Alle, alle lieben dich 
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Konstanze Tants   
Samstag, 8. August 2009

Alle, alle lieben dich

Originaltitel: Songs for the Missing
Übersetzt von: Thomas Gunkel

Untergenre: Krimi & Thriller
Verlag: rowohlt
Erschienen: Januar 2009
ISBN: 978-3-498-05038-2
Preis: 19,90 EUR

416 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
7.0

Wertung:
7.0
von 10
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Zum Inhalt:

Eine junge Frau verschwindet, irgendwo zwischen dem Strand, an dem sie mit ihren Freunden baden ging, und dem Diner am Highway, wo sie kellnert, verliert sich ihre Spur. Eine hitzige Suche beginnt. Zunächst stehen alle zueinander. Familie, Freunde, Polizei - jeder sucht und hofft nach Kräften, dass Kim heil zurückkehrt, dass die eigene Hoffnung nicht schwindet oder einfach nur, dass endlich wieder Ruhe einkehrt in Kingsville, damit die eigenen Geheimnisse auch welche bleiben. Denn die meisten, die Kim kannten oder zu kennen glaubten, haben etwas zu verbergen.

Meinung:

"Alle, alle lieben dich" ist kein Thriller, bei dem es darum geht herauszufinden, was mit der vermissten Kim Larsen passiert ist. Stewart O'Nan konzentriert sich auf die Zeit nach dem Verschwinden des Teenagers und zeigt dem Leser ungemein detailliert, welche Folgen dieser Vorfall auf die Umgebung von Kim hat. Aus verschiedenen Perspektiven bekommt der Leser die Reaktionen ihrer Familie, Freunde und Nachbarn mit, die alle von dem Verbrechen betroffen sind.

Kim Larsen ist ein ganz normaler Teenager, sie ist jung, manchmal etwas übermütig, und sie genießt das Leben. Es ist der letzte Sommer vor ihrer Collegezeit und ihr ist bewusst, dass sich in wenigen Wochen ihr Leben vollständig ändern wird. Gerade das Wissen darum, dass diese Sommertage eine Art Abschied von ihrer Kindheit sind, machen sie für sie so kostbar und wunderschön.

Doch die Kleinstadtidylle ist dahin, als Kim auf dem Weg zur Arbeit in einer Tankstelle am Highway verschwindet. Erst am Morgen fällt ihren Eltern Fran und Ed auf, dass ihre Tochter nicht nach Hause gekommen ist. Als klar wird, dass auch ihre Freunde sie seit dem Nachmittag nicht gesehen haben, läuft die Suche nach Kim an. Distanziert und sehr detailliert beschreibt Stewart O'Nan die folgenden Ereignisse, zum Beispiel wie Kims Mutter die Organisation der verschiedenen Suchmaßnahmen an sich reißt.

Sie will über alle Ermittlungsschritte informiert werden und plant mit militärischer Genauigkeit jeden Schritt. Für Fran ist dies die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden vor Sorge. Solange sie noch sucht, solange sie die Nachbarn und die Kirchengemeinde dazu mobilisieren kann, nach ihrer Tochter Ausschau zu halten, solange muss sie sich nicht der Frage stellen, was mit Kim passiert sein könnte. Auch Ed flüchtet erst einmal in reinen Aktionismus. Während seine Frau die Organisation der Suche in die Hand genommen hat, geht er mit den Trupps raus und kontrolliert jeden Abschnitt in der kleinen Stadt, an dem ein vermisstes Mädchen sich vielleicht befinden könnte. Doch je länger seine Taten erfolglos bleiben, desto mehr versinkt der Vater in Depressionen und Passivität.

Kims kleine Schwester Lindsay leidet ebenfalls unter dem Verschwinden ihrer Schwester. Schon vorher stand sie bei jeder Gelegenheit im Schatten der hübschen und beliebten Kim. Sie hatte gehofft, dass man sie vielleicht mehr wahrnehmen würde, wenn ihre große Schwester endlich das College besuchen würde. Doch nun wird Lindsay schnell klar, dass sie nie wieder jemand anders sein wird als "Kims kleine Schwester". Nie wird es ihr möglich sein, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden, ohne dass den Menschen bei ihrem Anblick die Tragödie einfällt, die ihre Familie erleiden musste.

Auch für Kims Freunde J.P. und Nina wird das Leben nie wieder so sorglos sein wie in diesen Tagen vor dem Verschwinden der jungen Frau. Zwischen der Angst um die Freundin und der Furcht davor, dass ihre kleinen, teenagerhaften Verfehlungen ans Licht kommen, endet für sie der Sommer. Wertfrei erzählt Stewart O'Nan von den verschiedenen Reaktionen in Kims Umgebung. Jedem ist schnell bewusst, dass der jungen Frau etwas sehr Schlimmes zugestoßen sein muss, aber nur wenige können den Gedanken an ihren Tod - und die Dinge, die vorher vielleicht mit ihr gemacht wurden - ertragen. Und doch, trotz all der Trauer um Kim, versucht jeder irgendwie weiterzuleben, irgendwie mit diesem Verlust fertig zu werden, ohne sich dabei zu fühlen, als ob er das Mädchen im Stich lassen würde.

Nach der ersten hektischen Suche muss man zusammen mit Kims Familie erleben, wie die Polizei Schritt für Schritt ihre Bemühungen einstellt. Je mehr Zeit seit dem Verschwinden verstreicht, desto langsamer entwickelt sich die Geschichte, bis die bedrückende Trägheit leider umschlägt in eine Übersättigung. So faszinierend diese Innensicht auf die Ereignisse nach einem derart tragischen Vorfall auch ist und so gut es dem Autor auch gelingt, die Perspektiven der verschiedenen Figuren darzustellen - gegen Ende des Romans überzieht Stewart O'Nan diese Ereignislosigkeit und hinterlässt dadurch leider keinen so guten Gesamteindruck.

Fazit:

Trotz des ein wenig ermüdenden Endes ist Stewart O'Nan mit "Alle, alle lieben dich" ein reizvolles Experiment gelungen. Nicht den Fall der verschwundenen Kim in den Mittelpunkt zu stellen, sondern sich so realistisch und detailliert mit den Auswirkungen auf die Familie und die Umgebung zu beschäftigen, hat seinen ganz eigenen Reiz. Bedrückt verfolgt der Leser die ersten hektischen Suchaktionen, um so nach und nach mitzuerleben, wie die Hoffnung bei den verschiedenen Charakteren schwindet. Auch wenn diesem Roman fünfzig Seiten weniger gut getan hätten, wird einen die Handlung so schnell nicht wieder loslassen.
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