Wer die Toten stört 
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Freitag, 23. Mai 2008

Wer die Toten stört

Originaltitel: Them Bones
Übersetzt von: Dietmar Schmidt

1. Band der Reihe

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Januar 2001
ISBN: 978-3-404-14462-4
Preis: 7,45 EUR

444 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Keine Frau mit Selbstbewusstsein würde es so weit kommen lassen wie Sarah Booth: Unverheiratet, ohne Arbeit und über 30, steht sie kurz davor, Dahlia House, den angestammten Familienbesitz, zu verlieren. Und dann schlittert sie auch noch in einen handfesten Mordfall: Nach über 20 Jahren kehrt Hamilton Garrett V. in sein Elternhaus zurück, wo er als Kind seine Mutter getötet haben soll. Hat er es tatsächlich getan? Und ist es vernünftig, dass Sarah sich in den mutmaßlichen Mörder verliebt? Als sie zu viele Fragen stellt und eine weitere Leiche auftaucht, wird sie plötzlich selbst zur Verdächtigen - und muss feststellen, dass derjenige, der die Toten stört, sehr schnell mit einem Fuß im Grabe steht.

Meinung:

Mit dem Auftakt der Sarah-Booth-Delaney-Reihe führt Carolyn Haines den Leser in die Oberklasse des amerikanischen Südens ein. In einer Welt, die von "Daddy's Girls" und "Buddy Clubbers" bestimmt wird, sticht die ungewöhnliche Figur der Sarah Booth hervor. Mit vielen kleinen Szenen stellt die Autorin den Lesern die Stadt Zinnia im Mississippi-Delta vor. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ehemalige Plantagenbesitzer, deren Wichtigkeit auf dem ererbten Geld und ihrer Stellung in der Gesellschaft basiert, die Töchter reicher Väter, deren einziges Ziel darin besteht, eine vorteilhafte Heirat einzugehen, und viele mehr oder weniger exzentrische Charaktere beherrschen das Bild in Zinnia.

Wer vor diesem Hintergrund einen düsteren Krimi erwartet, der den Leser vor Spannung atemlos zu den letzten Seiten des Romans hetzen lässt, wird von "Wer die Toten stört" enttäuscht sein. Liebhaber von gut erzählten Geschichten, die zusätzlich mit einem rätselhaften Verbrechen gewürzt sind und in einem stimmig gezeichneten Milieu stattfinden, werden mit diesem Buch hingegen voll auf ihre Kosten kommen. Allerdings muss man auch bereit sein, sich auf Sarahs ungewöhnlichen Hausgeist Jitty einzulassen.

Während ihre Schulfreundinnen inzwischen mindestens eine Hochzeit hinter sich gebracht haben und gut versorgt von Ehemann und Vater ein sorgloses Leben genießen, hat Sarah Booth versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Nachdem sie als Schauspielerin in New York gescheitert ist, findet sie sich auf dem maroden Familienbesitz "Dahlia House" wieder. Dieser müsste dringend renoviert werden, eine Hypothek könnte zur baldigen Zwangsversteigerung führen und Sarah Booth Delaney sieht keine Möglichkeit, ihr Erbe zu retten.

Natürlich steht ihr der übliche Weg einer reichen Tochter aus gutem Hause offen: Der Bankier Harold Erkwell wäre nur zu gerne bereit, Sarah mit einer Hochzeit aus ihrer Misere zu retten. Doch sie will unbedingt ihre Unabhängigkeit behalten - und entscheidet sich auf Anraten ihres Hausgeistes Jitty dazu, den Schoßhund ihrer Freundin Tinkie Richmond zu entführen.

Dieser verzweifelte Entschluss stellt Sarahs ganzes Leben auf den Kopf. Tinkie bittet sie als ihre beste Freundin darum, die Lösegeldübergabe in die Hand zu nehmen. Nachdem Sarah den kleinen Hund heil bei seiner Besitzerin abgeliefert hat, verbreitet sich ihr Erfolg bei dieser anscheinend heiklen Mission schnell in der ganzen Stadt. Und Tinkie hat nach der Rettung ihres Schoßtieres auch schon den nächsten Auftrag für die "heldenhafte" Freundin parat. Sie möchte unbedingt wissen, ob ihr ehemaliger Liebhaber für den Mord an seiner Mutter verantwortlich ist.

Auch wenn Sarah nicht den üblichen Weg eines reichen Mädchens aus den Südstaaten gegangen ist, kennt sie sich doch nur zu gut in der komplizierten Gesellschaft des Mississippi-Deltas aus. Mit bezauberndem Augenaufschlag und enervierender Hartnäckigkeit versucht sie alles, um Tinkies Auftrag zu deren Zufriedenheit zu erfüllen, obwohl sie von allen Seiten mit mehr oder weniger unverhüllten Drohungen daran gehindert wird.

Carolyn Haines gelingt es im Laufe des Falls, eine Stadt darzustellen, in der sich seit dem Bürgerkrieg nicht viel verändert zu haben scheint. Natürlich ist die Sklaverei inzwischen abgeschafft worden, aber ansonsten bestehen immer noch die gleichen Machtverhältnisse in Zinnia. In einem Sumpf aus Beziehungen, Erpressung und Abhängigkeiten versucht ein jeder, nur sein Gesicht zu wahren. Kaum etwas ist wichtiger, als den guten Ruf in der Öffentlichkeit zu erhalten, obwohl doch unter der Hand schon lange bekannt ist, dass nicht jede Weste in der "höheren" Gesellschaft blütenrein ist.

Auch wenn die Erzählung zwischenzeitlich ein wenig an Spannung verliert, ist "Wer die Toten stört" doch überaus unterhaltsam. Die in ihrer oft liebenswerten Exzentrik detailliert geschilderten Figuren, der ungewöhnliche Einfall, Sarah Booth mit dem inzwischen verstorbenen Kindermädchen ihrer Ururgroßmutter unter einem Dach leben zu lassen und der sich am Ende überraschend rasant entwickelnde Kriminalfall sorgen definitiv für überaus gelungene Lesestunden.

Fazit:

Mit "Wer die Toten stört" bekommt der Leser zwar keinen tiefgründigen, dafür aber einen sehr liebevoll ausgearbeiteten Roman in die Hände, der für angenehme Unterhaltung sorgt. Carolyn Haines gelingt es, ihre ungewöhnlichen und teilweise skurrilen Figuren überzeugend auszuarbeiten. Die Stadt Zinnia übernimmt dabei die eigentliche Hauptrolle, denn ohne die jahrhundertealten Beziehungen ihrer Bewohner zueinander und die niemals in Frage gestellten Traditionen wäre niemals ein so stimmiger Hintergrund für die Geschichte rund um Sarah Booth Delaney und ihre Freunde entstanden. Trotz kleinerer Längen in der Mitte des Buches bietet die Erzählung neben dem erfrischenden Humor auch einen gelungenen Kriminalfall, der am Schluss in einem spannenden Höhepunkt endet.
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