Himmelsauge 
Bücher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Konstanze Tants   
Donnerstag, 31. Dezember 2009

Himmelsauge

Originaltitel: A Shadow's Touch
Übersetzt von: Karin Dufner

1. Band der Reihe

Untergenre: Fantasy
Verlag: PAN
Erschienen: Dezember 2009
ISBN: 978-3-426-28312-7
Preis: 14,95 EUR

382 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

In einem Londoner Krankenhaus kommt ein Junge ohne Gedächtnis zu sich. Den Ärzten ist er unheimlich, denn er hat einen schweren Unfall überlebt - und nun heilen die Verletzungen mit übernatürlicher Geschwindigkeit. Doch diese Gabe nutzt ihm wenig, als er kurze Zeit später auf der Flucht vor einem mächtigen Gegner ist, der alles daran setzt, ihn in seine wahre Heimatwelt zurückzubringen, aus der er geflohen ist. Doch zum Glück ist der Junge nicht ganz allein: Hilfe bekommt er von Hannah, einem ganz normalen Mädchen, und den im Verborgenen lebenden magischen Bewohnern von London ...

Meinung:

Als Avi aufwacht, weiß er weder, an welchem Ort er sich befindet, noch wer er überhaupt ist. Erst nach und nach wird ihm klar, dass er in einem Krankenhausbett liegt. Angeblich hatte er versucht, sich vor eine U-Bahn zu werfen, doch der Junge kann sich an nichts erinnern. Melissa Fairchild sorgt in ihrem Roman "Himmelsauge" dafür, dass der Leser zusammen mit der Hauptfigur Avi in eine erschreckende und fantastische Welt eintaucht, die nur teilweise mit unserer Realität verknüpft ist.

Schnell lernt Avi, dass er in diesem Krankenhaus für große Verwunderung bei den Ärzten gesorgt hat, da seine Verletzungen unglaublich schnell heilen. Doch bevor er noch den Grund für diese seltene Gabe herausfindet, wird er von einem geheimnisvollen Mann aufgefordert, aus dem Gebäude zu flüchten. Ein gewisser Kellen sei ihm auf der Spur und dürfe ihn auf gar keinen Fall finden. Für Avi beginnt eine rasante Flucht, bei der er - ebenso wie der Leser - vor vielen Rätseln steht. Vor allem fragt er sich natürlich, was für einen Grund der unheimliche Kellen haben mag, ihn anzugreifen und zu verfolgen.

Bei dem Versuch, Kellen zu entkommen, trifft Avi auf Hannah. Sie war gerade mit dem Taxi auf dem Weg ins Krankenhaus, da ihre Mutter dort eingeliefert worden war. Doch nachdem sie in Avis Auseinandersetzung mit seinem unheimlichen Verfolger gerät, muss sie sich nicht nur mit der Sorge um ihre Mutter befassen, sondern auch mit den vielen seltsamen Vorfällen rund um den geheimnisvollen Jungen. Zum Teil gelingt es Hannah sogar besser, mit den übernatürlichen Begebenheiten fertig zu werden, als Avi, der dank seines Gedächtnisverlustes immer noch stark verwirrt ist.

Zusammen mit den beiden Charakteren lernt der Leser, dass es neben unserer Realität auch noch eine fantastische Welt gibt und dass es vor vielen Jahrhunderten noch keine Trennung zwischen den Menschen und den übernatürlichen Wesen gab. Die magischen Reiche, aus denen Avi ursprünglich stammt, sind technisch im Mittelalter stehen geblieben und werden gerade durch einen Krieg zwischen Avis Mutter Arethusa und Kellen gespalten.

Auf der einen Seite liegen die Gründe für diese Auseinandersetzungen auf persönlicher Ebene, auf der anderen Seite streiten sich die beiden um eine Prophezeiung eines Orakels. Danach ist es Avi bestimmt, die Welt der Menschen und die der fantastischen Geschöpfe wieder zu vereinen. So ist es kein Wunder, dass der Junge in dem fantastischen Reich, in dem er geboren wurde, nur als Spielfigur in einem größeren Konflikt gesehen wird. Einzig Hannah scheint ihn als eine Person mit Ängsten, Hoffnungen und Wünschen wahrzunehmen und ist bereit, ihm zu helfen. Beide Figuren sind angenehm realistisch gehalten und überzeugen den Leser nicht durch ungewöhnliche Fähigkeiten, sondern durch ihre Unzulänglichkeiten, ihre Fürsorge und ihr Durchhaltevermögen.

Geschickt verwebt Melissa Fairchild in "Himmelsauge" die verschiedenen klassischen Elemente rund um übernatürliche Wesen mit Anspielungen auf Shakespeare und ihrer eigenen Fantasie. So ist dieser Roman zwar keine überragende Neuentdeckung im Bereich der Jugendfantasy, bietet aber eine spannende und mitreißende Geschichte, die den Leser zusammen mit den sympathischen Charakteren in eine faszinierende Welt bringt. Besonders gut gelingen der Autorin die atmosphärischen Beschreibungen der verschiedenen Schauplätze. Ihr London ist voller versteckter Magie und Übergänge in die andere Welt ... und ein Zuhause für die unterschiedlichsten seltsamen Geschöpfe.

Ihre fantastische Welt hingegen hat zwar auch ihre schönen und bezaubernden Elemente, doch vor allem beeindruckt den Leser das Gefühl der Bedrohung, das Avi und Hannah dort nicht verlässt. Gefährliche mystische Wesen bewohnen die magischen Reiche und nicht eine einzige Person scheint ohne Hintergedanken zu handeln. Der Junge und seine Freundin können nur einander vertrauen und müssen zusammen einen Weg finden, der sie wieder nach Hause führt - wo immer dies auch liegen mag.

Da die Autorin laut Verlagsinformationen schon an einem zweiten Teil arbeitet, verwundert es nicht, dass die Handlung von "Himmelsauge" nicht abgeschlossen ist. Das Ende des Romans bietet Avi und Hannah eher eine kleine Atempause, bevor sie wieder in die Konflikte der magischen Welt verwickelt werden. Und die verschiedenen Anknüpfungspunkte, die die Handlung für eine Fortsetzung bereithält, bieten auf jeden Fall einiges Potenzial für den zweiten Band rund um "Die Geheimnisse des Brückenorakels".

Fazit:

Melissa Fairchilds "Himmelsauge" spielt vor allem mit den vertrauten Elementen der fantastischen Literatur. So bietet dieser Roman dem Leser keine großen Neuentdeckungen in diesem Genre, aber sympathische und überzeugende Charaktere sowie stimmungsvolle Beschreibungen der beiden Welten. Von dem unheimlichen Kellen gejagt, werden Avi und Hannah schnell zum Spielball der verschiedenen Parteien in einem verwirrenden Krieg. Gerade ihre relative Normalität lässt einem die beiden Figuren ans Herz wachsen, während die atmosphärischen Beschreibungen den Leser mit auf eine fantastische und spannende Reise nehmen. Die offenen Enden der Handlung lassen die Hoffnung aufkommen, dass die Autorin ihre Geschichte in der geplanten Fortsetzung genauso stimmungsvoll weiterführen wird.
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