Kick it in Kabul 
Bücher: Sachbuch Kultur & Zeitgeschehen
Geschrieben von Konstanze Tants   
Freitag, 10. September 2010

Kick it in Kabul - 8 Mädchen, 1 Ball und der Traum von Freiheit

Originaltitel: However Tall the Mountain
Übersetzt von: Ingrid Exo

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Mai 2010
ISBN: 978-3-404-61667-1
Preis: 7,99 EUR

254 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
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Zum Inhalt:

Laila. Freshta. Samira. Miriam. Deena. Nadia. Ariana. Robina. Acht Mädchen, mit denen alles begann. Acht Mädchen, die Verständnislosigkeit, Verachtung und Verfolgung riskiert haben, um das zu tun, was sie am meisten lieben - Fußballspielen. Und sie haben es geschafft: In einem Land, in dem Frauen vor wenigen Jahren noch in Sportstadien hingerichtet wurden, weil sie Nagellack trugen, wird ihnen heute zugejubelt, weil sie Tore schießen. Dies ist die Geschichte der ersten Frauen-Fußballmannschaft Afghanistans. Sie ist geprägt von Mut und Hoffnung, Kampf und Widerstand, Freundschaft und Teamgeist - und vom Glauben an ein Land, das für so viel mehr steht als Krieg und Gewalt.

Meinung:

Die meisten Bücher, die sich mit Afghanistan und einzelnen Schicksalen dort beschäftigen, werden von Menschen geschrieben, die nicht in diesem Land leben. Das führt dazu, dass man als Leser solcher Bücher immer nur einen kleinen Bildausschnitt präsentiert bekommt und sich fragen muss, inwieweit das Erzählte die Realität in diesem von Kriegen gebeutelten Land darstellen kann. Awista Ayub ist eine Afghani-Amerikanerin, ihre Eltern flohen mit ihr und den anderen Familienmitgliedern aus Afghanistan, als Awista zwei Jahre alt war, und so kannte sie ihr Geburtsland lange Zeit nur aus den Berichten der älteren Familienmitglieder und den Meldungen der Nachrichtenmagazine.

Nach Ende der Taliban-Herrschaft wuchs in Awista Ayub der Wunsch, etwas für die Mädchen in Afghanistan zu tun, die so lange Jahre keine Chance auf ein normales Leben gehabt hatten. Da die Autorin sich sehr für Sport interessiert, kam ihr der Gedanke, dass sie ein Fußball-Camp für eine kleine Gruppe afghanischer Mädchen ausrichten könnte. Zusammen mit vielen freiwilligen Helfern gelang es ihr im Jahr 2004, acht Mädchen für drei Monate nach Amerika zu holen und ihnen nicht nur die Grundlagen des Fußballspiels beizubringen, sondern sie auch ein kleines bisschen in die westliche Welt einzuführen.

Erst einige Jahre später sollte Awista Ayub bewusst werden, welch eine Veränderung sie mit diesem Fußball-Camp im Leben der Afghaninnen ausgelöst hatte. In "Kick it in Kabul" gibt die Autorin vor allem Berichte einiger dieser Mädchen wieder, die nach Amerika gereist waren. Durch ausführliche Interviews mit ihnen und ihren Familien versuchte Awista Ayub ein möglichst wahrheitsgetreues Bild vom Leben dieser jungen Frauen zu bekommen. Durch die Augen von Samira, Robina, Freshta, Laila, Ariana und Miriam bekommt der Leser einen kleinen Einblick in das Leben dieser modernen afghanischen Mädchen, deren gesamtes Leben von Kriegshandlungen und der Herrschaft der Taliban bestimmt war. So bieten die verschiedenen Familien dieser jungen Frauen auch einen interessanten Querschnitt durch die afghanische Bevölkerung.

