Vorstandssitzung im Paradies 
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Geschrieben von Ramona Böhm   
Mittwoch, 3. Dezember 2008

Vorstandssitzung im Paradies

Originaltitel: Paratiisisaaren vangit
Übersetzt von: Regine Pirschel

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Oktober 2008
ISBN: 978-3-404-77294-0
Preis: 4,99 EUR

175 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
9.0
Gesamtwertung
7.2

Wertung:
7.2
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Zum Inhalt:

Ein Flugzeugabsturz mitten im Paradies. Das von der UN gecharterte Flugzeug mit dem Ziel Indien stürzt die Passagiere in ein Abenteuer, das sie nicht erwartet haben. Mit viel Glück überleben fast alle und landen gemeinsam auf einer einsamen Insel. Gestrandet, hungrig und mutlos müssen sich die Überlebenden unterschiedlicher Nationalitäten zusammenraufen und versuchen, sich nicht gegenseitig anzufallen. Als erstes werden Anführer gewählt, aber schnell wird klar, dass das nicht ausreicht, denn schließlich wollen die verwöhnten Europäer ihren gewohnten Lebensstandard beibehalten.

Meinung:

Der 60-jährige Arto Paasilinna ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Finnlands. Er wurde schon mit zahlreichen nationalen und internationalen Literaturpreisen geehrt. Bisher hat Paasilinna 34 Romane veröffentlicht, die in 45 Sprachen übersetzt wurden. Viele seiner Bücher wurden auch verfilmt. Zu seinen Werken gehören unter anderem: "Der Sohn des Donnergottes", "Im Jenseits ist die Hölle los", "Der liebe Gott macht blau" und "Der wunderbare Massenselbstmord". Paasilinna wird oft als "Meister des skurrilen Humors" bezeichnet, was er auch in diesem Werk wieder unter Beweis stellt. Des Weiteren ist er dafür bekannt, in seinen Büchern gerne mal seine Landsleute auf die Schippe zu nehmen ...

Ein finnischer Journalist sitzt in einem von den Vereinten Nationen gecharterten Flugzeug, in dem sich außer ihm noch Krankenschwestern, Ärzte, Hebammen und Forstarbeiter befinden, die nach Indien unterwegs sind, um Entwicklungshilfe zu leisten. Das Flugzeug allerdings erreicht sein Ziel nie, denn es stürzt ab und nur mit viel Glück können sich die meisten der Passagiere retten. Die fast 50 Überlebenden verschlägt es auf eine einsame Insel, wo ein Abenteuer für jeden Einzelnen von ihnen beginnt.

Nach einigen Tagen findet der Journalist, der auch als Ich-Erzähler der Geschichte fungiert, zum ersten Mal andere Menschen und landet schließlich in einer Gruppe unterschiedlicher Nationalitäten - womit das Chaos schon vorprogrammiert wäre. Anfangs versuchen alle noch, mit dem Hunger, den widrigen Umständen und den kulturellen Unterschieden klarzukommen. Es werden drei Anführer gewählt, darunter auch der Journalist, doch schon kurz darauf bricht der erste Streit aus: Welche Sprache soll offiziell gesprochen werden? Finnisch, Schwedisch oder doch lieber Englisch? Aber das ist noch nicht alles. Als die Essensportionen aus dem versunkenen Flugzeug geborgen werden, kommt es zum ersten größeren Zwischenfall, denn der leere Magen treibt die Menschen dazu, sich wie Tiere zu benehmen. Zum Glück ist aber die Schamgrenze noch größer als das zerreißende Hungergefühl.

Während sich die einen Gott hingeben und auf ihre Religion vertrauen (so wird unter anderem durchgesetzt, dass eine der Leichen aus dem Sand ausgegraben wird, um ihr eine anständige Bestattung zu ermöglichen), versuchen die anderen, mit Hilfe ihres Verstandes eine Lösung für ihre Situation zu finden und einen Plan zu entwickeln. Aber nicht nur das. Paasilinna erzeugt in seinem Buch eine Absurdität ohnegleichen. So wird direkt in der ersten Woche eine Verhütungsklinik auf der Insel eingerichtet, um den Frauen Verhütungsspiralen einzusetzen, damit sich jeder seinen Lüsten hingeben kann, ohne unangenehme Folgen fürchten zu müssen. Eine Schnapsbrennerei und eine Sauna folgen in den kommenden Wochen.

Nach ersten Anlaufschwierigkeiten gelingt es den Überlebenden, sich zu Gruppen zu formieren, die verschiedene Aufgaben übernehmen: Fischfang, Jagd, Früchte sammeln und medizinische Versorgung für diejenigen, die krank sind oder den Flugzeugabsturz nur mit größeren Blessuren überlebt haben. Die Menschen versuchen mit allen Mitteln, die Zivilisation in die Wildnis der Insel zu bringen und schaffen u.a. ein kleines Strafgesetzbuch. Aber bald müssen sie feststellen, dass ihr unfreiwilliges Domizil gar nicht so einsam ist, wie sie dachten.

Der Leser kann sich bei Paasilinnas Buch nicht entscheiden, ob er hier eine getreue Wiedergabe der Wirklichkeit vor sich sehen oder in die fiktive Welt einer Trauminsel eintauchen soll. Wie würden Sie reagieren, wenn sie ein Überlebender eines Flugzeugabsturzes wären und mit unterschiedlichen - Ihnen völlig fremden - Menschen auf einer einsamen Insel stranden würden? Eines ist jedoch sicher: Der komödiantische Unterton des Autors schwingt in jeder Zeile mit. Der Erzähler berichtet trocken von seinen ersten - durchaus tristen - Tagen auf der Insel und den Begegnungen mit weiteren Überlebenden. Er erzählt von aufregenden Zwischenfällen, die einerseits durch die kulturellen Unterschiede der Menschen zu erwarten waren, aber andererseits zum Teil völlig unvorhergesehen kommen und dem Leser einen ungläubigen Seufzer entlocken. Stellenweise schafft es der Autor aber leider nicht, seine abgehobenen Ideen - die dennoch immer am Rande des Möglichen bleiben - so an den Leser zu vermitteln, dass keine langweiligen Phasen entstehen. Das Buch erweckt durch Paasilinnas Schreibstil mehr den Eindruck eines humorvollen Werkes, zu dem das Thema Flugzeugabsturz und das Hoffen auf Rettung nicht ganz passen wollen.

Fazit:

"Vorstandssitzung im Paradies" ist ein humorvolles Buch, das den Werdegang von 48 Überlebenden eines Flugzeugabsturzes schildert. Gemeinsam kämpfen sie auf einer entlegenen Insel ums Überleben und schmieden Pläne: Wie können sie ihren gewohnten Lebensstandard dort fortführen und - was noch viel wichtiger ist - wie können sie schnellstmöglich in die zivilisierte Welt zurückkehren? Ernst zu nehmen ist sicherlich nicht jedes Detail, wenngleich Arto Paasilinna immer an der Grenze zum Vorstellbaren schreibt. Der Leser kann sich nämlich durchaus mit dem Gedanken anfreunden, dass die Menschen - bei der Zeit, die ihnen zur Verfügung steht - auf der Insel eine Schnapsbrennerei, eine Sauna und eine Verhütungsklinik aufbauen, aber nicht umsonst gilt Paasilinna ja als "Meister des skurrilen Humors".
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