Preis der Schuld 
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Samstag, 7. August 2010

Preis der Schuld

Originaltitel: The Chicago Way
Übersetzt von: Anke und Eberhard Kreutzer

Verlag: Knaur
Erschienen: März 2010
ISBN: 978-3-426-50251-8
Preis: 8,95 EUR

400 Seiten
Inhalt
5.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
5.3

Wertung:
5.3
von 10
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Zum Inhalt:

Der irischstämmige Privatdetektiv Michael Kelly untersucht in Chicago eine neun Jahre zurückliegende Vergewaltigung. Seine Ermittlungen entwickeln sich immer mehr zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit. Bestürzt muss er feststellen, dass es immer noch jede Menge Leute gibt, die zwar alte Rechnungen begleichen wollen - aber kein Interesse daran haben, dass der Fall gelöst wird.

Meinung:

Der Autor Michael Harvey war beteiligt an der Entstehung der amerikanischen Doku-Serie "Cold Case Files", in der es um die Lösung von realen und sehr alten Kriminalfällen geht, bei denen man erst heutzutage mit moderner Labortechnik überhaupt die Schuldigen finden konnte. So verwundert es nicht, dass sich auch sein Roman "Preis der Schuld" um dieses Thema dreht. Der Privatdetektiv Michael Kelly wird von seinem ehemaligen Partner bei der Polizei gebeten, Nachforschungen in einem alten Fall anzustellen.

Der inzwischen pensionierte John Gibbons hatte - noch bevor er und Michael Partner wurden - bei einer Streifenfahrt eine junge Frau gefunden, die vergewaltigt und schwer verletzt worden war. Dem damals jungen Polizisten gelang es sogar, den Täter festzunehmen, doch kurz darauf war der Verbrecher wieder auf freiem Fuß und John wurde von höherer Stelle bedeutet, dass er alles zu vergessen habe, was in dieser Nacht geschah. Doch nun hat sich Elaine Remington, das Opfer von damals, an ihn gewandt, da sie endlich herausfinden will, wer ihr so etwas Schlimmes antun konnte.

Noch bevor Michael in Johns Auftrag aktiv werden kann, wird dieser ermordet - und der Privatdetektiv gerät in den Verdacht, seinen alten Partner umgebracht zu haben. So gibt es für Michael Kelly mehr als einen Grund dafür, die Ermittlungen rund um die alte Vergewaltigung aufzunehmen. Mit Hilfe der Journalistin Diane Lindsay, seiner Kindheitsfreundin Nicole und seinem Hintergrundwissen über die Chicagoer Polizei und Staatsanwaltschaft findet der Detektiv schnell neue Hinweise, die eine Erklärung für die Vertuschung der Vergewaltigung an Elaine Remington und den Mord an John Gibbons liefern könnten.

Im amerikanischen Raum wurde dieser Roman schnell mit den Geschichten von Raymond Chandler verglichen und man kann Michael Harvey nicht absprechen, dass einige seiner Dialoge und Szenen an diesen bekannten Krimiautor erinnern. Doch gerade durch den Kontrast zwischen einer klassischen hardboiled novel und dem Umstand, dass sich sehr viele Elemente der Handlung um moderne Ermittlungstechniken drehen, entsteht in "Preis der Schuld" ein unschöner Bruch.

Ein so korruptes System aus Polizei und Staatsanwaltschaft kann man als Leser zwar in einer Geschichte hinnehmen, die in der ersten Hälfe des letzten Jahrhunderts spielt, aber kaum zu einer Zeit, in der interne Ermittlungen und eine durchorganisierte Datenverwaltung zum Alltag gehören. Obwohl der alternde Mafiaboss, dem eine kleine Rolle in dieser Geschichte zugebilligt wird, eine wunderbare Hommage an dieses Genre stellt, wundert man sich doch über die Selbstjustiz-Pläne der diversen Charaktere, die so gar nicht mehr in die heutige Zeit zu passen scheinen.

Zusätzlich überzeugen auch die verschiedenen Figuren nur selten den Leser. Michael Kelly wirkt auf den ersten Blick wie aus der Klischeekiste gezogen. Er ist ein ehemaliger Polizist, der aufgrund einer Intrige den Dienst quittieren musste. Doch trotz eines ausgeprägten Empfindens für Richtig und Falsch hat er damals anscheinend weder um seinen Arbeitsplatz noch um seinen guten Ruf gekämpft. Nun aber ist er bereit, sich für seinen ehemaligen Partner, mit dem ihn nicht gerade sehr viel verbunden hatte, und um die wahre Geschichte hinter diesen Vorfällen herauszufinden, mit diversen gefährlichen und kriminellen Subjekten anzulegen und sein Leben zu riskieren. Um den Protagonisten noch ein wenig von den Masse abzuheben, wurde ihm vom Autor eine Leidenschaft für griechische Tragödien - die er natürlich im Original liest - verpasst.

Neben all diesen Widersprüchen, der nicht ganz überzeugenden Charaktergestaltung und der wenig überraschenden Auflösung der Geschichte muss man Michael Harvey zugute halten, dass er sich eines flüssigen und kurzweiligen Erzählstils bedient. Solange man nicht gerade über zu große Brüche stolpert, ist "Preis der Schuld" gut zu lesen, und auch die vielen Anspielungen auf Chandler und andere großen Kriminalautoren tragen durchaus zur Unterhaltung bei.

Fazit:

Mit "Preis der Schuld" hat Michael Harvey einen soliden, aber auch sehr klischeebeladenen Kriminalroman rund um den Privatdetektiv Michael Kelly abgeliefert. Der Ermittler beschäftigt sich in diesem Buch mit einem schon viele Jahre zurückliegenden Vergewaltigungsfall und stößt dabei auf einen Sumpf aus Verbrechen und Korruption. Leider sorgen einige Kontraste zwischen der - im besten Sinne altmodischen - Atmosphäre einer hardboiled novel und dem Einsatz modernster Labortechniken für einige unschöne Brüche in der Handlung. Dies führt, neben den eher stereotyp gehaltenen Charakteren, dazu, dass man die wenigen Dialoge und Szenen, in denen der Autor beinah den Ton eines Raymond Chandler trifft, nicht richtig genießen kann. Doch trotz der Schwachpunkte kann man mit "Preis der Schuld" und dem Privatdetektiv Michael Kelly ein paar unterhaltsame Lesestunden verbringen.
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