Der vierte Mörder 
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Samstag, 7. März 2009

Der vierte Mörder

1. Band der Reihe

Verlag: Knaur
Erschienen: Dezember 2008
ISBN: 978-3-426-63649-7
Preis: 8,95 EUR

512 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
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Zum Inhalt:

"Am Tag der Geburt des Erlösers werden die Menschen brennen. Es wird unter der Erde geschehen. Die Strafe wird furchtbar sein." Anfang Dezember geht bei der Kölner Polizei ein anonymer Drohbrief ein, der für den 23.12. einen verheerenden Brandanschlag ankündigt. Ein Fall für Hauptkommissar Klemens Raupach. Doch der einst erfolgreichste Ermittler der Kölner Kripo wurde in den Innendienst, ins Polizeiarchiv, strafversetzt. Während sein Nachfolger mehr als halbherzig ermittelt, werden nach einem Brand auf einem Spielplatz ein weiterer Drohbrief und kurz darauf eine Leiche in einer Unterführung entdeckt. Raupach und seine junge, scharfzüngige Kollegin Photini Dirou nehmen sich inoffiziell des Falles an. Doch die Zeit zerrinnt den Ermittlern zwischen den Fingern, der 23.12. rückt unaufhaltsam näher, und erst als weitere brutale Morde gemeldet werden, erhält Raupach den entscheidenden Hinweis ...

Meinung:

Thomas Kastura ist mit "Der vierte Mörder" sprachlich wirklich ein überzeugender Roman gelungen. Doch die Handlung um den Kölner Ermittler Klemens Raupach macht es dem Leser - trotz der schönen Ausdrucksweise - nicht immer besonders leicht, bei der Stange zu bleiben. Nach einem rasanten Auftakt, bei dem man am 8. Dezember die qualvollen letzten Minuten eines Mannes erlebt, der bei lebendigem Leib verbrennt, springt der Autor in seiner Geschichte zurück, um die Ereignisse darzustellen, die zu diesem schrecklichen Mord geführt haben.

Sehr gemächlich lernt der Leser Klemens Raupach kennen. Der Hauptkommissar wurde vor drei Jahren nach einem Vorfall im Dienst ins Archiv abgeschoben. Dort darf er sich alte Akten ansehen, um zu entscheiden, ob genügend Hinweise für neue Ermittlungen gefunden werden könnten. Diese Figur ist der typische Vertreter des Polizisten, dessen Privatleben an seinem Beruf zerbrach, der nur für die Arbeit lebt - und von den Vorgesetzten natürlich nicht genug gewürdigt wird.

Am 1. Dezember erfährt der Hauptkommissar durch seine Kollegin Heide Thum von dem gerade angekommenen Drohbrief, der - unter Einbeziehung von Zeilen des Gedichts "Das Lied von der Glocke" - einen Brandanschlag für den 23.12. ankündigt. Während Klemens Raupach mit Hilfe seiner Kollegin aus dem Archiv, Photini Dirou, im Verborgenen seine eigenen Ermittlungen aufnimmt, lernt der Leser die verschiedenen Charaktere kennen, die direkt oder indirekt mit diesem Fall zu tun haben.

Auf den ersten Blick scheint Thomas Kastura kein Geheimnis aus der Identität des Mörders zu machen. Vor dem Leser entfaltet sich die verwirrende Welt eines gestörten Mannes, der sich am Todestag seiner Frau - die bei einem U-Bahn-Unglück ums Leben kam - an den Zeugen von damals rächen will. Zur Vorbereitung für seine Tat beobachtet Johan Land die Menschen in seiner Nachbarschaft, die jeden Tag für ihren Heimweg denselben Zug nehmen, vor den seine Frau Marta damals gestoßen wurde.

So begegnen dem Leser schon auf den ersten Seiten nicht nur der Hauptkommissar und der zukünftige Brandstifter, sondern auch die alleinerziehende Valerie Braq - die vor einem Jahr ihren brutalen Mann ermordete und dessen Tod bis heute als Unfall gilt - und ihre Tochter Sheila, die versucht, mit dem zu leben, was ihre Mutter getan hat. Auch der Türsteher Luzius, die Kioskbesitzerin Güsgen, der Arbeiter Yilmaz, der jeden Abend zu seiner Familie heimfährt, und das schwule Paar Mattes und Thierry tragen ihren Teil zur Geschichte bei, ebenso wie die verschiedenen Polizisten, die im Laufe der Zeit in die Ermittlungen involviert sind.

Auch wenn es faszinierend ist, wie die verschiedenen Leben unmerklich ineinandergreifen, und es Thomas Kastura sehr gut gelingt darzustellen, wie sehr ein Mensch, ohne es selbst zu wissen, Einfluss auf andere nimmt, kann einen der Anfang von "Der vierte Mörder" nur schwer fesseln. Trotz der interessanten Grundvoraussetzung ist es sehr mühsam, den Sprüngen zwischen den vielen Personen zu folgen. Gerade zu Beginn muss man als Leser immer wieder innehalten und sich vor Augen führen, mit welcher Figur man es in diesem Abschnitt schon wieder zu tun hat und welche Informationen man vorher zu ihr bekommen hatte.

Bei den Charakterdarstellungen schwankt der Autor zwischen Klischees und sehr gelungenen kleinen Beobachtungen zu menschlichen Gewohnheiten und Handlungen. Diese kleinen Details tragen deutlich zur Qualität des Buches bei und bringen einen dazu, fast darüber hinwegzusehen, dass einem sehr viele Figuren aus anderen Kriminalromanen nur zu vertraut vorkommen.

Im letzten Drittel von "Der vierte Mörder" zieht die Handlung deutlich an. Die verschiedenen Stränge der Geschichte verflechten sich immer enger, während der 23. Dezember näher rückt. Nicht immer sind die Beweggründe der Charaktere für den Leser nachvollziehbar, doch das kann man aufgrund der sich anbahnenden Katastrophe erst einmal übersehen. Inzwischen steht fest, dass Johan Land nicht der einzige Mensch ist, der für die verschiedenen Brand- und Todesfälle in der Adventszeit verantwortlich sein kann - und dem Autor gelingt es dabei immer wieder, den Leser mit den verschiedenen Wendungen zu überraschen. Leider übertreibt es Thomas Kastura bei der Auflösung seines Falles ein wenig. Denn so unterhaltsam überraschende Entwicklungen in einer Kriminalgeschichte auch sind, so wichtig ist es doch, dass die Motive der Täter am Ende nachvollziehbar sind - was in diesem Buch leider nicht der Fall ist.

Fazit:

"Der vierte Mörder" von Thomas Kastura löst beim Leser widersprüchliche Gefühle aus. Der Autor beherrscht eine wunderschöne Sprache, die man wirklich genießen kann. Doch das große Aufgebot an Charakteren, die sehr langsame Entwicklung der Handlung und die vielen Sprünge zwischen den Figuren machen es nicht immer einfach, bei diesem Krimi bei der Stange zu bleiben. In vielen Details beweist Thomas Kastura eine wunderbare Beobachtungsgabe für die kleinen Eigenheiten einer Person. Umso bedauerlicher ist es, dass er trotzdem mit seinen Figuren nur selten den Bereich der Klischees verlässt und die Motive seiner Charaktere nicht immer glaubwürdig darlegen kann. Ein Leser, der sich konzentriert auf diesen Roman einlässt, wird mit interessanten Verflechtungen der verschiedenen Handlungsstränge und im letzten Drittel des Buches mit einer rasant fortschreitenden Geschichte belohnt.
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