Die Pferdeflüsterin erzählt 
Bücher: Sachbuch Biografien
Geschrieben von Konstanze Tants   
Dienstag, 16. Dezember 2008

Die Pferdeflüsterin erzählt

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Mai 2008
ISBN: 978-3-404-60599-6
Preis: 8,95 EUR

252 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
Jetzt kaufen



Zum Inhalt:

Ein ungerittenes Pferd innerhalb von nur zwanzig Minuten an Sattel, Trense und Reiter zu gewöhnen, das schafft nur Monty Roberts - und seine beste Schülerin, Andrea Kutsch. In diesem Buch erzählt sie von wichtigen Ereignissen: vom ersten Pony, vom Wasser und Windsurfen, vom Wiedererwachen der Pferdeleidenschaft und von der ersten Begegnung mit Monty Roberts. Spannend schildert sie die wichtigsten Momente in ihrer Pferdelehre und wie das überwältigende Wissen des Meisters auf sie gewirkt hat. Ihre Botschaft lautet: Träume verwirklichen, wenn sie am stärksten sind, denn entscheidend ist die echte Leidenschaft.

Meinung:

So wie Monty Roberts und seine Lehre vom Umgang mit den Pferden die Gemüter erregt und die Welt der Reiter in mehrere Lager spaltet, so vielfältig werden wohl auch die Reaktionen der Leser auf seine bekannteste deutsche Schülerin Andrea Kutsch und ihr Buch "Die Pferdeflüsterin erzählt" sein. Dieser Titel ist keine reine Biografie, aber noch weniger ist es ein Ratgeber zu Monty Roberts' Lehre und ihre praktische Anwendung am Pferd. Dieses Buch beinhaltet vielmehr eine Mischung aus biografischen Elementen und Schilderungen von Erlebnissen, die Andrea Kutsch auf ihrem Weg von der klassischen Reiterei bis zu ihrem Aufbau der "Andrea Kutsch Akademie" geprägt haben.

Die ersten Kapitel zeigen dem Leser ein ganz normales, pferdeverrücktes kleines Mädchen, das gegen das Unverständnis der Eltern den Umgang mit den Nachbarponys durchgesetzt hat, bis die Erziehungsberechtigten irgendwann nachgaben und der Tochter ein eigenes Pony kauften. Abgesehen von dem Schock, als ihr angeblich verhaltensgestörtes Pony Dominik von einem Tag auf den anderen abgegeben wurde, verlief die Reitkarriere von Andrea Kutsch fast genauso wie die aller anderen pferdebesessenen Teenager in Deutschland. Doch trotz eines nicht geringen Erfolgs als Turnierreiterin empfand die Autorin den Umgang mit den Pferden, so wie sie ihn in den verschiedenen Ställen erlebte, nicht als befriedigend. Zu viele Fragen konnten ihr von den Pferdefachleuten nicht beantwortet werden, und das Tier allein als Sportgerät zu sehen, reichte der jungen Frau auch nicht mehr.

So kam es zu einem Ausflug in die Welt der Surfer, wo sie mit Leidenschaft und Hartnäckigkeit eine erfolgreiche Profikarriere begann. Doch die Sehnsucht nach den Pferden ließ sich nicht lange unterdrücken, und so folgte - nach der Gründung eines lukrativen Marktforschungsinstituts in Hamburg - der Aufbau eines Stalls, der sich auf die Ausbildung von Polopferden spezialisierte. Nur durch Zufall bekam Andrea Kutsch Monty Roberts' Buch "Der mit den Pferden spricht" in die Hände. Nach anfänglicher Skepsis, die auch durch den bekannten Film "Der Pferdeflüsterer" entstand, beschloss sie, einen Kurs auf der Ranch von Monty Roberts in Amerika zu belegen.

Nachdem Andrea Kutsch in diesen Lehrgängen die ersten faszinierenden Erfahrungen machen konnte, bei denen es nicht darum ging, das Pferd nach klassischen Methoden auszubilden, sondern zu lernen, auf die Körpersprache der Tiere einzugehen und so mit ihnen zu kommunizieren, ließ das Thema sie nicht mehr los. Nach intensiven Ausbildungsjahren in Amerika und Reisen mit Monty Roberts versuchte sie, das Gelernte in Deutschland weiterzugeben und sammelte viele Erfahrungen mit verschiedenen Pferden und ihren Besitzern, die sie in der zweiten Hälfte des Buches spannend zu schildern weiß.

