Am Tag danach 
Bücher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Jana Witte   
Montag, 15. März 2010

Am Tag danach

Originaltitel: After
Übersetzt von: Ilse Rothfuss

Verlag: Ravensburger
Erschienen: Januar 2009
ISBN: 978-3-473-58295-2
Preis: 9,95 EUR

288 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
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Zum Inhalt:

Tom und seine Freunde können es kaum fassen: An der benachbarten Highschool in Pleasant Valley gab es einen Amoklauf. Als Toms Schule nach einem Tag wieder geöffnet wird, wird den Schülern der Katastrophen- und Krisenberater Dr. Willner vorgestellt. Obwohl es in der Schule ruhig ist, beginnt man dort, die Schüler auf Schritt und Tritt zu überwachen, wer aufmuckt, wird bestraft, wie Toms Freund Silas. "Sie lügen euch an", sagte Silas. "Und ihr merkt es nicht. Vor allem kapiert ihr nicht, dass das nicht nur bei uns passiert, sondern auch an vielen anderen Schulen. Die Leute verschwinden einfach und man hört nie wieder was von ihnen."

Meinung:

"Am Tag danach" ist der erste Jugendroman, den die amerikanische Autorin Francine Prose nach einigen Romanen, Erzählungen und Kinderbüchern veröffentlicht hat. Die Autorin schildert die Ereignisse an einer fiktiven Highschool in einer nicht näher charakterisierten Kleinstadt, nachdem es in der 50 km entfernten Pleasant Valley High zu einem Amoklauf gekommen ist. Dort hatten drei in rot gekleidete und bis zu diesem Zeitpunkt unauffällige Täter mehrere Lehrer und Mitschüler teilweise tödlich verletzt. Nicht nur der Vater des erzählenden Tom ist alarmiert und besorgt. Es ist also kein Wunder, dass die Eltern der Central High den Einsatz eines Katastrophen- und Krisenberaters in Person von Dr. Willner und das Einführen von Sicherheitsmaßnahmen an der Schule befürworten oder sie zumindest widerspruchslos hinnehmen.

Allabendlich erhalten nun die Eltern von der Schule E-Mails, in denen es um die Notwendigkeiten neuer Vorschriften geht. Tom und seine Freunde erfahren nach und nach, was dies für sie und ihre Mitschüler bedeutet: Am Anfang sind es Metalldetektoren und Durchsuchungen von Taschen, was auch an anderen Schulen vorkommt. Hiervon sind die Schüler zwar genervt, aber da es in ihrer Schule keine Vorkommnisse gibt und auch keine Waffen gefunden werden, gehen sie davon, dass diese Maßnahmen alsbald wieder eingestellt werden. Nach und nach kommen unter dem Mantel der Besorgnis jedoch immer weitere Vorschriften hinzu - wie das Verbot der Farbe Rot -, bis eine vollumfängliche Kontrolle der Schüler erreicht wird.

Die Autorin erzählt in dem Roman die Geschehnisse ausschließlich aus Sicht des etwa 15- bis 16-jährigen Tom, was eine intensive Bindung des Lesers an Tom mit sich bringt. Toms Gedankenwelt wird in klarer, alltagsnaher Sprache offenbart. Seine zwiespältigen Gefühle gegenüber der neuen Freundin seines Vaters nach dem Tod seiner Mutter sind dabei ebenso Thema wie das Abhängen mit seinen Freunden und natürlich die Vorkommnisse an der Central High einschließlich seiner Erfahrungen mit dem neuen Regime in der Schule. Denn zu diesem entwickelt sich die Schulleitung unter der Führung von Dr. Willner.

Dabei schildert Francine Prose erschreckend real und vorstellbar, dass trotz stetig anwachsender Einschränkungen der individuellen Rechte weder der Lehrkörper noch die Eltern und erst recht nicht die Schüler der Entwicklung Einhalt gebieten können. Erscheinen die Argumente zur Einführung stichprobenartiger Taschendurchsuchungen im Lichte des Amoklaufs an der Pleasant Valley High noch vernünftig und hinnehmbar, entwickelt sich nach und nach eine Atmosphäre des Misstrauens und es verschwinden mit der Zeit unliebsame Störer des schulischen Ablaufs.

Durch die Einschränkung auf Toms Sichtweise lässt die Autorin den Leser allerdings mitunter frustriert zurück, der sich nicht nur fragt, aufgrund welcher staatlicher Befugnisse Dr. Willner seine Entscheidungen treffen und durchsetzen kann. Eine Erklärung der Regierungsanordnungen, ein freiheitsberaubendes System in den Schulen umzusetzen, erfolgt nicht und auch keine zu dem Thema, ob und welche anderen Maßnahmen vorher ergriffen wurden, um die Gewalt an den Schulen zu reduzieren. Rätselhaft bleibt auch, was mit der freien Presse geschehen ist und wie das Ausland reagiert. Eine Antwort auf die Frage, was Lehrer und insbesondere Eltern dazu bringt, daneben zu stehen und zuzuschauen, wie die Kinder schikaniert und kontrolliert werden, bleibt die Autorin ebenfalls schuldig. Dabei wäre dies ohne Weiteres möglich gewesen, zum Beispiel durch Gespräch zwischen Tom und seinem Vater, Internetrecherche, Schilderung von Toms Erinnerungen. Francine Prose hat in diesem Roman einen interessanten und fesselnden Ansatz gewählt, seine Möglichkeiten jedoch nicht vollständig ausgeschöpft.

Für Leser ab 12 Jahren erscheint das Jugendbuch nur bedingt empfehlenswert, obwohl mit Ausnahme des anstoßgebenden Amoklaufs kaum körperliche Gewalt beschrieben wird. Es ist vielmehr der dystopische Charakterzug, der manche Leser zwischen 12 und 14 Jahren möglicherweise verwirren bzw. überfordern könnte.

Fazit:

"Am Tag danach" schildert indirekt eine mögliche staatliche Reaktion auf einen schulischen Amoklauf. Aus der Perspektive des Teenagers Tom werden die Umsetzungen der neuen, erschreckend realen Sicherheitsrichtlinien, die in vollständiger Kontrolle gipfeln, an seiner Highschool geschildert. Die konsequente Beschränkung der Autorin auf Toms Perspektive führt leider dazu, dass weitergehende Fragen zu den Hintergründen der schulischen Neuordnung und den Motivationen der Lehrer und Eltern unbeantwortet bleiben. Für Leser ab einem Alter von 12 Jahren kann diese teilweise nicht nachvollziehbare Entwicklung des Geschehens zu Verständnisproblemen führen. Trotzdem ist der Roman durch die interessant gewählte Perspektive reizvoll und gut lesbar.
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