Polly Shulman bleibt mit der von ihr gewählten Wendung lediglich dem märchenhaften Ton der gesamten Geschichte treu und bedient sich bewährter Elemente aus der Sagenwelt, um die Situation für Elizabeth und ihre Freunde zu einem glücklichen Ende zu führen.

In gewisser Weise ist der Erzählstil von Polly Shulman etwas altmodisch: Die Handlung wartet nur mit wenigen actionreichen Szenen auf und entwickelt sich eher gemächlich, die Figuren sind liebenswert, aber auch recht stereotyp, und oft hat man das Gefühl, dass das Augenmerk mehr auf kleinen, detailliert beschriebenen Momenten als auf einem mitreißenden Handlungsbogen liegt. So ist "Die geheime Sammlung" wohl eher für geduldige Leser geeignet, die nicht von einer rasanten Szene zur nächsten eilen, sondern sich einfach nur auf die magische Umgebung des "Repositorium der Verleihbaren Schätze" einlassen und sich an den vielen fantastischen Ideen der Autorin erfreuen können.

Fazit:

Polly Shulmans Roman "Die geheime Sammlung" erzählt eine eher leise und sehr märchenhafte Handlung rund um die Schülerin Elizabeth und ihren Nebenjob im geheimnisvollen "Repositorium der Verleihbaren Schätze". Liebenswerte Charaktere, magische Gegenstände und die Frage, wer die Kostbarkeiten des Grimm-Sammelsuriums stiehlt, werden von der Autorin zu einer so reizvollen Geschichte verwoben, dass einem die kleinen Kritikpunkte in dem Roman (wie die häufigen Zeitsprünge) beim Lesen kaum auffallen. Wer nicht unbedingt rasante Abenteuer sucht, sondern einen zauberhaften Jugendroman lesen mag, wird mit der "geheimen Sammlung" ein paar wunderbare Lesestunden erleben können.
Weiterführende Infos
Leseprobe