Der Traum meiner Mutter 
Bücher: Sachbuch Biografien
Geschrieben von Ramona Böhm   
Dienstag, 28. Oktober 2008

Der Traum meiner Mutter - Meine Kindheit in einer Bhagwan-Kommune

Originaltitel: De droom van mijn moeder - Het verhaal van een communekind
Übersetzt von: Axel Plantiko

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: September 2008
ISBN: 978-3-404-61641-1
Preis: 7,95 EUR EUR

222 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
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Zum Inhalt:

Maroesja Perizonius erzählt in ihrer Autobiografie von ihrem Leben in einer Kommune. Beinahe ihre gesamte Kindheit verbringt sie im Glauben an Bhagwan, der als Erleuchteter innerhalb seiner Gemeinschaft gilt. Das Leben in einer Bhagwan-Kommune wird als erfüllt und friedlich angepriesen. Gemeinsam mit ihrer Mutter zieht Maroesja deshalb einige Jahre nach ihrem Beitritt in eine dieser Kommunen. Dort lernt sie mit vielen Menschen auf engstem Raum zusammen zu leben. Sie engagiert sich durch ihre Arbeit in der Kommunen-Küche, um sich als hilfreicher Teil dieser Gruppe zu fühlen.

Meinung:

1978 reist die niederländische Maroesja Perizonius im Alter von sechs Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter zum ersten Mal nach Indien, um Bhagwan, einem geheimnisvollen "erleuchteten" Mann, zu begegnen. Dort werden beide zu Sannyasins (Schülern) von Bhagwan. Dieses Ereignis in ihrer frühen Kindheit hatte große Auswirkungen auf das zukünftige Leben von Maroesja. Viele Jahre nach dem Austritt aus der Kommune gelang es ihr, in Form eines Filmes über ihre Vergangenheit zu bereichten. Dennoch befriedigte sie dieser Film nicht. Maroesja Perizonius empfand ihn als wenig kritisch und zu zurückhaltend. Auf das Angebot, ein Buch über ihre Kindheit zu schreiben, ging sie deshalb gerne ein, um sowohl positive als auch negative Seiten der Bhagwan-Kommune aufzudecken.

Die Autorin berichtet nicht nur von ihrer Jugend in der Bhagwan-Kommune und dem Leben in einer Sekte, sondern auch von den Auswirkungen auf ihr Leben außerhalb. Sie erzählt von den Reisen nach Indien und später in die USA, die dazu dienen sollten, Bhagwan persönlich zu erleben. Sie spricht von den ungeschriebenen Gesetzen, die in der Sekte galten und die sie unbewusst auch nach ihrem Austritt weiterhin befolgte. Dem Leser werden die inneren Strukturen dieser Sekte aufgezeigt, die - wenn man sich schon mit ähnlichen Themen beschäftigt hat - nicht wirklich Neues bieten, für Neulinge aber durchaus einen umfangreichen Überblick bilden.

Eine Bhagwan-Kommune als Ort, an dem man sich selbst verwirklichen kann und Gleichgesinnte trifft - Maroesja Perizonius klärt den Leser auf, dass das Kommunen-Leben keinesfalls nur positive Seiten hatte, sondern dass es ebenfalls negative Erlebnisse gab. Eine Kommune, in der das Leben einer ständigen Überwachung unterlegen war und in der man nur akzeptiert wurde, wenn man genau den Regeln folgte. Ein kleiner Verstoß konnte schon zu größeren Problemen führen: Einmal befand sich die kleine Maroesja nicht beim "Drive-by" (dem "Straßenfest", bei dem die Sannyasins am Straßenrand stehen und auf Bhagwan warten), sondern in der Nähe eines Büros. Von dort wurde sie von einem "guard", der sie mit einem Gewehr bedrohte, verscheucht.

Das Leben in der Kommune gestaltete sich für Maroesja, die dort Chandra genannt wurde (der Name, den ihr Bhagwan gegeben hat), als routiniert und durchstrukturiert. Unterricht erhielt sie zwar, aber nicht in normalen Fächern wie Geschichte, sondern in Gesellschaftslehre. Zu Bhagwans Lehren zählt nämlich unter anderem, dass sich Kinder frei entfalten sollen und nicht durch zu viel Bildung - oder auch die Außenwelt - beeinflusst werden.

Maroesja Perizonius erzählt ihre Geschichte aus Sicht eines Kindes. Das Buch ist in Form eines Tagebuchs aufgebaut, in dem die junge Maroesja von ihrem Alltag berichtet. Ihre Lebensgeschichte beginnt mit sechs Jahren, als sie zum ersten Mal nach Indien reist. Diese Perspektive erscheint für den Leser weniger gut gewählt. Viele Zusammenhänge werden dadurch nur unzureichend, eben aus einer kindlichen Sichtweise, erklärt. Andererseits wird dem Leser durch diese Perspektive verdeutlicht, wie der kindliche, unerschütterliche Glaube an Bhagwan und sein System schrittweise ins Wanken gerät. Selbst aus Kinderaugen lassen sich das hierarchische System und die Ausbeutung der rangniederen Mitglieder nicht verleugnen: Bhagwan und seine engsten Mitarbeiter tragen schöne und teure Kleider. Der Guru besitzt teure Autos und zeigt sich seinen Sannyasins nur zu offiziellen Anlässen. Aber Maroesja Perizonius prangert in ihrem Buch nicht Bhagwan an, sondern hinterfragt in erster Linie das System und die intriganten Mitglieder der Kommune.

Der Klappentext des Buches warnt mit folgenden Worten: "Lesen Sie dieses Buch selbst, wenn Sie keine Angst davor haben, dass es Ihnen ein Stückchen aus Ihrem Herzen reißt." Er setzt hohe Erwartungen beim Leser, die das Buch aber leider nicht erfüllen kann. Die Autobiografie bietet auf jeden Fall einen guten Einblick in das Kommunenleben, sorgt aber keinesfalls für großartig schockiertes oder ungläubiges Kopfschütteln und kann daher auf den Leser enttäuschend wirken, wenn dieser mit zu hoch gesteckten Erwartungen an das Buch herangeht.

Fazit:

In der Autobiografie "Der Traum meiner Mutter" berichtet Maroesja Perizonius von ihrer Kindheit und Jugend in einer Bhagwan-Kommune. Sie beschreibt das arbeitsintensive Leben, das nur wenig Freizeit bietet. Durch das Buch erfährt der Leser vieles über die Strukturen und Regeln in einer Kommune und zugleich auch über die Schattenseiten: striktes Gehorchen, Waffengewalt und Korruption durch hochrangige Mitglieder. Für Neulinge auf dem Gebiet "Sekten und Kommunen" bietet der Band einen guten ersten Überblick. Leser, die bereits einiges an Hintergrundwissen aus diesem Bereich mitbringen, sollten sich allerdings darauf gefasst machen, dass das Buch streckenweise Langeweile hervorruft.
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