Neugier ist ein schneller Tod 
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Montag, 20. September 2010

Neugier ist ein schneller Tod

Originaltitel: Mortal Curiosity
Übersetzt von: Axel Merz

2. Band der Reihe

Untergenre: Historisches
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: September 2010
ISBN: 978-3-404-16444-8
Preis: 8,99 EUR

332 Seiten
Inhalt
5.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
5.3

Wertung:
5.3
von 10
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Zum Inhalt:

Lizzie Martin wurde von ihrer Londoner Herrschaft nach New Forest aufs Land geschickt, um einer jungen Frau Beistand zu leisten, deren Baby auf tragische Weise starb. Allein diese Aufgabe wäre schon schwer genug, doch die Dinge nehmen eine noch viel düsterere Wendung, als im Garten des Hauses die Leiche des ortsansässigen Rattenfängers gefunden wird. Und direkt daneben kniet die junge Frau, weinend und am ganzen Leib mit Blut bedeckt. In ihrer Ratlosigkeit wendet sich Lizzie wieder einmal an ihren alten Freund Inspector Benjamin Ross von Scotland Yard. Zusammen versuchen sie, das grausame Verbrechen aufzuklären.

Meinung:

Der zweite Band um die Arzttochter Lizzie Martin und den Scotland-Yard-Inspector Benjamin Ross führt den Leser in das ländliche New Forest. In "Neugier ist ein schneller Tod" beschäftigt sich die Autorin Ann Granger sehr mit dem Schicksal der ärmeren Kinder im viktorianischen Zeitalter. So ist es nicht verwunderlich, dass Inspector Benjamin Ross seine Freundin Lizzie nicht einmal zum Zug begleiten kann, als diese sich zu ihrer neuen Anstellung in New Forest aufmacht, sondern sich stattdessen um einen Fall kümmern muss, bei dem ein Pflegevater das ihm anvertraute Kind einfach am Bahnhof ausgesetzt hat.

Lizzie Martin allerdings weiß nichts von Bens Ermittlungen in diesem Fall. Die junge Frau bedauert es zwar, dass der Inspector sich nicht von ihr verabschiedet, doch vor allem freut sie sich darauf, dass sie das Haus ihrer Tante Parry verlassen kann. Nach den Ereignissen in "Wer sich in Gefahr begibt" stand schnell fest, dass Lizzie nicht länger als Gesellschafterin in diesen Haushalt bleiben konnte. Nicht nur, dass es der jungen Frau einfach nicht gelingen wollte, ihre Zunge zu hüten, um ihre Arbeitgeberin nicht zu verärgern, sie erinnerte Mrs. Parry auch immer an die peinlichen Vorfälle, die mit dem Tod ihrer vorherigen Gesellschafterin zusammenhingen.

Für den Leser ist es nicht nötig, Vorwissen aus dem ersten Band zu haben, um Lizzies neuen Erlebnissen folgen zu können, da Ann Granger immer wieder Gelegenheiten findet, ihre Figuren und deren Vergangenheit genauer vorzustellen. So kann man sich gemütlich zurücklehnen und gemeinsam mit Lizzie Martin die Landschaft von New Forest im Süden Englands entdecken. Ein Bekannter von Mrs. Parry hatte die junge Frau engagiert, damit diese seiner Nichte zur Seite steht, die durch den Verlust ihres neugeborenen Kindes erschüttert wurde. Für Lizzie, die in einer Bergarbeiterstadt im Norden aufgewachsen ist, ist dieser Landstrich im Süden ein ganz neues Erlebnis. Während die junge Frau vom Meer hingerissen ist, muss sie allerdings erkennen, dass ihre Aufgabe in dem neuen Haushalt doch wesentlich schwieriger ist, als man ihr mitgeteilt hatte.