Samiras Vater zum Beispiel war vor der Herrschaft der Taliban Ausbilder bei der Polizei. Für ihn war es immer wichtig, dass seine Kinder - und zwar auch die Mädchen - eine gute Bildung erhalten und Sport treiben. Auch unter den Augen der Taliban versuchte er weiterhin seine Familie zu unterrichten und täglich mit ihnen Gymnastik zu machen, damit sie gesund und fit blieben. So war die Reise nach Amerika in den Augen ihrer Eltern für Samira eine einmalige Chance, neue Erfahrungen zu machen und selbstständiger zu werden.

Auf der anderen Seite erfährt man von Miriams Familie, deren Oberhaupt nach dem viel zu frühen Tod des Vaters der ältere Bruder Ahmad ist. Für ihn zählen bei einem Mädchen nur all die Tugenden, die für eine gute Ehefrau notwendig sind. Nur das Engagement ihrer Mutter ermöglicht es Miriam, überhaupt eine Schule besuchen zu dürfen. Und um die Reise nach Amerika antreten zu können, musste das Mädchen seine Familie belügen und angeben, dass es dort an einem Englischkurs teilnehmen sollte.

Aber nicht nur diese beiden gegensätzlichen Beispiele ermöglichen dem Leser einen kleinen Blick in den afghanischen Alltag. Beiläufige Sätze zeigen, dass kein Bewohner Kabuls sich in eine große Menschenmenge traut, weil sich dort jederzeit ein Attentäter einfinden könnte. Man erlebt Mädchen, die weinend zu ihren Müttern laufen, weil die konservativen Nachbarn sie wegen der Jeans, die sie tragen, beschimpfen. Und Afghanen, die auf der anderen Seite der Grenze in Pakistan aufgewachsen sind, finden sich nach ihrer Rückkehr kaum noch in ihrem Heimatland zurecht.

So unterschiedlich die Mädchen und ihre Hintergründe auch sind, so haben sie sich doch über das Fußballspiel angefreundet. Nicht jede von ihnen war vor der Reise nach Amerika überhaupt auf den Gedanken gekommen, dass Fußball sie reizen könnte, zumal die klassischen Frauensportarten in Afghanistan Volleyball und Basketball sind, während Fußball für Frauen auch heute noch als unziemlich gilt. Doch die Freude am Sport und am gemeinsamen Spiel hat einen so nachhaltigen Eindruck bei ihnen hinterlassen, dass sie trotz aller Hindernisse alles daran setzten, um auch in ihrem eigenen Land Fußball spielen zu können - und es sogar zum Teil in die erste offizielle Frauenfußball-Mannschaft Afghanistans schafften.

Am Beispiel dieser Mädchen gelingt es Awista Ayub, dem Leser einen faszinierenden Einblick in den Alltag der Mädchen in Kabul zu bieten. Immer wieder klingt durch, wie viele Frauen noch unter der konservativen Sicht der Gesellschaft und der bestimmenden Rolle ihrer Männer und Väter zu leiden haben. Aber man spürt auch, dass so langsam ein Wandel eintritt, der es den Bevölkerungsteilen, die nicht mit den rückständigen Ansichten der Taliban übereinstimmen, ermöglicht, ein offeneres Leben zu führen. Auch wenn für die Frauen dafür immer die Unterstützung ihrer (männlichen) Familienmitglieder nötig ist, beendet man "Kick it in Kabul" mit der Hoffnung, dass die afghanischen Frauen irgendwann ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Fazit:

"Kick it in Kabul" bietet dem Leser am Beispiel von acht jungen Mädchen, die aufgrund der Initiative der Autorin Awista Ayub an einem Fußball-Camp in Amerika teilnahmen, einen interessanten Einblick in das Leben in Afghanistan. In diesem Buch erfährt man anhand der Erlebnisse dieser Mädchen, wie sich der Alltag für ihre Familien nach dem Ende der Taliban-Herrschaft entwickelte - und wie schwer es für Frauen immer noch sein kann, sich gegen den Widerstand der Gesellschaft ihre Wünsche und Träume zu erfüllen. Doch es macht auch Hoffnung, wenn man von den aufgeschlossenen Eltern liest, die ihrer Tochter - gegen die Einwände der Verwandtschaft - erlauben, Fußball zu spielen, sich zu bilden und neue Erfahrungen zu sammeln.
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