Doch Andrea Kutsch musste auch erleben, dass es nicht leicht ist, andere Menschen mit der eigenen Begeisterung anzustecken. Gerade Leute, die Tag für Tag mit Pferden zu tun haben und sehr viel über diese Tiere wissen (oder zu wissen meinen), sind nicht immer offen für neue Theorien, die die ganze Sicht auf ihre Arbeit auf den Kopf stellen könnten. Nicht selten führt diese Skepsis dazu, dass Monty Roberts und seinen Schülern der Vorwurf der Scharlatanerie gemacht oder gar Tierquälerei vorgeworfen wird, da dies anscheinend die einzige Erklärung für diesen fast magischen Umgang mit dem Pferd sein kann.

Wer hingegen offen ist für alternative Theorien und sich bewusst die Aussagen von Verhaltensforschern oder Spezialisten zum Thema Körpersprache wie etwa Samy Molcho anschaut, mit denen Andrea Kutsch ihr Buch gespickt hat, der wird mit diesem Titel auf jeden Fall zum Nachdenken angeregt. Wenngleich die Autorin ihre Herkunft aus dem professionellen Pferdesport nicht verleugnen kann - was besonders deutlich wird, wenn sie ihr Erstaunen beschreibt, dass es Menschen gibt, die für die Arbeit mit einer sehr alten und "unnützen" Stute so viel Geld bezahlen -, gelingt es Andrea Kutsch doch auch, auf interessante Weise aufzuzeigen, wie sehr der veränderte Umgang mit Pferden ihr Leben bereichert hat.

Für sensible Tiermenschen sind viele ihrer Entdeckungen keine Überraschung. Hunde- oder Katzenbesitzer, die bewusst und intensiv mit ihren Tieren leben, erfahren jeden Tag, wie sensibel ihre Lieblinge auf die Körpersprache des Besitzers reagiert. Doch Pferde haben nun einmal in unserer Welt das Problem, dass heutzutage kaum ein Mensch wirklich mit ihnen lebt - und bei der Behandlung als Sportgerät oder abgeschoben in Stallungen ist ein Miteinander nur sehr eingeschränkt möglich. Reiter, denen es darum geht, Leistung aus ihren Pferden herauszuholen, werden sich zwar immer gut um die Gesundheit des Tieres kümmern, aber nicht selten erlebt man, dass der Seelenzustand des eigentlich empfindlichen Herdentieres nicht beachtet wird.

Angenehmerweise gibt Andrea Kutsch offen zu, dass sie bei jedem Pferd wieder etwas Neues dazulernt und dass sie jedes Mal, wenn sie sich in ihrer Arbeit zu sicher ist, auf die Nase fallen kann. Doch in erster Linie ist "Die Pferdeflüsterin erzählt" kein Werbemittel für den bewussten Umgang mit dem Pferd (oder gar für die neue "Andrea Kutsch Akademie" - auch wenn die Autorin über den Werbeeffekt sicher nicht böse sein wird), sondern ein packender Aufruf an den Leser, zu seinen Fragen zu stehen, Antworten zu suchen und seine Träume zu verwirklichen - selbst, wenn man sich mit mehr Schwierigkeiten konfrontiert sieht, als man glaubt, bewältigen zu können.

Fazit:

Bei "Die Pferdeflüsterin erzählt" darf der Leser keinen Titel erwarten, der tieferen Einblick in die Methoden Monty Roberts' bietet. Dieses Buch zeigt vielmehr Andrea Kutschs Weg von der Pferdesportlerin - und ihrem Ausflug in die Welt der Profisurfer - über ihre Ausbildungsphase in Amerika bis zum Aufbau ihrer eigenen Akademie, um den gewaltfreien Umgang mit Pferden nach den Lehren Monty Roberts in Deutschland weiter zu verbreiten. In erster Linie findet man hier eine spannende und interessante Lektüre, die nicht nur zu einem sensiblen Umgang mit dem Pferd aufruft, sondern den Leser auch dazu animieren soll, seinen ganz persönlichen Lebenstraum zu verwirklichen.
Weiterführende Infos