Bevor ich sterbe 
Bücher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Heike Bellas   
Freitag, 23. Juli 2010

Bevor ich sterbe

Originaltitel: Before I Die
Übersetzt von: Astrid Arz

Verlag: cbt
Erschienen: Juni 2010
ISBN: 978-3-570-30674-1
Preis: 8,95 EUR

320 Seiten
Inhalt
10.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
9.8

Wertung:
9.8
von 10
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Zum Inhalt:

Die 16-jährige Tessa hat Leukämie, und die Ärzte machen ihr nur noch wenig Hoffnung. Aber Tessa will leben, wenigstens in der Zeit, die ihr noch bleibt. Sie schreibt an ihre Zimmerwand zehn Dinge, die sie tun will, bevor sie stirbt: Sex haben, Drogen nehmen, für einen Tag berühmt sein, etwas Verbotenes tun ... Und dann trifft sie Adam, und er ist der Erste, der sie versteht. Tessa spürt, dass sie etwas mit Adam verbindet, doch sie wehrt sich dagegen. Und dann begreift sie, dass sie zum ersten Mal verliebt ist. Aber darf man lieben, wenn man stirbt?

Meinung:

An ein Buch mit der Thematik Krebs geht der Leser in der Regel mit gewissen Erwartungen heran. Er erwartet, mitzuerleben, wie der Protagonist seine Diagnose bekommt, wie er damit kämpft, Beschlüsse fasst und seine letzten Tage auskostet. Er erwartet, dass die Familie und Freunde der Protagonisten sich um sie kümmern, tief bestürzt sind und ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen. Und er erwartet, dass auf der Liste, die der Krebskranke abarbeiten möchte, Dinge stehen wie Urlaub machen, sich von jedem verabschieden oder irgendetwas wagemutiges zu machen. "Bevor ich sterbe" bricht mit vielen dieser Erwartungen.

Tessa hat Leukämie, seit sie 12 ist. Nach 4 Jahren voll quälender Therapien ist ihr Krebs so weit fortgeschritten, dass der Tod für sie schon fassbar ist. Die 16jährige hat es satt, das ihr Vater sie betüddelt und wie ein Besessener nach Heilung sucht. Sie möchte leben, und zwar wie jeder andere Teenager auch. Also schreibt sie eine Liste an ihre Wand mit Dingen, die sie noch tun möchte, bevor sie sterben muss. Punkt Eins ist Sex. Tessa weiht ihre Freundin Zoey ein, die sofort auf Tessas Idee anspringt und ihr hilft, jeden Punkt abzuhaken. Es folgen Drogen, einen Tag lang zu allem Ja zu sagen, Gesetze übertreten. Doch mit einem Punkt kann Zoey ihr nicht helfen: Liebe. Doch Tessa trifft auf ihren neuen Nachbarn Adam und plötzlich ist Punkt Fünf in greifbarer Nähe.

Der Leser erlebt in "Bevor ich sterbe" nur das Ende einer schweren Krebskrankheit. Tessa selbst hat sich schon damit abgefunden, dass sie bald sterben wird. Anstatt gegen ihre Krankheit zu kämpfen, möchte sie lieber noch alles erleben, was ihrer Meinung nach zu einem Teenagerleben gehört. Dabei nimmt sie weder Rücksicht auf ihren Vater, der als einziger wirklich immer an ihrer Seite stand, noch auf ihren kleinen Bruder Cal. Die Sechzehnjährige lebt nun nach dem Motto: Was kann ich noch verlieren? Also stürzt sie sich kopflos in ihre Liste und sucht sich teilweise Dinge aus, die eben doch kein normaler Teenager tun würde. Sie klaut wahllos Dinge in einem Supermarkt und sucht sich den nächstbesten Typen, um nicht als Jungfrau sterben zu müssen.

Tessas Umfeld hat dafür kein Verständnis. Im Gegensatz zu jeder Erwartung ist ihr Vater der einzige, der Tessa anders behandelt, weil sie krank ist. Ihr kleiner Bruder Cal liebt seine Schwester, doch wie normale Geschwister streiten sie sich, werfen sich böse Dinge an den Kopf und kümmern sich um ihre Freunde lieber als um den anderen. Tessas Mutter, die die Familie verlassen hat, war bei keiner einzigen Untersuchung oder Behandlung im Krankenhaus mit dabei und taucht nur alle paar Tage mal in ihrem alten Zuhause auf. Nicht einmal Zoey, Tessas beste Freundin, behandelt sie mit Samthandschuhen. Die Frage ist, ob diese Umstände nicht viel realistischer sind als die ewig besorgten Angehörigen in thematisch ähnlichen Büchern. Schließlich haben auch die Angehörigen ein Leben neben den Krebskranken, das sie in den Griff kriegen müssen. Vor allem Zoey und Adam haben ihre ganz eigenen Lasten zu schleppen.

Anders als der Klappentext vermuten lässt, dreht sich nicht alles um die Liebesbeziehung zwischen Tessa und Adam. Tatsächlich ist deren Verhältnis lange sogar ungeklärt. Tessa trifft Adam eines morgens bei der Gartenarbeit. Der junge Mann ist gerade mit seiner Mutter nebenan eingezogen. Da er nichts von Tessas Krankheit weiß, behandelt er sie erst normal, doch als er von ihrem Bruder erfährt, dass sie sterben wird, überfordert ihn die Situation vorerst. Einerseits versucht er ihr bei der Erfüllung ihrer Liste zu helfen, andererseits ist er oft überlastet, wenn ein Punkt der Liste ihn betrifft. Denn nachdem Tessa Adam kennenlernt, wird ihre Liste immer länger. Je näher ihr Tod rückt, desto weniger hat Tessa mit ihrem Leben abgeschlossen.

"Bevor ich sterbe" ist kein leises Buch über das Abschiednehmen und die letzte Liebe in einem Leben, sondern laut, manchmal rotzfrech und trotzdem so schön, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Schnell hängt man an Tessa, auch wenn ihre fast schon egoistische Art dem Leser manchmal gegen den Strich gehen kann, und leidet mit ihren Angehörigen, wenn sie wieder einen Schritt weiter macht in Richtung Sterben.

Fazit:

"Bevor ich sterbe" von Tessa Downham ist kein typisches Buch über eine Krebspatientin und gerade deswegen so lebensnah, dass man es nicht aus der Hand legen möchte. Die Protagonistin Tessa ist anstrengend, aber liebenswert und ihre Geschichte rührt den Leser zu Tränen. Das Buch gaukelt dem Leser keine heile Welt vor- wenn man in so einem Fall überhaupt von einer sprechen kann-, sondern zeigt, dass auch die Angehörigen nicht immer nur an den Krebspatienten denken können. Trotz allem lernt man von Tessa, was man an der Welt lieben kann und nicht tut, weil es selbstverständlich scheint.
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