Revolverherz 
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Donnerstag, 29. Juli 2010

Revolverherz

Reihe: Chas Riley
1. Band der Reihe

Untergenre: Regionalkrimi
Verlag: Knaur
Erschienen: Mai 2009
ISBN: 978-3-426-50037-8
Preis: 8,95 EUR

304 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Cool bis zum Anschlag und mit ganz viel Herz, so sind die Menschen auf St. Pauli. Genau wie Staatsanwältin Chastity Riley, die gnadenlos romantisch wird, wenn es um ihren Kiez geht. Dann aber beginnt ein Serienkiller, tote Nachtclubtänzerinnen an der Elbe zu drapieren. Um ihn zu stoppen, muss Chas dahin gehen, wo es besonders wehtut: in die Abgründe der eigenen Vergangenheit.

Meinung:

Mit "Revolverherz" führt die Autorin Simone Buchholz den Leser auf den Hamburger Kiez. Dort werden in schneller Folge drei Frauenleichen entdeckt. Jedes Opfer wurde entkleidet und skalpiert und doch liebevoll in der Öffentlichkeit präsentiert, damit es gefunden wurde. Die Staatsanwältin Chastity "Chas" Riley führt die Ermittlungen gegen den Serientäter an, obwohl ihre eigene Gefühlswelt gerade so aus den Fugen geraten ist, dass sie sich nur schwer auf diesem Fall einlassen kann.

Nachdem Chastity schon als Kleinkind von der Mutter verlassen wurde und an ihrem zwanzigsten Geburtstag die Leiche ihres Vaters fand, hat sie nicht nur gesundheitliche Probleme, sondern leidet auch unter großen Bindungsängsten. So verwundet es nicht, dass sich die Gedanken der Staatsanwältin, die der Leser aus der Ich-Perspektive erleben darf, weniger um die entsetzlichen Morde als um ihre persönlichen Gefühle drehen.

Chas' einzige Freundin Carla versucht sie mit einem kühlen, aber faszinierenden Theaterintendanten zu verkuppeln, während sie bemüht ist, ihrem liebevollen - aber 15 Jahre jüngeren - Nachbarn "Klatsche" zu widerstehen. Das Verhältnis zwischen Chastity und den Polizisten, die mit ihr zusammenarbeiten, ist erstaunlich eng. Besonders Hauptkommissar Faller ist für Chas eher ein Ersatzvater als ein Kollege und schnell wird deutlich, dass beide auf die Freundschaft und Unterstützung des anderen in ihrem Arbeitsalltag angewiesen sind.

Neben Chastitys Gefühlsleben, den vielen Nebenfiguren und den liebevollen Kiez-Beschreibungen geht der eigentliche Kriminalfall eher unter. Simone Buchholz verzichtet in vielen Bereichen auf Realismus, so wie in der Darstellung des Berufslebens ihrer Hauptfigur. Die Staatsanwältin betritt ihr Büro während des ganzen Romans nur zweimal, hat anscheinend keinen anderen Fall als die Ermittlungen gegen den Serientäter und verschläft und versäuft ganze Tage, ohne dass sich jemand über ihr Verhalten wundert.

Dafür bemüht sich die Autorin bei den Beschreibungen der Örtlichkeiten um besonders große Detailgenauigkeit. Wie Chastity Riley wurde Simone Buchholz in Hanau geboren und lebt nun in St. Pauli. So überrascht es wenig, dass "Revolverherz" eine Liebeserklärung an diesen Hamburger Stadtteil ist. Chas beschreibt für den Leser die Vielfalt, die man hier zu sehen bekommt: Von der bieder-netten Wohngegend über die Vergnügungsmeile bis zu den Landungsbrücken wird man durch diesen Teil Hamburgs geführt und erlebt die Anziehung, die selbst - oder vielleicht sogar vor allem - die schäbigeren Ecken auf den Besucher und die Anwohner ausüben.

Dabei wird deutlich, dass die Staatsanwältin in all ihrer Liebe zu diesem Viertel und dem St.-Pauli-Fußballverein doch nicht richtig dazugehört. So ist es nicht verwunderlich, dass es eher dem Nachbarn "Klatsche" gelingt, für Chastity die entscheidenden Informationen zu besorgen, als ihren Kollegen von der Polizei. Neben dem Mangel an Realismus ließe sich auch noch bemängeln, dass Simone Buchholz bei der Lösung des Kriminalfalls eher auf Chas' Gefühle und den Zufall setzt, als einen stimmige Handlung zu konstruieren.

Auch die Sprache der Autorin zeigt, dass es ihr eher um die emotionale Ebene und das "Hamburgflair" geht als um Realismus oder einen überzeugenden Fall. Obwohl Simone Buchholz sich mit klaren und einfachen Worten ausdrückt - und nur die kurzen Passagen aus der Sicht des Mörders wirr geschrieben sind -, stolpert der Leser immer wieder über die ungewöhnlichen Beschreibungen und Vergleiche, die sie verwendet. So wirkt der morgendliche graue Himmel, "als müsse er sich sofort hinlegen", und Carla lächelt, "als wäre sie aus Karamell". Dabei fließen diese Beschreibungen so leicht in die verschiedenen Szenen ein, dass sie eine angenehme Atmosphäre schaffen und die Charaktere schärfer umreißen, statt den Leser aus der Handlung zu reißen. Auch die Dialoge wirken stimmig, mit gerade genügend Slang, um natürlich zu wirken und doch noch gut lesbar zu sein.

Ob "Revolverherz" den Geschmack eines Lesers trifft, hängt sehr von seiner Erwartungshaltung ab. Simone Buchholz bietet keine raffinierte Krimihandlung oder gar eine realistische Darstellung von der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft. Dafür bekommt man interessante - und häufig tragische - Charaktere, atmosphärische Beschreibungen, eine ungewöhnliche Erzählweise und eine Liebeserklärung an den Hamburger Stadtteil St. Pauli geboten.

Fazit:

Für reine Krimileser ist "Revolverherz" wohl eher eine Enttäuschung, denn Simone Buchholz verzichtet in ihrer Geschichte auf einen Großteil der üblichen Spannungselemente. Stattdessen bietet die Autorin mit der Figur der Chastity Riley und ihren Kollegen ungewöhnliche Charaktere, die mit dem Hamburger Kiez verbunden sind. Eine klare Sprache voller ungewöhnlicher Vergleiche und liebevolle Beschreibungen der verschiedenen Straßen von St. Pauli schaffen eine wunderbare Atmosphäre. Die grauenhaften Morde an den jungen Tänzerinnen bilden so eher das Bindeglied zwischen Chastitys Gefühlsleben und einer ungewöhnlichen Tour durch die liebevoll beschriebene Hafenstadt.
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