Schmerzspuren 
Bücher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Heike Bellas   
Montag, 2. August 2010

Schmerzspuren

Verlag: cbt
Erschienen: Dezember 2009
ISBN: 978-3-570-30576-8
Preis: 6,95 EUR

160 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
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Zum Inhalt:

Als sich Ben zum ersten Mal mit dem Zirkel ritzt, tut es höllisch weh. Und höllisch gut. Er braucht dieses Ventil. Denn plötzlich ist nichts mehr, wie es war: Sein bester Kumpel Philipp ist weggezogen. Zu Hause hakt es gewaltig im Getriebe. Und in der Schule auch. Ben ist wütend, rastlos, ruhelos. Dann steigt auch noch Lea aus seiner Band aus. Wieder jemand, der ihn allein lässt. Da greift Ben zum Teppichmesser. Und weiß, dass er es wieder tun wird ...

Meinung:

Bens bester Freund Philipp ist weggezogen und der Vierzehnjährige muss sehen, wie er jetzt ohne ihn klar kommt, nachdem sie vorher unzertrennlich waren. Mit zwei Freunden gründet er eine Band, fährt Skateboard und versucht sogar, weiter Hockey zu spielen, wie früher mit Philipp. Doch irgendwie verliert er trotzdem den Halt. Seine Noten werden schlechter, weswegen er zu Hause oft Ärger bekommt. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seinen Eltern und dem Drang, sich abzukapseln. Ben fühlt sich, als wäre er völlig auf sich gestellt. Durch Zufall merkt er, dass es ihm gut tut, sich zu verletzen. Nach und nach wird der Griff zum Messer für ihn zur Routine, um ein wenig Kontrolle über sich zurückzugewinnen.

Selbstverletzung ist ein Thema, das Jugendlichen mittlerweile nicht mehr fremd ist. Deswegen existieren auch viele Jugendbücher zu dieser Problematik. An "Schmerzspuren" ist neu, dass es sich bei dem Protagonisten nicht um ein Mädchen, sondern um einen Jungen handelt. Mit 14 ist Ben mitten in der Pubertät und damit in einer Zeit, in der er sich neu orientiert. Das macht sich dadurch bemerkbar, dass er beginnt, sich von seinen Eltern abzukapseln. Sein Verhältnis zu seinem Vater war schon vorher nicht gut, doch das bisher enge Verhältnis zu seiner Mutter beginnt zu bröckeln. Beide Elternteile reagieren verschieden auf die neue Situation. Bens Vater lässt ihn machen, was er möchte, seine Mutter hingegen wechselt von Besorgnis über Wut bis hin zu Versuchen, sich wieder ihrem Sohn anzunähern. Doch egal, was seine Eltern machen - Ben ist immer unzufrieden und fühlt sich im Stich gelassen.

Das ist auch ein extremes Manko an der Geschichte. Ben beschwert sich über alles und reitet sich selbst immer tiefer in seinen Absturz, anstatt sich zu bemühen, sich wieder in den Griff zu bekommen. Er wird unfreundlich zu seinen Klassenkameraden, beleidigt seine Banknachbarin schwer und kapselt sich dann komplett ab. Die einzigen Freunde, die ihm noch bleiben, sind seine Bandkollegen. Doch auch mit denen geht er nicht zimperlich um - springen sie nicht so, wie es ihm in den Kram passt, wird er ausfallend und gemein. Natürlich ist es nicht unverständlich, wie er reagiert. In einer Zeit, in der er sich in allen erdenklichen Arten verändert, wird er von seinem besten Freund verlassen, der ihm bisher als Orientierungspunkt gedient hat. Ben ist orientierungslos, reizbar und mit der Situation überfordert. Fraglich ist, ob die Zielgruppe dieses Buches Bens Situation aber so differenziert sehen kann. Wahrscheinlicher ist, dass sie Ben nur als nervig empfinden, was bei einem so kritischen Thema schnell nach hinten losgehen kann.

Dafür werden Jugendliche mit der Sprache mehr zurechtkommen als erwachsene Leser. Ben äußert sich sehr jugendsprachlich, was im ersten Moment leider zwanghaft modern wirkt, sich aber im Laufe des Buches wieder einpendelt und authentischer wird. Eine nette Idee sind auch die Liedtexte, die die Bandmitglieder schreiben. Man kann sich die Songs der Band richtiggehend vorstellen, da sie textlich und von ihrer Aussage her zu den Protagonisten passen.

Was wünschenswert gewesen wäre, wäre eine nähere Ausführung der inneren Vorgänge, wenn Ben sich selbst verletzt. Oft ist es für den Leser nicht richtig vorstell- oder gar nachvollziehbar, wieso eine Situation ihn dazu bringt, zum Messer zu greifen. Es wird weder erklärt, ob er traurig oder wütend ist, noch wie sich der Druck zur Selbstverletzung aufbaut oder wie Ben sich fühlt, wenn er es getan hat. Ob das an der fehlenden Erfahrung der Autorin liegt oder ob sie verhindern wollte, dass die jungen Leser die Selbstverletzung noch als positive Lösung für ihre Probleme ansehen, wird dabei nicht deutlich. Eine ausgewogene Darstellung der Gefühle zwischen innerem Druck, Erleichterung und schlechtem Gewissen hätte das Thema zumindest greifbarer gemacht.

Fazit:

"Schmerzspuren" von Birgit Schlieper reiht sich in die Riege der Jugendbücher ein, die sich mit dem Thema Selbstverletzung beschäftigt. Neu dabei ist, dass es sich um einen männlichen Protagonisten handelt. Die Darstellung von Ben könnte dabei aber ausgereifter sein. Er wirkt oft nur nervtötend, seine inneren Vorgänge sind kaum ausgeführt, was ein tieferes Verständnis für Menschen mit autoaggressiven Tendenzen schwer macht. Die Sprache des Buches ist der Zielgruppe angepasst, was anfangs gezwungen, später aber stimmiger wirkt.
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