In dem gelben Ziegelhaus am Strand wohnt nicht nur die junge Lucy Craven, der sie Gesellschaft leisten soll, sondern auch ihre beiden sittenstrengen Großtanten. Lucys seelisches Gleichgewicht war schon vor der Niederkunft gestört, da ihr Großonkel es für ratsam befunden hatte, ihren frisch angetrauten Ehemann in die geschäftlichen Niederlassungen in China zu schicken. Dort soll Mr. Craven das Geschäft von Grund auf lernen - und hoffentlich nie wieder nach Hause kommen, damit er mit seiner Spielsucht nicht Lucys Vermögen verschleudern kann.

Ohne dieses Hintergrundwissen wundert sich Lizzie sehr, als ihr Lucy nicht nur erzählt, dass ihre Familie ihren Mann weggeschickt, sondern auch ihr Baby geraubt hat. Denn die junge Frau ist fest davon überzeugt, dass ihre kleine Tochter nicht gestorben ist, sondern aus irgendwelchen rätselhaften Gründen entführt wurde. Als Lucy dann auch noch blutüberströmt neben der Leiche des Rattenfängers Jed Brennan gefunden wird, scheint alles darauf hinzudeuten, dass die umnachtete Frau ihn ermordet hat. Doch so ganz ist Lizzie von Lucys Schuld noch nicht überzeugt und regt deshalb an, dass Benjamin Ross von Scotland Yard die Ermittlungen in diesem Mordfall übernehmen soll.

Während es Ann Granger ganz wunderbar gelingt, die Stimmung in diesem seltsamen Haushalt am Meer einzufangen und die verschiedenen Bewohner und Besucher zu charakterisieren, kommt bei diesem Kriminalfall doch nur sehr selten Spannung auf. Die Autorin beschreibt das Leben im viktorianischen England, die Armut, die mit der industriellen Revolution einhergeht, die Armenhäuser und die Situation der Waisenkinder, die unter mangelnder Fürsorge in Pflegefamilien aufwachsen, sehr plastisch und mitreißend - und doch gehen diese zum Teil überflüssigen Details zu Lasten des Kriminalfalls.

So kann der Leser bei der Lektüre von "Neugier ist ein schneller Tod" kaum miträtseln, was vielleicht hinter dem seltsamen Verhalten der jungen Lucy stecken mag, warum der faszinierende Dr. Lefebre beauftragt wurde, nach New Forest zu reisen oder welche Details Benjamin Ross bei seinen Ermittlungen enthüllen wird. Die Hintergründe des Falls liegen zu eindeutig vor dem Leser, die überraschende Auflösung ist schon nach wenigen Kapiteln absehbar und so bekommt man weniger einen Kriminal- als einen Gesellschaftsroman geboten.

Trotzdem kann die zweite Geschichte um Lizzie Martin und Benjamin Ross den Leser gut unterhalten. Ann Grangers gefälliger Erzählstil, die liebevoll beschriebenen Charaktere und die Einblicke in das englische Landleben um 1864 sorgen dafür, dass man mit diesem Roman ein paar vergnügliche Stunden verbringen kann. Selbst wenn der erfahrene Ann-Granger-Leser ein wenig befürchten muss, dass auch diese beiden Hauptfiguren zu einer langfristig in der Schwebe hängenden Beziehung miteinander gezwungen sind - wie es die Autorin schon ihren Figuren in den Mitchell-und-Markby-Büchern angetan hat -, ist das Zusammenspiel der Gesellschafterin mit dem Inspector doch so reizvoll geschildert, dass man neugierig ist, wie es mit diesen beiden in Zukunft weitergehen wird.

Fazit:

"Neugier ist ein schneller Tod" ist nicht gerade einer der Höhepunkte in der Schriftstellerkarriere von Ann Granger. Doch auch wenn die Kriminalgeschichte unglaublich vorhersagbar ist und sich die Autorin sehr darauf konzentriert, das Leben im Jahr 1864 aufzuzeigen, können die Erlebnisse der Gesellschafterin Lizzie Martin den Leser gut unterhalten. Gerade die liebevollen und detaillierten Beschreibungen der Figuren und das Zusammenspiel zwischen Lizzie und ihrem Inspector Benjamin Ross tragen deutlich zum Amüsement des Leser bei, ebenso wie die Schilderungen des gesellschaftlichen Wandels zu dieser Zeit.
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