Anatomie der Täuschung 
Bücher: Belletristik Historisches
Geschrieben von Konstanze Tants   
Donnerstag, 25. Juni 2009

Anatomie der Täuschung

Originaltitel: The Anatomy of Deception
Übersetzt von: Claudia Tauer

Untergenre: Krimi & Thriller
Verlag: Knaur
Erschienen: April 2009
ISBN: 978-3-426-63874-3
Preis: 8,95 EUR

528 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
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Zum Inhalt:

Philadelphia, 1889: Im Seziersaal der Universitätsklinik obduziert eine Gruppe von Ärzten unter Leitung des weltberühmten Chirurgen William Osler die eingelieferten Toten. Unter ihnen befindet sich die Leiche einer bildhübschen jungen Frau, die kaum äußere Verletzungen aufweist. Als der Professor bei ihrem Anblick die Obduktion überhastet abbricht, fragt sich der junge Dr. Ephraim Carroll, was diese ungewöhnliche Reaktion ausgelöst haben könnte. Als ein Kollege vergiftet wird, ahnt Ephraim, dass er einem lebensgefährlichen Geheimnis auf der Spur ist ...

Meinung:

Der aufstrebende Arzt Dr. Ephraim Carroll gehört zu dem bevorzugten Studentenkreis des berühmten Chirurgen William Osler. Nur eine Handvoll Mediziner darf mit diesem zusammen an den eigentlich verbotenen Obduktionen im Leichenschauhaus der Universität von Philadelphia teilnehmen. Aufgrund der prekären Situation ist es für Dr. Carroll umso erstaunlicher, dass Dr. Osler abrupt auf die Untersuchung einer Frauenleiche verzichtet und seine Forschungen für diesen Tag beendet.

Doch schnell verschwindet der Gedanke an die hübsche junge Tote aus den Gedanken des Arztes, als er von seinem Kollegen Turk eingeladen wird, am Abend gemeinsam auszugehen. Schon lange bewundert der etwas naive Doktor den älteren Mediziner, der es - trotz seiner Herkunft als Waisenkind aus der Hafengegend - geschafft hat, Medizin zu studieren und von Dr. Osler als Student angenommen zu werden. Zusammen verbringen die beiden Männer einen für Dr. Carroll unvergesslichen Abend, bei dem es zu einer überraschenden Begegnung kommt.

Als Ephraim Carroll bei einer Essenseinladung die bezaubernde Abigail Benedict kennenlernt, wird er von ihr gebeten, ihr bei der Suche nach einer verschwundenen Freundin zu helfen. Die Beschreibung der vermissten Rebecca Lachtmann erinnert den jungen Arzt an die mysteriöse Frauenleiche, die Dr. Osler nicht obduzieren wollte. Bei seinen Nachforschungen gerät der Mediziner in einen Sumpf von Drogen, Korruption und illegalen Machenschaften, die dem naiven Mann unsanft die Realität vor Augen führen.

Lawrence Goldstones "Anatomie der Täuschung" ist der erste Versuch des Autors, einen historischen Kriminalroman zu schreiben - und leider merkt man der Geschichte an, dass er normalerweise eher im Bereich des Journalismus zu Hause ist. Es gelingt ihm nicht, eine Krimihandlung aufzubauen, bei der der Leser atemlos vor Spannung mitfiebert. Stattdessen sind einem schnell die Hintergründe der Geschichte klar, und nur hier und da gibt es in einigen Handlungsdetails noch einen kleinen Überraschungsmoment.

Auch wirken Lawrence Goldstones Charaktere zu zweidimensional. Zwar hat er eine interessante Auswahl an Figuren in seinem Roman vereint, aber er verleiht diesen Personen nicht genügend Profil, damit sie im Leser Emotionen auslösen. Dr. Ephraim Carroll ist ein netter und ein wenig naiver Kerl, der als Mediziner wirklich etwas bewirken will - und genauso klischeehaft wie er wirken auch die restlichen Charaktere. Da gibt es den skrupellosen Gangster, der bereitwillig mit dem jungen Arzt zusammenarbeitet, die lebenslustige junge Frau aus gutem Hause, deren Leidenschaft für die Kunst zu einer überraschend freizügigen Lebensweise geführt hat, und natürlich die Mediziner, die für ihre Wissenschaft auch mal über Leichen gehen.

Doch trotz dieser Kritikpunkte übt "Anatomie der Täuschung" einen großen Reiz auf den Leser aus, was an der atmosphärischen Darstellung liegt. Lawrence Goldstone beschreibt Philadelphia und die Lebensumstände im Jahr 1889 sehr plastisch. Die Wissenschaft entwickelt sich mit großen Schritten vorwärts, und das hinterlässt auch seine Spuren im alltäglichen Leben der Menschen. Doch vor allem die überaus detaillierten Beschreibungen der medizinischen Entwicklungen dieser Zeit und die liebevollen Darstellungen der realen historischen Figuren wie William Osler und William Halsted ziehen den Leser in ihren Bann.

Obwohl sich Lawrence Goldstone auch hier einige Freiheiten genommen hat - wie er selbst in seinem Nachwort darlegt -, bietet er dem Leser mit diesem Roman eine faszinierende und überaus gut lesbare Dokumentation der einschneidenden Veränderungen, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Medizin stattfanden. Viele Dinge, die für den Leser heute so selbstverständlich sind, waren zu dieser Zeit Neuerungen, die misstrauisch ausprobiert wurden. Allein der Umgang mit den Verstorbenen und die Tatsache, dass ihre Untersuchung aus ethischen Gründen gesetzlich verboten war, wäre heutzutage undenkbar.

Fazit:

Wer einen spannenden Kriminalroman erwartet, wenn er "Anatomie der Täuschung" aufschlägt, wird von der recht vorhersehbaren Handlung enttäuscht werden. Doch trotz dieses Mangels und den eher zweidimensionalen Charakteren bietet der Roman demjenigen ein faszinierendes Lesevergnügen, der auch nur ein wenig an der historischen Entwicklung der Medizin interessiert ist. In diesem Teil des Romans kann Lawrence Goldstein seine als Journalist gewonnene Erfahrung voll ausspielen und präsentiert liebevolle und detailreiche Beschreibungen der Fortschritte, die in der Wissenschaft dank der Mediziner William Osler und William Halsted zu dieser Zeit gemacht wurden.
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